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Klimaschutz Autobahn GmbH erhält Streusalz weiter per Lkw – Häfen schlagen Alarm

Güter sollen runter von der Straße, rauf auf Schiene und Wasserwege, so das Ziel der Politik. Doch ausgerechnet die Autobahn GmbH lässt sich ihr Streusalz per Lkw liefern.
18.10.2021 - 12:49 Uhr 2 Kommentare
Würde das Salz per Schiff geliefert werden, ließen sich Staus auf hoch belasteten Autobahnen wie der A3, A6, A9, A73 und A99 verringern. Quelle: dpa
Stau auf der Autobahn

Würde das Salz per Schiff geliefert werden, ließen sich Staus auf hoch belasteten Autobahnen wie der A3, A6, A9, A73 und A99 verringern.

(Foto: dpa)

Berlin Der Winter kann kommen: Gut 400.000 Tonnen Streusalz lagern die Autobahnmeistereien dieser Tage von Flensburg bis Rosenheim ein, um für die kalten Tage gerüstet zu sein und schnell reagieren zu können, wenn Eis und Schnee den Verkehr lahmzulegen drohen. Das Transitland Deutschland muss funktionieren.

Weit mehr als 100.000 Tonnen benötigt allein Bayern, doch wird es gerade dort viele Staus geben. Der Grund ist nicht das Klima: Das Salz erhält die Autobahngesellschaft des Bundes nicht via Bahn oder Binnenschiff, den perfekten Transportmitteln für ein Massengut wie Streusalz.

Unzählige Lkw rücken aus, Zigtausende Fahrten sind nötig, um die Menge in die Lager zu schaffen. In anderen Bundesländern dürfte die neue Zentralbehörde nicht anders vorgehen.

Es ist kurios: Deutschland hat sich ambitionierte Klimaziele gesetzt und muss im Verkehrssektor unglaublich viel CO2 einsparen. Zugleich aber lässt die Bundesbehörde die Belieferung mit Streusalz ausschreiben und in Bayern mit der Heilbronner Südwestdeutsche Salzwerke AG („Bad Reichenhaller“) an ein Unternehmen vergeben, das zur Hälfte dem grün regierten Bundesland Baden-Württemberg gehört, eine Reederei sein Eigen nennt und dennoch öffentliche, mit Steuergeldern finanzierte Binnenhäfen umfährt.

Die Ausschreibungsunterlagen liegen dem Handelsblatt vor. Es geht in neun Losen um 180.000 Tonnen Auftausalz. Davon könnten 140.000 Tonnen per Binnenschiff etwa nach Nürnberg, Kelheim oder Straubing verbracht und dann die restlichen Kilometer in die vorgeschriebenen Hallen weiter per Lkw gefahren werden, wie es in Branchenkreisen hieß. Doch ist die Ausschreibung klar auf den Lkw ausgelegt – und soll auch so bleiben.

Ist der Transport klimaverträglich?

„Die wirtschaftliche Wahl des Transportmittels ist dem Auftragnehmer überlassen“, erklärt das Bundesverkehrsministerium auf Anfrage. „Beliefert wurden die bestehenden Standorte/Salzhallen in den Autobahnmeistereien und die aktuell genutzten Zentrallager.“

Das Salz wird in vielen Teilen Deutschlands per Lkw transportiert. Quelle: dpa
Streusalz für den Winter

Das Salz wird in vielen Teilen Deutschlands per Lkw transportiert.

(Foto: dpa)

Der Vizepräsident des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt, Roberto Spranzi, kritisiert die Praxis. Sie widerspräche „dem grundsätzlichen politischen Willen, zum Schutz der Umwelt und zur Entlastung der Infrastruktur Gütertransporte von der Straße auf die Schiene und die Wasserstraße zu verlagern“.

Bei der Südwestsalz wollten sich die Verantwortlichen nicht äußern. Es hänge „von vielen Faktoren ab“, welches Transportmittel das beste für das jeweilige Logistikkonzept sei, hieß es nur. Auch zu Berichten, das Angebot habe 42 Prozent über dem des Vorjahres gelegen, gab es keinen Kommentar.

Hingegen äußerte sich für das Land Baden-Württemberg als Anteilseigner Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne): „Grundsätzlich ist bei derartigen Ausschreibungen darauf zu achten, dass die Transporte möglichst klimaverträglich abgewickelt werden“, sagt er.

Dies sollte „ein wichtiges Vergabekriterium“ sein. Die großen Salzlager und die Autobahnmeistereien verfügten aber „weder über einen Hafen noch über einen Schienenanschluss“. Sie müssten daher über die Straße beliefert werden. Er hofft auf Wasserstoff- oder Elektro-Lkw. Experten aber widersprechen. Bei Lieferung per Schiff ließen sich Staus auf hochbelasteten Autobahnen wie der A3, A6, A9, A73 und A99 verringern.

Die Salzlager sind heute alle leer

Offenkundig gibt es kein Interesse mehr daran, große Salzlagerhallen anzumieten. Dies sei 2010 nur eine „Zwischenlösung“ gewesen, hieß es beim Bundesministerium, „bis ausreichende Lagerkapazitäten an den Meistereien durch die Vergrößerung der vorhandenen dezentralen Salzhallen direkt an den Meistereien sowie den Bau zusätzlicher Salzhallen direkt an der Autobahn geschaffen werden konnten“. Da aber kann kein Schiff und keine Bahn halten. Stattdessen fahren die Lkw viele Tausende Kilometer mit Salz – und kehren leer wieder zurück.

Binnenschiffe sind ideale Transportmitteln für ein Massengut wie Streusalz. Quelle: dpa
Frachtschiff

Binnenschiffe sind ideale Transportmitteln für ein Massengut wie Streusalz.

(Foto: dpa)

„Der Großteil des Salzes“ wird „direkt zu den dezentralen Lagerhallen an den Meistereien per Lkw gefahren“, bestätigt das Ministerium. So stünde niemand vor leeren Lagern, wenn es mal schneie. Die Sorge sei „durch den Bau eigener Lagerkapazitäten direkt vor Ort verringert“ worden.

Vor Jahren hingegen waren Streusalzlager eigens an Hafenstandorten gebaut worden, etwa in Regensburg für die Südsalz AG, die längst Teil des Heilbronner Unternehmens ist. In der Halle lagert längst kein Salz mehr, sondern Schwergut. Auch im Hafen Straubing-Sand lagerte einst viel Salz, heute kein Gramm mehr, stattdessen eher Düngemittel und Biomasse.

Scheuer wirbt mit Fördergeld für Schiffstransporte

„Es ist volkswirtschaftlich nicht nachzuvollziehen, Streusalz per Lkw zu transportieren“, sagt Andreas Löffert, Chef des Straubinger Hafens. Im Sommer erst hatte er das 25-jährige Bestehen des Zweckverbandhafens im Beisein von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gefeiert. Der warb mit Fördermitteln für die Verlagerung von Verkehr aufs Schiff und sagte: „Die Gelder sind da, greifen Sie zu.“ Das Fest fand in einem Zirkuszelt statt.

Verwunderung über den Bund herrscht im bayerischen Verkehrsministerium. „Sollte es so sein, dass die Autobahn GmbH die Möglichkeit, Hallen für den Salzumschlag in bayerischen Häfen zu nutzen, nicht mehr vorsieht, so ist dies aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar“, erklärte ein Sprecher.

Der Freistaat stelle es in seinen aktuellen Ausschreibungen „dem Wettbewerb und damit den potenziellen Auftragnehmern frei, wie die Transportkette gestaltet wird. Sie könnten somit durchaus einen teilweisen Transport per Schiff oder Bahn wählen.“

Doch wird dies in den Häfen anders wahrgenommen. „Es ist ein reines Lippenbekenntnis der Politik, Verkehr aufs Schiff verlagern zu wollen“, kritisieren Hafenbetreiber hinter vorgehaltener Hand. Die Verwaltung bremse und führe das Vergaberecht ins Feld, anstatt mutig voranzugehen und vorzugeben, dass ein Lieferant nur so viel CO2 emittieren darf wie nötig. Die Häfen seien problemlos in der Lage, 50 Prozent mehr Güter übers Schiff abzuwickeln als heute.

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Wie desolat die Lage ist, zeigt sich an der landeseigenen Gesellschaft Bayernhafen. Gerade einmal drei Millionen Tonnen wurden laut letztem Geschäftsbericht 2019 in den Häfen Bamberg, Nürnberg, Roth, Regensburg und Passau via Schiff umgeschlagen.

2020 war es kaum mehr, „circa 10.000 Tonnen“ Streusalz, wie eine Sprecherin erklärte. 2005 wurden noch Güter von fast sechs Millionen Tonnen über das Schiff abgewickelt. So viel schafft inzwischen wenigstens die Bahn. Während die Anteile der Bahn und des Lkws wachsen, schrumpft der Schiffstransport weiter. „Die Häfen mutieren zu großen Bahnhöfen“, heißt es kritisch zu den Umschlagszentren.

Häfen kassieren – mit und ohne Schiffsgüter

Die Häfen selbst haben offenkundig nicht zwingend Interesse zu intervenieren. Sie kassieren so oder so: Die Mieter müssen Mengen zusagen, die sie über das Schiff im Hafen abwickeln. Jede Tonne weniger bedeutet Strafen. „Man lässt sich mit Steuergeldern einen Hafen bauen, überträgt das Risiko der Kapazitätsansiedlung auf die Ansiedler und schreibt ihnen noch kalkulatorische Ziele vor, die sie zusätzlich zu den Standortkosten auszugleichen haben“, ärgern sich Hafenkunden über den Status quo. Von einem Euro netto je ausgefallener Tonne und steigenden Mieten ist die Rede.

Der Straubinger Hafenchef Löffert fragt indes: „Wie sollen die Anleger ihrer Garantiemengen bringen, wenn die öffentlichen Auftraggeber nicht mithelfen?“

Die landeseigene Bayernhafen bezeichnet ihre Häfen offiziell als „Schlüsselstellen für die Verkehrsverlagerung“ und die „trimodale Vernetzung der Verkehrsträger Schiff, Bahn und Lkw und die hieraus entstehende Standortattraktivität, insbesondere für Unternehmen aus dem Bereich Transport und Logistik“, als „Erfolgsfaktor“. Bei den Bayernhäfen machen inzwischen Touristenschiffe einen beträchtlichen Teil des Umsatzes aus.

Streusalz dürfte in naher Zukunft weiterhin nicht für die Autobahngesellschaft ankommen. „Der Winterbezug 2021/22 wird analog zum Sommerbezug ausgeschrieben“, erklärte das Bundesministerium.

Mehr: Leere Baustellen und kilometerlanger Stau: Chaos bei der Autobahngesellschaft.

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2 Kommentare zu "Klimaschutz: Autobahn GmbH erhält Streusalz weiter per Lkw – Häfen schlagen Alarm"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Das bayrische CSU-Verkehrsministerium zeigt sich verwundert über das Bundesverkehrsministerium, das seit 11 Jahren von bayrischen CSU-Ministern geleitet wird. Und das, obwohl genau diese Bundesverkehrsminister allesamt Verkehrspolitik quasi für Bayern machen. Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen stellt Andreas Scheuer selber dar. Wundert sich jemand da jemand tatsächlich über solche, imkompetenten Vorgänge?

  • Muss man dazu was sagen.....nur wundern.

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