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KlimawandelWasserwirtschaft fordert Geld aus dem Sondervermögen

Mit den Hitzewellen wird Wasser rar. Die Wasserwirtschaft fordert Geld und Vorrangregeln, um des Problems Herr zu werden. Einen Vorschlag aus der Wissenschaft lehnt die Branche ab.Daniel Delhaes, Silke Kersting, Dietmar Neuerer 03.09.2025 - 07:13 Uhr Artikel anhören
Wasserverbrauch: Vorsorge für regionale und temporäre Engpässe müsse jetzt getroffen werden, fordern Wasserexperten. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Berlin. Angesichts einer zunehmenden Wasserknappheit fordert die Wasserwirtschaft grundlegende politische Weichenstellungen. Während auch in der Wissenschaft und Wirtschaft das Problem teils heftig diskutiert wird, zeichnet sich in einzelnen Regionen bereits ab, wie dringend Lösungen gebraucht werden.

„Genehmigungsverfahren insbesondere für Fernwasser- und lokale Anbindungsleitungen müssen dringend vereinfacht und beschleunigt werden“, fordert Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer für Wasser und Abwasser beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die nötigen Infrastrukturprojekte für eine resiliente Wasserversorgung sollten Bund und Länder aus dem neuen Sondervermögen finanzieren.

Länder und Kommunen sollten „die Ertüchtigung oder den Bau von Wasserwerken, neuen Fernleitungen, regionalen Quervernetzungen und lokalen Verbindungsleitungen aus dem Infrastrukturfonds finanzieren, den der Bund zur Verfügung gestellt hat“, konkretisierte der Wasserexperte gegenüber dem Handelsblatt. Schließlich beträfen die Klimawandelanpassungsstrategien „alle“.

Allein in den Jahren 2018 bis 2020 sei der Wasserbedarf in Hitzephasen um 60 Prozent im Vergleich zu Normalzeiten gestiegen. Er fordert daher ein „Infrastrukturbeschleunigungsgesetz für Wasser“. Während die Infrastruktur aus dem Sondervermögen zu finanzieren sei, müsse der Bund klären, wer auf Dauer die Kosten übernehme, damit die Branche Infrastruktur vorhalte, um für wasserarme Zeiten gewappnet zu sein.

Lange Trockenzeiten sorgen für knappes Wasser

Berthold Niehues, Leiter Wasserversorgung beim Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW), unterstützt die Forderungen des BDEW: Es seien vereinfachte Genehmigungsverfahren für Wasserinfrastrukturprojekte nötig, „ähnlich wie dies im Energiesektor gemacht worden ist“, sagte er dem Handelsblatt. Der Experte des Vereins, der unter anderem Regeln und Standards für die Gas- und Wasserversorgung setzt, warnte: „Es kann Regionen geben, wo das lokale natürliche Wasserangebot künftig nicht mehr ausreicht, um sämtliche Wasserbedarfe aller Nutzergruppen wie beispielsweise Industrie und Gewerbe zu erfüllen.“

Die Rappbode-Talsperre im Harz, Sachsen-Anhalt: Die Trinkwasserversorgung sorgt angesichts der immer längeren Hitzeperioden für intensive Diskussionen. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Immer häufiger seien längere Trockenzeiten und teilweise erhebliche Niederschlagsdefizite zu beobachten, die lokal direkte Auswirkungen auf die öffentliche Wasserversorgung haben könnten. In diesen Fällen sei zu überlegen, wie Wasser aus anderen Regionen herbeigeschafft werden könne, sagte Niehues. Beispiele dafür gebe es in Deutschland. So werde der Großraum Stuttgart bereits seit vielen Jahrzehnten mit Wasser aus anderen Regionen über Fernwasserleitungen versorgt, etwa aus dem Bodensee.

Wasser ist auch ein Wirtschaftsfaktor.
Berthold Niehues
DVGW

Eine weitere Option sei, neue Wassergebiete zu erschließen. Allerdings seien die wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren langwierig. „Das muss sich ändern“, fordert Niehues. Künftig werde es auch bei Industrieansiedlungen nötig sein, die Wasserversorgung von Anfang an mitzudenken. Längst gelte: „Wasser ist auch ein Wirtschaftsfaktor.“

Dass dringender Handlungsbedarf besteht, zeigen auch Einschätzungen des Umweltbundesamtes (UBA). Die Behörde verweist auf die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wassernutzung. „Trockenperioden, veränderte Niederschlagsmuster und damit einhergehend sinkende Grundwasserspiegel und Flusswasserstände können zu einem Ungleichgewicht zwischen Wasserbedarf und -angebot führen“, sagte UBA-Wasserexperte Jörg Rechenberg dem Handelsblatt.

„Die daraus entstehenden regionalen und saisonalen Knappheitsphasen verschärfen Nutzungskonflikte zwischen verschiedenen Wassernutzungen“, führte er weiter aus. Als Beispiele nannte Rechenberg die Energieerzeugung, die Trinkwasserversorgung, die Industrie und die Landwirtschaft.

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Alle Wassernutzer sollten daher sorgsam mit Wasser umgehen. Der UBA-Experte hält es für realistisch, Bewässerungen bundesweit einzuschränken. Die Landkreise könnten mit sogenannten Allgemeinverfügungen etwa verfügen, weniger Wasser zum Bewässern von Gärten und Sportplätzen oder für den heimischen Pool zu verwenden, sagte Rechenberg.

Einen gänzlich anderen Vorschlag hat in diesem Jahr die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) unterbreitet. Sie forderte in einer Stellungnahme „Anreize zur Erprobung und Adoption von Innovationen“. Dazu sollten die Unternehmen der Wasserwirtschaft in sogenannten „Reallaboren“ neue Technologien ohne die bestehenden Regulierungen ausprobieren können.

Ökonomen fordern höhere Preise und Fusionen

Um das Wassermanagement zu verbessern, ist aus Sicht des EFI zunächst ein digitales Wasserregister vonnöten, um über ausreichend Daten zu verfügen. Auch machen sich die Wissenschaftler stark für „eine Bepreisung“, wenn Wasser knapp wird. „Auf diese Weise können knappheitsinduzierte Anreize zur Adoption und Generierung innovativer technologischer Lösungen entstehen“, heißt es in dem Bericht. Die EFI empfiehlt ebenso, dass sich die vielen kleinen Wasserwirtschaftsbetriebe zu größeren Einheiten zusammenschließen, weil diese tendenziell innovativer seien.

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Branchenvertreter Weyand widersprach der These, dass eine zentralisierte Wasserwirtschaft innovativer sei, und nannte Großbritannien als Beispiel. „Es gibt dort höhere Wasserverluste im Versorgungssystem als in Deutschland, und die Versorgungssituation ist von der Quantität und Qualität nicht mit der in Deutschland vergleichbar“, sagte er.

In Deutschland seien Wasser und Abwasser Teil der Daseinsvorsorge. Gemeinden und Körperschaften seien zuständig, würden auch kooperieren oder gar Gemeinschaftsunternehmen gründen.

Längst wird nach seiner Aussage daran gearbeitet, Angebot und Nachfrage durch Infrastrukturprojekte auszugleichen. Dazu gehörten etwa Fernwasserleitungen wie die vom Bodensee bis Stuttgart oder vom Harz nach Leipzig und in die norddeutsche Tiefebene sowie Talsperrensysteme wie im Sauerland oder in Franken.

Einzelne Beispiele für Mangelverwaltung gibt es bereits

Inzwischen sind auch andere Branchen besorgt, etwa die Wohnungswirtschaft. „Für eine steigende Bevölkerung und mehr Wirtschaftskraft müsste Trinkwasser aus weiter entfernten Regionen herangeschafft werden“, sagte Petra Müller, Entwicklungschefin beim Grundstücksentwickler Periskop Development. Das sei machbar, „aber teuer, langwierig und politisch heikel“.

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Ohne Lösungen bleibt den Wasserverbänden ihrer Ansicht nach nichts anderes übrig, als den Mangel zu verwalten. „Sie werden in Genehmigungsverfahren zu einem Nadelöhr – und das ist nicht nur Bürokratie, sondern knallharte Ressourcenpolitik.“

Im Bereich des Wasserverbandes Strausberg-Erkner in Brandenburg etwa sei „das längst Realität“, sagte Müller. Dort gibt es seit der Ansiedlung des Auto- und Batteriebauers Tesla angesichts des stark gestiegenen Wasserverbrauchs intensive Debatten. BDEW-Hauptgeschäftsführer Weyand bestätigte: „In Ost-Brandenburg gibt es angesichts der lokalen Wasserknappheit bereits ein Beispiel für die Kontingentierung des Wassergebrauchs.“

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