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MetallindustrieArbeitgeber provozieren die IG Metall mit Forderung nach Nullrunde

Noch bevor die Gewerkschaft eine Forderung aufgestellt hat, wiegelt der einflussreiche Verband Südwestmetall ab. Die Unternehmen plagt vor allem ein Faktor.Frank Specht 11.06.2024 - 10:20 Uhr
Metallbetrieb in Baden-Württemberg: Im Südwesten liegt der Durchschnittsverdienst in der Metall- und Elektroindustrie bei rund 75.000 Euro im Jahr. Foto: Uwe Anspach/dpa

Berlin. Die Metall- und Elektroindustrie steuert auf eine aufgeheizte Tarifrunde im Herbst zu. Noch bevor die Gewerkschaft IG Metall überhaupt ihre Forderung aufgestellt hat, dämpft der einflussreiche Arbeitgeberverband Südwestmetall die Erwartungshaltung für Arbeitnehmer und provoziert mit der Forderung nach einer Nullrunde.

„Zu verteilen gibt es aktuell überhaupt nichts“, sagte der stellvertretende Südwestmetall-Vorsitzende und Verhandlungsführer, Harald Marquardt, am Montag bei der Präsentation der Ergebnisse einer neuen Verbandsumfrage. Die IG Metall müsse bei ihrer Forderung die Realität im Blick behalten, betonte Marquardt: „Die richtige Zahl wäre eine Null.“

Der IG-Metall-Vorstand wird am 17. Juni eine Forderungsempfehlung abgeben, die anschließend in den regionalen Tarifkommissionen beraten wird. Der Forderungsbeschluss erfolgt dann am 8. Juli. IG-Metall-Chefin Christiane Benner hatte am Wochenende schon deutlich gemacht, dass es vorrangig um Lohnprozente gehen dürfte, während andere Forderungen wohl nur eine Nebenrolle spielen.

„Die Inflation mag sich abschwächen, die Preise bleiben aber hoch“, teilte sie am Wochenende anlässlich der Präsentation der Ergebnisse einer Beschäftigtenbefragung mit. „Die Beschäftigten erwarten von den Arbeitgebern spürbar sowie dauerhaft mehr Geld gegen den Preisdruck.“ Und Nadine Boguslawski, die im IG-Metall-Vorstand für die Tarifpolitik zuständig ist, sagte: „Es gibt etwas zu verteilen.“

Südwestmetall-Vize Marquardt sieht aber wenig Spielraum und verweist auf die schwierige wirtschaftliche Lage. Von Januar bis April lag der Auftragseingang der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg um 8,2 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Bei der Produktion betrug das Minus sogar 9,2 Prozent.

Viele Unternehmen erwarten einen Rückgang bei Produktion und Aufträgen

Rund zwei von drei der von Südwestmetall befragten Mitgliedsfirmen erwarten, dass Produktion und Auftragseingänge im Gesamtjahr zurückgehen werden. Rund die Hälfte rechnet auch mit sinkender Beschäftigung.

Bei den Faktoren, die die Geschäftsentwicklung hemmen, stehen für die Unternehmen die hohen Arbeitskosten ganz weit oben, sie wurden von 91 Prozent der Befragten genannt. Im bundesweiten Durchschnitt kostet eine Arbeitsstunde in der Metall- und Elektroindustrie rund 50 Euro, das Durchschnittsentgelt in der Branche liegt in Baden-Württemberg bei 75.000 Euro.

Auf Rang zwei der Belastungsfaktoren folgt die hohe Bürokratie mit 72 Prozent, noch vor den hohen Energiepreisen, die rund die Hälfte der Unternehmen als belastend empfindet.

Marquardt, der zugleich Vorstandschef des gleichnamigen Mechatronik-Unternehmens ist, sieht auch deshalb keinen Verteilungsspielraum, weil die Produktivität sich negativ entwickele und die Inflation kaum noch oberhalb der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) von zwei Prozent liege. Eine Lohnforderung jenseits von null Prozent entbehre also jeder Grundlage, sagte Marquardt – wohl wissend, dass die IG Metall das anders sehen dürfte.

Die Gewerkschaft hat im Vorfeld der Forderungsempfehlung rund 318.000 Beschäftigte befragt. Dabei gaben 72 Prozent der Befragten an, dass sie die dauerhaft gestiegenen Kosten spürten und die IG Metall deshalb für eine Stärkung der Kaufkraft eintreten solle. Die Beschäftigten wünschen sich aber auch selbstbestimmte Arbeitszeiten, die Sicherung von Standorten und Beschäftigung und eine Absicherung für das Alter. Auch diese Themen könnten in die Forderungsempfehlung einfließen.

Der Verhandlungsführer der baden-württembergischen Metallarbeitgeber warnt aber vor den Folgen, sollte die Gewerkschaft mit überzogenen Forderungen antreten. Denn schon heute investierten die Unternehmen bevorzugt im Ausland, weil der Standort Deutschland nicht mehr attraktiv sei.

Von den befragten Mitgliedsunternehmen berichteten nur 36 Prozent, in den vergangenen fünf Jahren die Investitionen im Inland gesteigert zu haben. Dafür haben aber 68 Prozent der Betriebe die Investitionen im Ausland erhöht.

Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts machen rund 38 Prozent der Metall- und Elektrobetriebe in Deutschland Verluste oder verzeichnen eine Umsatzrendite von weniger als zwei Prozent. Da sei der Spielraum für Investitionen äußerst eng, betonte Marquardt. Und wenn jetzt die Kosten noch weiter stiegen, könne er keinem Unternehmen verübeln, lieber im Ausland zu investieren.

Auch die IG Metall erkennt die Heterogenität in der Branche an. Doch in der Beschäftigtenbefragung gaben 80 Prozent der Befragten an, dass die wirtschaftliche Lage ihres Betriebs in Ordnung sei, 44 Prozent beurteilten sie sogar als gut oder sehr gut.

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„Die wirtschaftliche Situation der Betriebe nehmen die Beschäftigten insgesamt deutlich positiver wahr, als es das aktuelle Wehklagen der Arbeitgeberverbände vermuten lässt“, sagte Boguslawski von der IG Metall.

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