Mobilitätswende: Hamburg will ab 2025 autonome Kleinbusse testen
Verkehrsminister Volker Wissing im autonomen Kleinbus in Hamburg: Sieht so die Mobilitätswende aus?
Foto: dpaBerlin, Frankfurt. Ohne Fahrer um den Stadtpark kurven: Vergangene Woche konnten Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) und Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) testen, was ab 2025 Realität für alle Hamburger werden soll.
„Autonomes Ridepooling“ heißt die Zukunftsvision, mit der Wissing und Tjarks das autonome Fahren im öffentlichen Nahverkehr vorantreiben wollen. Das Ziel: Bis 2030 sollen bis zu 10.000 fahrerlose Kleinbusse, die Fahrgäste nach dem Vorbild von Sammeltaxis mitnehmen, auf Hamburgs Straßen rollen.
Die Hansestadt will so zur „Modellregion der Mobilität“ werden. Doch der Traum vom allzeit verfügbaren fahrerlosen Shuttle wird nicht von allen geteilt. Kritiker befürchten Nachteile für den öffentlichen Nahverkehr. Und noch gibt es einige Sicherheitsprobleme, wie das Beispiel San Francisco zeigt – wo die GM-Tochter Cruise die Betriebserlaubnis für fahrerlose Taxis aufgrund von Sicherheitsmängeln verlor.
Schon seit vier Jahren können Hamburger per App Kleinbusse bestellen, die sie zum gewünschten Ziel bringen. Die Shuttles nehmen bis zu fünf weitere Passagiere mit, die in dieselbe Richtung wollen. Bis jetzt sitzt noch ein Fahrer am Steuer. Doch in nicht allzu ferner Zukunft soll der Fahrersitz leer bleiben.
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Fahrerlose Shuttles sollen dann die öffentlichen Verkehrsmittel ergänzen und den sogenannten „Hamburg-Takt“ ermöglichen. Dieser soll allen Bürgern einen Zugang zum öffentlichen Nahverkehr in fünf Minuten gewähren.
Die Hoffnungen in das neue Fortbewegungsmittel sind groß. Autonomes Fahren könne ein Schlüssel sein, um die Straßen in Großstädten zu entlasten und gleichzeitig Mobilität bis vor die Haustür zu sichern, sagt Bundesverkehrsminister Wissing und fügt hinzu: „Durch das voll digitale Buchungssystem ist es einfach zu bestellen, Fahrten lassen sich kombinieren und damit Wege und Kosten sparen.“
50 Kilometer Teststrecke im Osten Hamburgs
Erste Fahrten ohne Fahrer soll es nächstes Jahr in einem Testgebiet östlich der Alster geben, das ein Streckennetz von etwa 50 Kilometern in Teilen von Winterhude, Uhlenhorst und Hohenfelde umfasst. Hier kommt das autonome Shuttle von Moia und Volkswagen Nutzfahrzeuge für eine Testgruppe zum Einsatz.
Die Ergebnisse sollen die Grundlage für einen kommerziellen Betrieb schaffen, der nicht nur auf den städtischen Bereich beschränkt ist, sondern gerade in ländlichen Gebieten genutzt werden kann.
Insbesondere auf dem Land könnten die Angebote Lücken im Nahverkehr schließen, so Verkehrsminister Wissing. „Es kann nur mit autonomen Angeboten gehen.“
Für Hamburgs Verkehrssenator Tjarks ist autonomes Ridepooling das „fehlende Puzzlestück“ zwischen dem öffentlichen Nahverkehr und den individuellen Mobilitätsbedürfnissen der Bürger. „Mit ihm schaffen wir eine ganz neue Säule im ÖPNV.“
Die autonomen Shuttles seien wichtig, um das Ridepooling-Angebot auszuweiten, argumentiert Shuttle-Anbieter Moia. Ohne fahrerlose Fahrzeuge sei dies aufgrund von Personalmangel schwierig.
Kritiker befürchten allerdings Nachteile für den öffentlichen Nahverkehr, wenn autonome Ridepooling-Dienste nicht ausreichend reguliert oder günstiger sind als der ÖPNV und zu „Zielen etwa mitten in die Stadt fahren“, wie Gernot Liedtke vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sagt.
Zahlreiche kleine Projekte in Deutschland
Bislang ist aber noch eher die Frage, ob sich autonome Shuttles für deren Anbieter rechnen. Deutschlandweit gibt es bereits zahlreiche kleine Strecken, auf denen vereinzelt autonome Shuttles fahren. Der erste autonome Kleinbus im Linienverkehr fährt im bayerischen Bad Birnbach und wird von DB Regio betrieben. Seit dem vergangenen Jahr sind dort auch zwei Shuttles in einer Testphase unterwegs, die auf Abruf 20 Haltestellen abfahren.
Diese Kleinbusse fahren jedoch mit einer maximalen Geschwindigkeit von 17 Kilometer pro Stunde. Die Hamburger Shuttles erreichen eine Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h und fügen sich dadurch in den Stadtverkehr ein.
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Ein Projekt in Darmstadt und im Kreis Offenbach wurde nach der Insolvenz vom am Projekt beteiligten Clevershuttle vorerst eingestellt. Shuttle-Anbieter Moia hatte es auch bereits in Berlin versucht – sich dann aber wieder abgewandt.
In Hamburg lobt das Unternehmen die Innovationsoffenheit der Hansestadt. „Dank Hamburgs Offenheit konnten wir unseren innovativen Ridepooling-Service erfolgreich etablieren“, sagt Sascha Meyer, CEO von Moia.
Mehrere Fragen zur Sicherheit noch offen
Die Shuttles von Moia gehören in Hamburg seit einiger Zeit zum Stadtbild - nun testet der Betreiber autonome Fahrzeuge.
Foto: dpaDie Moia-Shuttles sind in Hamburg bereits seit Jahren ein Teil des Stadtbilds. In der Anlaufzeit des fahrerlosen Projekts wird sicherheitshalber ein Fahrer dabei sein, der notfalls eingreifen kann. Offen ist, ob die Bürger sich danach an den leeren Fahrersitz gewöhnen. Wissing ist sicher, „diese gute Idee wird von den Hamburgern angenommen“ und erwartet „viele Nachahmer“.
Noch gibt es allerdings einige Sicherheitsfragen. So ist es nicht die Strecke allein, die die autonomen Fahrsysteme meistern müssen. Die Kommunikation zwischen Gast und Fahrer läuft in Zukunft digital ab. Steigt die richtige Person zu? Ist das Gepäck sicher verstaut?
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Eine Software soll das erledigen. Sie prüft, ob das Fahrzeug sicher fahren kann – beispielsweise, ob alle angeschnallt sind. Und sie informiert den Betreiber bei eventuellen Problemen oder Notfällen.
Nach einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom stehen die Chancen für eine positive Resonanz gut. So würden 66 Prozent der Befragten in einen autonomen Mini- oder Shuttle-Bus steigen.
Verbot von Roboterautos in San Francisco
Allerdings gibt es noch Sicherheitsprobleme, wie das Beispiel San Francisco zeigt. Dort wurde der GM-Tochter Cruise die Erlaubnis zum Betrieb fahrerloser Taxis wegen Sicherheitsmängeln entzogen.
San Francisco ist eine Pilotregion für den Einsatz von Robotaxis in den USA. Hamburg möchte das Gleiche für Deutschland werden. Um sich Tipps aus den USA zu holen, besuchte Wissing vergangene Woche auch den Verkehrsminister der Vereinigten Staaten, Pete Buttigieg.
In vier Jahren richtet Hamburg den ÖPNV-Weltkongress aus. Dann sollen nicht bloß der dann amtierende Verkehrsminister, sondern Besucher aus aller Welt die Hansestadt im autonomen Shuttle erkunden können.
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