Rohstoffe: Wie viele Jobs hängen in Deutschland von seltenen Erden ab?
Berlin. In Deutschland arbeiten rund eine Million Menschen in Branchen, die zwingend auf seltene Erden als Rohstoffe angewiesen sind. Betroffen sind etwa Automobilbau, Energietechnik oder die Luft- und Raumfahrt. Zu diesem Ergebnis kommt eine dem Handelsblatt vorliegende Analyse der Unternehmensberatung McKinsey. Jedes Jahr leisten sie damit einen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt in der Größenordnung von 150 Milliarden Euro.
Weitere rund drei Millionen Beschäftigte sind laut McKinsey zu einem erheblichen Teil auf die Ausgaben der Beschäftigten der von seltenen Erden abhängigen Industrie angewiesen. Das entspricht einem zusätzlichen Wertschöpfungseffekt von rund 220 Milliarden Euro.
Fiele China als der mit weitem Abstand größte Lieferant seltener Erden aus, „wären damit allein in Deutschland insgesamt rund vier Millionen Arbeitsplätze und rund 370 Milliarden Euro an Wertschöpfung bedroht – etwa neun Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts“, heißt es in der Analyse.
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Aus Sicht von Fachleuten sind die Zahlen plausibel. „Nach unseren Recherchen gibt es sogar 1,3 Millionen Beschäftigte in Deutschland, die Produkte herstellen, in denen seltene Erden enthalten sind. Natürlich hätte ein Lieferstopp gravierende Auswirkungen auf diese Jobs“, sagte Cornelius Bähr vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) dem Handelsblatt. Bähr ist einer der Autoren einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie des IW, die sich mit der Rohstoffabhängigkeit der deutschen Wirtschaft befasst.
McKinsey verdeutlicht damit die Dimension eines Problems, mit dem die deutsche und die europäische Wirtschaft seit Jahren zu kämpfen haben: die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen, zu denen insbesondere seltene Erden, aber auch Lithium, Kobalt und Phosphor zählen.
Die EU klassifiziert derzeit 34 Rohstoffe als „kritische Rohstoffe“ (Critical Raw Materials, kurz CRM), darunter alle Elemente, die mit dem Sammelbegriff seltene Erden bezeichnet werden. Als „kritisch“ gilt ein Rohstoff, wenn er große gesamtwirtschaftliche Bedeutung für die EU hat, ein hohes Risiko einer Unterbrechung der Lieferkette besteht und ein Mangel an geeigneten und bezahlbaren Ersatzstoffen besteht.
China verschärft Exportkontrollen
Bei einer Vielzahl kritischer Rohstoffe, insbesondere bei seltenen Erden, wird die komplette Wertschöpfungskette dabei von China beherrscht. Die Volksrepublik aber fährt in ihrer Exportpolitik einen immer restriktiveren Kurs. Zugleich steigt weltweit der Bedarf an seltenen Erden, vor allem in Hightech-Branchen und in der Rüstungsindustrie.
Erst am 9. Oktober verschärfte China erneut die Exportkontrollen für Schlüsseltechnologien zur Verarbeitung seltener Erden. Wie das Handelsministerium in Peking mitteilte, braucht es für den Export von Technologien zum Abbau und zur Verarbeitung dieser Rohstoffe künftig nun eine ausdrückliche Genehmigung.
„Früher ging es bei der Beschaffung kritischer Rohstoffe oft um Preisspitzen. Heute dagegen geht es um die Frage, ob die Produktion in der Industrie noch zu jeder Zeit möglich ist“, sagte Christian Hoffmann, Partner bei McKinsey und einer der Autoren der Analyse, dem Handelsblatt. „Wenn es zu einer Unterbrechung der Versorgung mit kritischen Rohstoffen kommt, kann das zu massiven Schäden führen.“
Unterbrechungen bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen sind eine reale Gefahr. So hatte China Ende vergangenen Jahres angekündigt, kein Germanium mehr in die USA zu exportieren. Germanium wird unter anderem für die Herstellung von Glasfasern und Halbleiterbauelementen benötigt und auch in der Rüstungsindustrie eingesetzt.
„Blankes Entsetzen“ beim Thema Germanium
Zwar liefert China noch Germanium in die EU. Nach Angaben von Händlern sind Chinas Exporte von Germanium in die EU allerdings im ersten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 60 Prozent zurückgegangen. In den betroffenen Unternehmen herrsche „blankes Entsetzen“.
In Deutschland hat es in diesem Jahr wegen der restriktiven Politik Chinas bei Rohstoffexporten Probleme gegeben, stellenweise musste die Produktion gestoppt werden, etwa in der Automobilindustrie.
Dass Deutschland bei kritischen Rohstoffen sehr verletzlich ist, haben sich Industrie und Politik zu einem gewissen Teil selbst zuzuschreiben. Verschiedene Strategien, die Resilienz zu stärken, wurden nicht konsequent genug verfolgt. Das sieht auch Hoffmann so: Es habe in Deutschland zwar in den vergangenen Jahren Initiativen gegeben, um die Versorgung mit kritischen Rohstoffen abzusichern.
Allerdings seien diese wieder in den Hintergrund getreten, sobald sich die Versorgungslage vorübergehend entspannt habe, sagt er. „Viele Unternehmen sehen jetzt, dass das Thema strategischen Weitblick erfordert. Es ist betriebswirtschaftlich sinnvoll, sicher mit Rohstoffen versorgt zu sein.“
Lob für den Rohstoff-Fonds
Den von der Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode aufgelegten Rohstoff-Fonds hält Hoffmann für ein sinnvolles Instrument. Die Ampel hatte den Fonds aufgelegt, um deutsche Unternehmen bei der Erschließung neuer, eigener Bezugsquellen außerhalb Chinas zu unterstützen.
Dieser sieht vor, dass der Bund über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Garantien an den Projekten übernimmt. Für die Unternehmen sollen so Risiken minimiert und Anreize geschaffen werden, hiesige Rohstoffquellen zu erschließen. Den Kostennachteil gegenüber Quellen aus etwa China würde der Staat ausgleichen.
Noch befindet sich der Fonds im Aufbau. Bei der KfW sind bislang rund 50 Interessensbekundungen eingegangen, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Erst zwei davon haben es bislang in die „Due Diligence“ geschafft: Dabei sollen die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse-Coopers (PwC) das Risiko eines Scheiterns des Projektes einschätzen.
Auf dieser Grundlage entscheiden dann das Bundeswirtschaftsministerium und das Finanzministerium gemeinsam mit der Deutschen Rohstoffagentur und der KfW, inwieweit die Projekte abgesichert werden können. „Es ist davon auszugehen, dass bis Jahresende alle notwendigen Informationen und Unterlagen für eine Entscheidung vorliegen“, hofft die Ministeriumssprecherin.
Doch Hoffmann sagt auch: „Aber das kann nur der Anfang sein.“ Er rät zu branchenübergreifenden Kooperationen: „Die angestrebte Diversifikation der Bezugsquellen für kritische Rohstoffe übersteigt die Kräfte einzelner Unternehmen in Deutschland. Die Industrie sollte daher ihre Kräfte bündeln, der Staat kann das unterstützen“, sagt der McKinsey-Partner.
Dabei müsse die Industrie mit Bergbauunternehmen, Wissenschaft, Banken und Private-Equity-Unternehmen zusammenarbeiten und „die komplette Wertschöpfungskette in den Blick nehmen, von der Rohstoffgewinnung über die Weiterverarbeitung bis hin zur Lagerhaltung“.
Auf kritische Rohstoffe spezialisierte Einkaufskonsortien oder Rohstoff-Handelshäuser könnten helfen, relevante Kompetenzen in Deutschland aufzubauen und die Nachfrageposition deutscher Abnehmer zu stärken, soweit die kartellrechtlichen Bestimmungen Deutschlands und der EU eine solche Zusammenarbeit erlaubten.
Japan ist und bleibt das Vorbild
Es sei völlig richtig, dass in diesem Zusammenhang immer wieder auf das Beispiel Japan verwiesen werde. „Daran kann man sich orientieren“, rät Hoffmann.
Japan hat seine Importabhängigkeit von kritischen Rohstoffen deutlich reduziert, indem es schon vor vielen Jahren auf ein Vier-Säulen-Modell setzte. Es umfasst die Diversifizierung der Bezugsquellen, Recycling, eine Verringerung des Materialeinsatzes und die Erforschung und Entwicklung von Ersatzstoffen.
Dabei spielt die enge Zusammenarbeit zwischen Regierung und Industrie eine zentrale Rolle, etwa durch gezielte Investitionen in ausländische Bergbauprojekte. Zusätzlich baute Japan staatliche Vorräte auf.
Erstpublikation: 12.10.2025, 19:00 Uhr.