Solarstrom: Mangel an Fachkräften gefährdet die Energiewende
Berlin. Dachdeckerfirmen können sich schon seit Jahren über eine hohe Nachfrage erfreuen – ganz unabhängig von den Schwankungen der Baukonjunktur. Denn sie dichten längst nicht nur Dächer ab, decken diese neu oder bauen Dachfenster ein. Immer häufiger installieren sie Photovoltaikanlagen – und erleben damit einen regelrechten Boom.
Dachdecker spielen für die Energiewende eine zentrale Rolle, wie die heute veröffentlichte Jobmonitor-Analyse der Bertelsmann Stiftung belegt. Die Auswertung von rund 2,7 Millionen Online-Stellenanzeigen von 2019 bis Mitte 2023 der Wind- und Solarbranche zeigt, wie groß die Unterschiede zwischen den Aufgaben im klassischen Handwerk und in den Branchen der erneuerbaren Energien sind – aber auch, wie groß der Handlungsbedarf ist.
Die Studie belegt, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften für erneuerbare Energien steigt. Mindestens 300.000 zusätzliche Beschäftigte benötigt Deutschland für die Umsetzung der Energiewende laut der von der Bundesregierung ins Leben gerufenen „Allianz für Transformation“. Die soll gemeinsam mit der Wirtschaft zentrale Zukunftsthemen wie Energie- und Klimawende, aber auch Digitalisierung vorantreiben.
Luca Monteton vom Familienbetrieb Dachdecker Monteton kennt dieses Problem. Sein Betrieb aus Bochum hat deshalb frühzeitig auf Weiterbildungsmaßnahmen gesetzt. „Wir können und dürfen PV-Anlagen montieren. Dafür haben wir den Photovoltaik-Manager gemacht, um unser vorhandenes Wissen zu erweitern“, sagt Monteton. Zusätzlich habe es praktische Schulungen bei den jeweiligen Herstellern gegeben.
In vielen Betrieben fehlt noch das notwendige Know-how
Klima-Jobs in den Bereichen Wind und Solar erfordern spezifische Kompetenzen. Galten Dachpfannen lange als dominierendes Baumaterial im Dachdeckeralltag, kommen nun verstärkt PV-Module hinzu. Doch vielfach fehlt das Know-how, wie sie installiert werden. Ähnlich ergeht es Fachkräften für Heizung und Sanitär sowie zahlreichen weiteren Berufen, die für die Energiewende notwendig sind.
Dem klassischen Handwerk begegnen damit gleich zwei Herausforderungen: Zum anhaltenden Fachkräftemangel kommt eine wachsende Lücke beim spezifischen Fachwissen hinzu. Seit 2016 können zwar Auszubildende als einen von fünf Schwerpunkten ‚Energietechnik an Dach und Wand‘ wählen. „Aber das reicht nicht. Auch Dachdecker und Dachdeckerinnen, die ihre Ausbildung vor 2016 abgeschlossen haben und Solaranlagen installieren wollen, müssen zusätzliche Kompetenzen erwerben“, sagt Jana Fingerhut, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung.
Die Auswertung von Online-Stellenanzeigen der Wind- und Solarbranche zeigt, dass auch die Nachfrage nach Fachkräften für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik oder Bauelektrik steigt. Am stärksten sind Fachleute der Bauelektrik für die Windbranche von spezifischen Kompetenzanforderungen betroffen.
Statt Erfahrungen in der Elektroinstallation und Montage von Elektrotechnik wird in den Stellenausschreibungen verstärkt die Inbetriebnahme und Wartung von Windkraftanlagen nachgefragt.
Zusätzliche Qualifikationen – aber wie?
„Wir brauchen nicht nur mehr Fachkräfte. Sie müssen eben auch die richtigen Kompetenzen für die Aufgaben in der Wind- und Solarbranche mitbringen“, sagt die Studienautorin. Ausgehend von den Ergebnissen schlägt die Bertelmann Stiftung drei Ansätze vor, um mehr Arbeitskräfte für die Energiewende zu qualifizieren.
Gezielte Weiterbildungen für Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung und Berufserfahrung stellen dabei nur eine Lösung dar – das bieten aber auch schon jetzt die Verbände der Gewerke, die Handwerkskammern der Länder und privaten Unternehmen wie der Tüv an. Teilqualifizierungen wären eine Chance für Geringqualifizierte oder Fachkräfte aus dem Ausland, deren Abschlüsse die Bundesregierung bislang nicht anerkennt.
Letztendlich brauche es den Studienautoren zufolge aber einen ganz neuen Beruf. Dieser könne Kompetenzen aus mehreren Gewerken zu einer übergreifenden ‚Fachkraft für erneuerbare Energien‘ oder ‚Klimafachkraft‘ kombinieren.
Für Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer München und Oberbayern sowie Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), reicht ein solcher Schritt nicht aus: Schon jetzt würden Weiterbildungsmaßnahmen an zu wenigen und zu beengten überbetrieblichen Lehrwerkstätten scheitern.
Zusätzliche Gebäude seien nötig, um Maschinen aufzustellen und Auszubildende oder Handwerker daran zu schulen. „Da müssen wir selbst investieren. Das ist aber wiederum abhängig von Zuschüssen und Fördermaßnahmen, die der Bund zu spät und zu zögerlich bewilligt“, kritisiert Peteranderl. Die Ungleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung sei immer noch gegeben, solange der Bund mehr Geld in Universitäten investiere als in die berufliche Ausbildung, hadert er.
Herausforderungen für das Handwerk
Dennoch zeigt sich Peteranderl zuversichtlich und sagt: „Es gibt viele Handwerksbetriebe, die von sich aus weiterbilden und die neuesten Technologien ihren Angestellten nahebringen.“ Aber Weiterbildungen seien häufig für Betriebe mit Aufwand und Arbeitsausfällen verbunden.
Dachdecker Monteton stört solche Bedenken weniger: „Dass Schulungen Geld kosten und auch Zeit in Anspruch nehmen, sehe ich nicht als Problem. Wir erhalten ja im Gegenzug einen großen Mehrwert, den wir an unsere Kunden weitergeben können.
Problematisch sei für ihn vielmehr, dass solche Weiterbildungen nicht verpflichtend seien und Arbeiter ohne jegliche Qualifikation PV-Anlagen aufs Dach bringen dürften. Dass ungelernte Monteure dabei Schäden auf den Dächern anrichteten, bliebe nicht aus.
Peteranderl rät Verbrauchern daher auch aus Haftungs- und Versicherungsgründen, stets qualifizierte Solarhandwerker zu beauftragen. Nur die hätten die entsprechende Zulassung, „eine PV-Anlage anzuschließen, einen Wechselrichter einzurichten oder eine Wärmepumpe zu installieren“, sagt der ZDH-Vize.
Erstpublikation: 14.08.2024, 07:27 Uhr.