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GriechenlandWarum das Land zunehmend Staatseigentum verkauft

Die griechische Regierung macht Milliarden mit dem Verkauf einst verstaatlichter Banken. Nun bringt sie auch andere, hochprofitable Unternehmen auf den Markt.Gerd Höhler 22.11.2023 - 15:57 Uhr Artikel anhören

Der staatliche griechische Bankenrettungsfonds HFSF brachte vergangene Woche 22 Prozent der Aktien der National Bank of Greece (NBG) an die Börse.

Foto: Henning Bode / imagetrust

Athen. Griechische Bankaktien sind seit Jahresbeginn um durchschnittlich 65 Prozent gestiegen. Eine erstaunliche Entwicklung, wenn man bedenkt, dass diese Papiere einmal im Kern der europäischen Schuldenkrise standen. Während der 2010er-Jahre mussten die Geldinstitute dreimal rekapitalisiert werden. Die Altaktionäre verloren 99 Prozent ihres Einsatzes.

Jetzt greifen institutionelle Investoren wieder zu. Als der staatliche griechische Bankenrettungsfonds HFSF vergangene Woche 22 Prozent der Aktien der National Bank of Greece (NBG) an die Börse brachte, war die Emission achtfach überzeichnet. Knapp 1,1 Milliarden Euro erlöste der HFSF. Zu den Käufern gehörten Blackrock, Fidelity, Lazard und die Allianz, heißt es in Finanzkreisen.

Die erfolgreiche Platzierung der NBG-Anteile „bestätigt einmal mehr, dass Griechenland zur Normalität zurückkehrt“, kommentierte der griechische Zentralbankgouverneur Yannis Stournaras gegenüber dem Handelsblatt. „Diese Privatisierungen helfen nicht nur beim Abbau der Schulden und der Defizite, sondern signalisieren auch das gewachsene Vertrauen internationaler Investoren in die griechische Wirtschaft und den Bankensektor“, so Stournaras.

Griechenland will die Gunst der Stunde nutzen und 2024 den Verkauf von weiterem Staatseigentum forcieren. Erlöse von fünf Milliarden Euro erwartet Dimitris Politis, CEO des Privatisierungsfonds HRADF.

Liegenschaften, Häfen, Airports und Autobahnen stehen jetzt zum Verkauf. Kommen die erwarteten fünf Milliarden zusammen, wäre das ein neuer Jahresrekord. Marktbeobachter erwarten, dass die Summe sogar übertroffen werden könnte. Zum Vergleich: Seit dem Start der Privatisierungen vor zwölf Jahren kamen insgesamt zehn Milliarden Euro in die Kasse.

Flughafen in Athen gilt als besonders lukrativ

Als eine der Perlen des Verkaufsprogramms 2024 gilt der Flughafenbetreiber Athens International Airport (AIA). Der Staat hält bisher 55 Prozent der Anteile. 40 Prozent liegen bei der deutschen Avi Alliance GmbH, fünf Prozent bei der griechischen Unternehmerfamilie Copelouzos.

Der 2001 eröffnete Airport ist hochprofitabel. Schon im ersten vollen Geschäftsjahr schrieb die Flughafengesellschaft schwarze Zahlen. Selbst im Coronajahr 2020 machte das Unternehmen Gewinn. Jetzt profitiert der Flughafen vom griechischen Tourismusboom. In den ersten zehn Monaten 2023 lagen die Passagierzahlen fast zehn Prozent über dem Niveau des bisherigen Rekordjahrs 2019.

Der 2001 eröffnete Airport ist hochprofitabel und machte selbst im Coronajahr 2020 Gewinne.

Foto: Pressefoto Hochtief

20 Prozent der AIA-Aktien will der Staat Anfang nächsten Jahres an die Athener Börse bringen. Weitere zehn Prozent kann die Avi Alliance mit einem Aufschlag zum Emissionskurs übernehmen. Marktbeobachter schätzen den möglichen Erlös auf mehr als eine Milliarde Euro.

Im kommenden Jahr will die Regierung auch die Konzession für den Betrieb des Athener Autobahnrings Attiki Odos neu vergeben. Das griechische Bauunternehmen GEK Terna kann mit einem Gebot von 3,27 Milliarden Euro für die 25-jährige Konzession als bevorzugter Bieter mit dem Zuschlag rechnen.

Weitere 1,5 Milliarden Euro soll die Privatisierung der Egnatia Odos einbringen, einer 658 Kilometer langen Autobahn, die im Norden des Landes von der türkischen Grenze zum westgriechischen Hafen Igoumenitsa führt. Ein weiteres zur Privatisierung vorgesehenes Infrastrukturobjekt ist der Hafen von Lavrion. Der Staat will sich von 67 Prozent der Betreibergesellschaft trennen. Lavrion hat wegen seiner Nähe zu Athen Potenzial im Fährverkehr und Kreuzfahrtgeschäft.

Verkaufsprogramm soll Griechenlands Schulden abbauen

Die Privatisierungen gehören zu den Verpflichtungen, die Griechenland während der Staatsschuldenkrise im Gegenzug zu den Hilfskrediten der Euro-Zone und des Internationalen Währungsfonds (IWF) eingehen musste. Mit den Erlösen soll das Land seine Schulden abbauen.

2011 bezifferte die damalige Regierung die möglichen Einnahmen auf 50 Milliarden Euro in fünf Jahren. Tatsächlich kamen allerdings in den ersten fünf Jahren des Programms nur rund drei Milliarden in die Kasse. Denn in der Krisenära machten Investoren einen großen Bogen um das von der Staatspleite bedrohte Griechenland.

Seitdem hat sich die Lage komplett geändert. Die neueste Entwicklung in Griechenlands Wachstumsgeschichte: In den vergangenen Wochen stuften zwei der vier großen Ratingagenturen das einstige Krisenland nach 13 Jahren wieder zum Investmentgrade herauf.

Damit honorierten die Analysten auch die politische Stabilität in Athen. Der konservative Premier Kyriakos Mitsotakis gewann bei den Wahlen im Juni erneut die absolute Mehrheit im Parlament. Seit Mitsotakis’ Amtsantritt 2019 stiegen die privaten Investitionen um 44 Prozent. Die ausländischen Direktinvestitionen legten vergangenes Jahr 35 Prozent zu.

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Erstpublikation: 21.11.2023, 04:00 Uhr.

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