Brasilien: Unterwegs mit der Eliteeinheit im Amazonasgebiet gegen die Drogenmafia
Manaus. Major Jackson trägt Schutzweste, Pistole, Handschellen, das Buschmesser hat er sich ans Bein geschnallt. Der Kommandant der brasilianischen Militärpolizei sieht aus, als ob er sich mitten im Kampfeinsatz befindet – dabei sitzt der 35-Jährige nur hinter seinem Schreibtisch in Manaus, in einem eiskalt klimatisierten Büro.
Seine Eliteeinheit namens „Rocam“ ist gefürchtet und setzt auf Abschreckung: Den Eingang zu Jacksons Büro schmückt ein Wappen, zusammengesetzt aus Patronenhülsen. Vor 22 Jahren wurde die Truppe gegründet, sie sollte Bankräuber jagen, die damals in Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaats Amazonas, mehrere Bankautomaten pro Woche sprengten. Doch das komme kaum noch vor, sagt Jackson.
Heute seien seine 300 Mitglieder in der Einheit – von ihnen 20 Frauen – vor allem im Kampf gegen den Drogenhandel aktiv: „Fast alle schweren Verbrechen in Manaus haben heute etwas mit Drogen zu tun.“ Entsprechend gewaltbereit würden die Banditen auftreten. Früher hätten sie Messer und Revolver gehabt. „Heute benutzen sie Sprengstoff, Handgranaten und Maschinenpistolen.“
Jedes Kind kennt die Kürzel der Drogenbanden
Wenn Jackson über seine tägliche Arbeit spricht, erwähnt er ständig Kürzel wie PCC, CV, QDN oder FDN. Das sind brasilianische Drogenbanden mit unterschiedlichen Wurzeln. In Manaus kennt jedes Kind diese Abkürzungen. Die Drogenbanden sind präsent in der Stadt mit ihren 2,5 Millionen Einwohnern. Sie herrschen über ganze Viertel und Gefängnisse – und sie bekämpfen sich gegenseitig blutig.
Alle Banden vereint der Ehrgeiz, zu international agierenden Kartellen zu werden. Einige von ihnen sind dabei schon weit vorangekommen. Der rasant wachsende Drogenschmuggel im Amazonasgebiet, rund anderthalb mal so groß wie ganz Europa, bietet ihnen Aufstiegsmöglichkeiten, die noch vor Kurzem unmöglich schienen.
Aus Kolumbien und Peru transportieren die Banden die Drogen – vor allem Kokain, aber auch Skunk, ein besonders starkes Marihuana. Die Flüsse im Amazonasgebiet sind zu wichtigen Schmuggelrouten zu den Atlantikhäfen geworden. Der lokale Markt Brasiliens und der Nachbarstaaten wird über die Flüsse versorgt. Aber ein großer Teil der Ware geht auch nach Europa, dem weltweit am schnellsten wachsenden Kokainmarkt. Genau nach jenem Kontinent also, der den Amazonas-Regenwald seit Jahren mit Millionen von Euro zu schützen versucht.
Muss die EU mehr tun im Kampf gegen die Drogenbanden? Funktioniert der Schutz des für das Weltklima so wichtigen Biotops überhaupt noch – oder braucht es ganz andere Konzepte, um die organisierte Kriminalität einzudämmen? Und wie erfolgreich kann die Elitepolizei angesichts der übermächtigen Clans überhaupt noch sein?
Drogenmafia beschleunigt Vernichtung des Regenwalds
Im World Drug Report der Uno von 2023 widmen die Experten dem Zusammenhang zwischen der wachsenden Präsenz des organisierten Verbrechens und der Regenwaldvernichtung erstmals ein ganzes Kapitel. Die zentrale These: Der Einfluss der Drogenmafia wirkt wie ein Brandbeschleuniger bei der Vernichtung des Regenwalds.
Das funktioniert auf mehreren Ebenen: So unterwandert die organisierte Kriminalität den Staat. Ihr Einfluss wächst in der Lokalpolitik, den Behörden, der Justiz. Die Kriminellen hebeln die staatliche Souveränität im Amazonasgebiet aus. Die Kontrollorgane verlieren an Durchsetzungskraft. Davon profitieren alle illegalen Akteure: Drogenbanden genauso wie Holzschmuggler oder Goldsucher.
Gleichzeitig wäscht die organisierte Kriminalität ihr Drogengeld mit anderen illegalen oder halblegalen Aktivitäten direkt im Amazonasgebiet. Auch das beschleunigt die Regenwaldvernichtung: Indem sie Sägewerke, Rinderfarmen oder Goldminen finanziert oder sogar direkt in die Brandrodung und neue Weideflächen investiert – immer steigt der Druck auf den Regenwald. Die brasilianische Gewaltforscherin Ilona Szabó bezeichnet diese Vernichtung des Urwalds deswegen als „narco-desmatamento“, als Regenwaldrodung durch die Drogenmafia.
Der Regenwaldschutz in Südamerika muss überdacht werden. Die Experten Daniel Brombacher und Hector Fabio Santos von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) kommen in einem Report zu dem Schluss, dass „die isolierten Ansätze der Uno-Drogenkontroll-, -Strafrechts- und -Verbrechensverhütungssysteme nicht mehr angemessen“ seien. Es sei ineffizient, wenn auf der einen Seite Behörden wie der Zoll, die Drogenfahndung, die Polizei und das Militär unkoordiniert gegen die Kriminalität vorgingen – und auf der anderen Seite Behörden sowie NGOs beim Umwelt- und Indigenenschutz ebenfalls nur ihre Ziele verfolgten. Das Silodenken auf beiden Seiten müsse überwunden werden.
Das wäre auch im Interesse Europas: Der Amazonaswald bindet große Mengen an Kohlendioxid. Ein intaktes Biotop ist wichtig für das Weltklima. Deutschland ist einer der größten Kapitalgeber zum Schutz des Regenwalds. Nach Antritt der Regierung von Luiz Inácio Lula da Silva hat Berlin Anfang vergangenen Jahres bereits 200 Millionen Euro Soforthilfe bereitgestellt. Über den Amazonas-Fonds zahlte Deutschland 2023 weitere 55 Millionen Euro ein. Deutschland finanziert den Regenwaldschutz zudem über die EU.
Auf der anderen Seite explodiert der Kokainschmuggel über den Atlantik. Mit den hohen Einnahmen treten die Drogenkartelle auch in Europa immer gewalttätiger auf und infiltrieren staatliche Institutionen. Was das bedeutet, zeigt sich in einem erschreckenden Ausmaß am Amazonas: Nach einer Untersuchung des brasilianischen Forums für Sicherheit lebt von den 26 Millionen Menschen im brasilianischen Amazonasgebiet die Hälfte in Gebieten, in denen die Mafia das Sagen hat.
Unter Bolsonaro besetzten die Mafias den Amazonas
Aiala Colares Couto ist Experte für den Einfluss der Drogenclans im Regenwald. Er sagt, dass die Drogenbanden das staatliche Vakuum im Amazonasgebiet unter dem vorherigen Präsidenten Jair Bolsonaro genutzt hätten, um sich dort einzunisten. Der Rechtspopulist unterstützte Farmer, Goldsucher und Holzfäller, seine Wähler.
Im Amazonasgebiet verwenden die Drogenbanden einerseits die bestehende illegale Logistik – vor allem der Goldschürfer: Landepisten für Flugzeuge, mobile Tankstellen für ihre Schnellboote, Versorgungslinien für Lebensmittel. Als Personal nutzen sie oft Indigene oder andere Flussanwohner, die sie bedrohen oder gegen Bezahlung für sich arbeiten lassen.
Gleichzeitig investieren die Kartelle ihre Drogengelder auch direkt in illegale Unternehmungen in der Region: Sie finanzieren Goldsucher, Fischer, Holzfäller, Tierschmuggler. Die Kriminalität in der Region ist dramatisch angestiegen. Der Amazonas-Teilstaat hat eine der höchsten Mordraten in Brasilien.
Die Drogenbanden waschen ihr Geld aber auch in der legalen Wirtschaft: in Rinderfarmen und beim Sojaanbau, in Immobilien, Supermärkten, Tankstellen und Schönheitssalons. Sie lassen sich in die Gemeindeparlamente wählen oder sitzen in den lokalen Behörden – und bekommen somit immer mehr Einfluss im Staat. Sie entscheiden, wer die Aufträge für die Müllentsorgung, die Schulspeisungen oder den öffentlichen Transport bekommt – alles Aktivitäten, bei denen sich gut Drogengelder waschen lassen.
Manaus ist der Verkehrsknotenpunkt des Drogengeschäfts im Amazonasgebiet geworden, 1700 Kilometer entfernt von der Flussmündung. Zur Metropole fahren Containerschiffe flussaufwärts, um ihre Fracht – vor allem Elektro- und Maschinenteile – zu löschen. Auf dem Rückweg nehmen sie dort zusammengesetzte Motorräder, Fernseher und Klimaanlagen mit zu den Häfen im Süden Brasiliens, in der Nähe der großen Konsummärkte wie São Paulo und Rio de Janeiro. Oftmals sind Drogen zugepackt.
Die Elitepolizei setzt auf Abschreckung
In der Trockenzeit bis Ende November können weniger Schiffe fahren. Der Containerverkehr kam vergangenen Jahr für einige Wochen fast ganz zum Erliegen. „Das macht es für uns leichter“, sagt Major Jackson in Manaus. Die Drogenschmuggler müssten dann die Ware durch die Stadt transportieren. Immer wieder würden sie bei Straßenkontrollen entdeckt. Zwölf Tonnen Drogen habe man 2023 beschlagnahmt.
Jackson kündigt den Handelsblatt-Reporter bei einer weiteren Spezialeinsatztruppe an, die auf den Flüssen unterwegs ist. „Oi Caverão“, spricht er den Kollegen an. Wörtlich übersetzt: „Hallo Totenkopf.“ Es ist der traditionelle Gruß der Elitepolizisten in Brasilien.
Bei der Spezialeinheit Companhia de Operações Especiais in Manaus gehören Totenköpfe zur Identität. Die Garnison in der Peripherie ist danach benannt („Base Caveira“), das Wappen am Eingang schmückt ein Schädel. Auf dem Schreibtisch von Leutnant Adaumir steht gleich ein halbes Dutzend davon. Der Leutnant ist höflich, aber reserviert. Fünf seiner Mitarbeiter umstehen ihn in Sportkleidung mit verschränkten Armen. Sie blicken misstrauisch auf den Besucher und sind wortkarg.
In knappen Sätzen beschreiben sie ihre Arbeit: Es sind 40 Spezialbeamte, deren Einsatzgebiet sich zwischen den Amazonaszuflüssen Rio Solimões und Rio Negro erstreckt, bis 1100 Kilometer an die Grenzstadt Tabatinga im Dreiländereck zwischen Peru, Kolumbien und Brasilien. Hunderte von Wasserläufen zwischen den beiden Strömen sind das Terrain der Drogenschmuggler. Die Polizisten reden über Flüsse, Weiler und Überschwemmungsgebiete wie ihre Kollegen in den Städten über Straßen, Dörfer und Parks.
Mit Schnellbooten preschen die Schmuggler nachts ohne Licht über die Flüsse. Bis zu 60 Kilometer schnell seien die Boote mit 300-PS-Außenbordmotoren. Drei Tage brauchen sie von der Grenze bis nach Manaus. Manchmal bepacken sie auch überdimensionierte Schlauchboote mit bis zu einer Tonne Drogen und treiben sie mit einem Dutzend Motoren an. Dann dauert die Reise nach Manaus Wochen.
Die Banditen sind immer bewaffnet. Im Internet kursieren Aufnahmen von den Schusswechseln auf den Flüssen. Es sind Szenen wie von einer Kriegsfront. Die Schmuggler verstecken sich tagsüber in den verzweigten Flussläufen. Sie werden manchmal auch versorgt und unterstützt von Flugbooten, die knapp über dem Flussbett fliegen – und, wenn sie in eines der häufigen Gewitter geraten, auch mal in einem Baumwipfel hängenbleiben.
Beim einem Kaffee tauen die Polizisten später etwas auf. Sie erzählen, wie sie oft für Wochen unterwegs sind. Es gibt nur eine Basis flussaufwärts. Meist werden sie mit dem Helikopter abgesetzt und müssen dann allein im Regenwald zurechtkommen. Es ist ein riskanter Job: Am Eingang hängen Plaketten für die im Dienst getöteten Kollegen.
„Wir können nur versuchen, den Schaden für die Bevölkerung durch den Drogenhandel zu minimieren“, sagt Major Jackson. Der Kommandant der Spezialeinheit macht sich keine Illusionen darüber, dass die Sicherheitskräfte den Drogenschmuggel im Amazonas irgendwann stoppen könnten. Er sagt: „Solange es die Nachfrage nach Kokain in Europa gibt, werden hier Drogen transportiert.“