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Corona-Hilfe Kann Kapital während der Coronakrise arbeitslos werden?

Bisher drehte sich fast alles darum, die Unternehmen bei den Arbeitskosten zu entlasten. Nun kommt Entlastung auch bei den Kapitalkosten ins Gespräch.
30.03.2020 - 03:53 Uhr Kommentieren
Die US-Regierung versucht die Folgen der Coronakrise für Bürger mit Schecks abzufedern. Quelle: AFP
Times Square

Die US-Regierung versucht die Folgen der Coronakrise für Bürger mit Schecks abzufedern.

(Foto: AFP)

Frankfurt Wie man es im Umgang mit der Coronakrise nicht machen sollte, darüber herrscht unter deutschen Ökonomen weitgehend Einigkeit. Allen Steuerbürgern einen Scheck zu schicken, wie das die US-Regierung vormacht, gilt als ungeeignete Antikrisenmaßnahme. Denn die 1200 Dollar sind zu wenig für diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, und unnötig für die anderen, die ohnehin zu Hause bleiben und nicht einkaufen gehen sollen.

Auch die Einlassung des Chefs der Österreichischen Nationalbank, Robert Holzmann, die Krise sei eine Chance für „schöpferische Zerstörung“, so wie das die marktradikale „Österreichische Schule“ der Volkswirtschaftslehre vertritt, stieß auf breite Ablehnung.

Leo Kaas, Professor für Makroökonomie an der Universität Frankfurt, kontert: „Schon vor der Coronakrise war die Diskussion über Zombie-Firmen irreführend, jetzt davon zu reden und die reinigenden Wirkungen von Rezession anzuführen ist völlig daneben.“ Selbst die Europäische Zentralbank sah sich zu einer öffentlichen Klarstellung genötigt, dass ihr Ratsmitglied nur für sich selbst spreche.

„Derart ungewöhnliche Maßnahmen sind in der aktuellen Situation richtig und dringend erforderlich“, verteidigt Kaas im Onlinemagazin „Makronom“ die staatlichen Bemühungen zur Rettung möglichst vieler Betriebe und Arbeitsplätze. Anpassungen des Kapitalbestands durch Liquidation oder Schrumpfung von Unternehmen müssten vermieden werden.

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    Denn zur Anpassung des Kapitalstocks an eingebrochene Absatz- und Produktionsmöglichkeiten müsste man einen Teil der Bauten und Anlagen verkaufen, vermieten oder aber das ganze Unternehmen liquidieren. Das wären in normalen Zeiten ganz gewöhnliche und erwünschte Transaktionen. Derzeit sei das aber ganz anders.

    Rückwirkende Senkung der Einkommen- und Körperschaftsteuer

    Da der Produktionsrückgang aus gesundheitlichen Gründen geboten ist, gibt es aktuell keine Märkte, auf denen sich etwa die Einrichtungen von Hotels, Restaurants oder Fitnesscentern zu angemessenen Preisen verkaufen ließen oder zu denen Gewerberäume in der Einkaufszone vermietet werden könnten. Außerdem ist das Problem zeitlich begrenzt, sodass dauerhafte Verlagerungen von Produktionsmitteln ohnehin nicht angebracht sind.

    Trotzdem machen manche Ökonomen Vorschläge, die auch vom allseits kritisierten Holzmann stammen könnten. Das gilt sogar für Peter Bofinger, das frühere, gewerkschaftsnahe Mitglied der Wirtschaftsweisen.

    Er kritisiert, wie viele andere Ökonomen, dass sich die geplanten Hilfen der Regierung für Unternehmen zu sehr auf Liquidität, also Kredite fokussieren. Das erhöhe den Verschuldungsgrad und damit das Insolvenzrisiko.

    Der Ökonom schlägt stattdessen eine rückwirkende Senkung der Einkommen- und Körperschaftsteuer für 2019 um 20 Prozent vor, nur für Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit und Gewerbebetrieben. Die Finanzämter sollten diese aus den Steuervorauszahlungen erstatten, die Firmen hätten dann sofort Geld und keine zusätzlichen Schulden.

    Diese Zuschüsse würden vor allem bei denjenigen Selbstständigen und Betrieben landen, die vor der Krise die höchsten Gewinne hatten, während solche mit niedrigen Gewinnen oder gar Verlusten leer oder fast leer ausgehen würden. Das sind auch die Betriebe, die Holzmann gerne der „schöpferischen Zerstörung“ anheimfallen lassen würde.

    „Künstliches Koma“ für die Wirtschaft

    Der ehemalige Senior Partner der Unternehmensberatung BCG und heutige Publizist Daniel Stelter schlägt in einer vielleicht nicht ganz treffenden, aber markanten Bezeichnung vor, die Wirtschaft in ein „künstliches Koma“ zu versetzen.

    Sein Vorschlag läuft darauf hinaus, allen Unternehmen und Selbstständigen während der Monate der Stilllegungen und Ausgangsbeschränkungen (Lockdown) ohne Antrag und Bedürftigkeitsprüfung einen Betrag in Höhe des durchschnittlichen Monatsumsatzes des letzten Jahres zu überweisen.

    Wenn die Normalität zurückgekehrt ist, müssten die Empfänger zunächst alles, was über den Einnahmendurchschnitt des Vorjahres hinausgeht, zurückzahlen und die verbleibenden Nothilfen wie normale Einnahmen versteuern.

    Stelter geht davon aus, dass das den Staat zwischen zehn und 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts eines Jahres kosten würde. Angesichts des maßvollen Schuldenstands der deutschen Regierung sei das vertretbar. Für die Arbeitnehmer, die in Kurzarbeit geschickt oder arbeitslos werden, schlägt er ein aufgestocktes Kurzarbeiter- und Arbeitslosengeld vor.

    Ein kleiner Mangel des Vorschlags, der leicht zu beheben wäre, liegt darin, dass bei vollständigem Ersatz des Umsatzausfalls die Unternehmen und Selbstständigen keinen Anreiz mehr hätten, überhaupt noch Umsatz zu machen. Jetzt schon hört man von Selbstständigen, die keine Rechnungen mehr schreiben, um den für Hilfen vorausgesetzten Umsatzausfall zu generieren.

    Freiwillige Zugeständnisse

    Auf den größeren Mangel des Vorschlags, den auch die geplanten Hilfsprogramme der Regierung haben, weist Leo Kaas von der Uni Frankfurt hin. „Von den staatlichen Liquiditätsprogrammen profitieren die Kapitaleigentümer, da sie es erst ermöglichen, dass Unternehmen zahlungsfähig bleiben.“

    Möglicherweise wären die Kapitaleigentümer ohne die Rettungsprogramme freiwillig zu Zugeständnissen bereit, um ihre Kreditnehmer oder Mieter vor dem Bankrott und sich selbst vor noch größeren Verlusten zu bewahren. Kaas meint jedoch, es sei nicht Aufgabe des Staates, generell die Vermögen der Kapitalbesitzer gegen die Folgen solcher Krisen zu schützen.

    Deshalb schlägt er während der Zeit des Lockdowns vor, dass alle Unternehmen mit starken Umsatzeinbrüchen das Recht bekommen, ihre Miet- und Leasingzahlungen für diese Zeit im gleichen Verhältnis wie die Umsatzrückgänge auszusetzen. Zinszahlungen auf Kredite erwähnt er zwar nicht ausdrücklich.

    Doch auf Nachfrage ergänzt er, prinzipiell lasse sich der Vorschlag erweitern, zumindest auf Stundung der Zins- und Tilgungszahlungen. „Sollten einzelne Banken Probleme bekommen, kann man ihnen immer noch helfen, man weiß ja spätestens seit 2008, wie das geht.“ Denjenigen Kapitalbesitzern, für die die ausbleibenden Zahlungen eine besondere Härte wären, soll nach Kaas’ Vorstellungen der Staat helfen, analog zur Arbeitslosenunterstützung.

    Würden die Kapitalbesitzer an den Kosten der Stilllegung des Kapitals beteiligt, das sie zur Verfügung gestellt oder finanziert haben, müsste die Verschuldung des Staates und der Unternehmen weniger stark steigen, argumentiert Kaas. Entsprechend leichter könnte die Wirtschaft sich nach der Krise wieder erholen. Denn Unternehmen, die versuchen, Schulden abzubauen, investieren nicht.

    Mehr: Ökonomen haben unterschiedliche Vorstellungen, wer die wirtschaftlichen Schäden der Pandemie bezahlen sollte. Drei Optionen.

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