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VerbraucherpreiseInflationsrate in Deutschland nur knapp über EZB-Ziel

In Deutschland geht die Teuerung tendenziell weiter leicht zurück. In Frankreich, Italien und Spanien liegt sie noch niedriger. Die Vorzeichen für den nahenden Zinsentscheid sind klar.Felix Stippler, Stefan Reccius 30.05.2025 - 15:02 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Die EZB-Zentrale in Frankfurt: Kommende Woche entscheiden die Notenbanker über die Leitzinsen. Foto: Boris Roessler/dpa

Düsseldorf, Frankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ein wichtiges Zwischenziel angesichts des globalen Zollkonflikts wohl früher als erwartet erreichen. In den vier größten Euro-Ländern hat sich die Inflation auf um die zwei Prozent abgeschwächt – teils liegt sie sogar schon deutlich darunter.

In Deutschland ist die Teuerung im Mai denkbar knapp an den Zielwert von zwei Prozent gesunken: Güter und Dienstleistungen waren 2,1 Prozent teurer als vor einem Jahr. Das geht aus der Schnellschätzung des Statistischen Bundesamts hervor.

In Spanien stiegen die Verbraucherpreise nach Angaben der dortigen Statistiker im Mai um 1,9 Prozent. In Italien schwächte sich die Inflation auf 1,7 Prozent ab. Und in Frankreich beträgt sie nur noch 0,7 Prozent.

Die Inflationsrate für die gesamte Euro-Zone dürfte nach Einschätzung von Experten somit im Mai auf exakt 2,0 Prozent gefallen sein. Womöglich steht sogar eine Eins vor dem Komma, wenn das Statistikamt Eurostat am Dienstag seine Schnellschätzung veröffentlicht – zwei Tage vor dem nächsten Zinsentscheid.

EZB: Nächste Zinssenkung gilt als wahrscheinlich

Die Vorzeichen für die Beratungen der Euro-Notenbanker in Frankfurt sind somit ziemlich klar: Es zeichnet sich die achte Zinssenkung seit einem Jahr ab. Der relevante Einlagensatz für Banken dürfte von 2,25 auf 2,0 Prozent sinken. Die Zinswende nach unten hatte die EZB im Juni 2024 bei einem Einlagensatz von 4,0 Prozent begonnen.

Im Zuge dessen senkten Banken ihre Spar- und Kreditzinsen, was der Kreditvergabe in der Euro-Zone hilft: Im April vergaben Banken an private Haushalte 1,9 Prozent mehr Kredite als vor einem Jahr. Im Firmenkundengeschäft läuft es noch besser: Die Unternehmenskredite sind im April um 2,6 Prozent gewachsen. Das zeigen am Donnerstag veröffentlichte Daten der EZB.

Seit einem Jahr vergeben Banken mehr Kredite, weil die Zinsen kontinuierlich gesunken sind. Dass sich der Trend auch im April ungebrochen fortgesetzt hat, ist durchaus bemerkenswert. Denn eigentlich hatten die Banken der EZB signalisiert, dass sie im Frühjahr etwas vorsichtiger bei der Kreditvergabe sein wollten.

Vergeben Banken mehr Kredite an Privatleute und Unternehmen, deutet das darauf hin, dass diese mehr konsumieren und investieren. Hält dieser Trend trotz der Unwägbarkeiten im globalen Zollkonflikt an, könnten eines Tages auch die Preise wieder stärker steigen.

Zollkrieg wirkt sich auf die Preise in der Euro-Zone aus

Momentan drückt der von den USA angezettelte Handelskrieg jedoch die Preise in der Euro-Zone. Der Euro hat zum Dollar deutlich aufgewertet. Das macht Importe aus aller Welt für europäische Unternehmen günstiger.

Außerdem sind Öl und Gas seit einigen Wochen billiger geworden: Die Energiepreise waren im vergangenen Monat laut Statistischem Bundesamt 4,6 Prozent niedriger als im Mai 2024. Auch das drückt die Inflationsraten.

Bereits im April lagen die Teuerungsraten in Deutschland nur noch bei 2,1 Prozent nach nationaler Rechnung (VPI) und 2,2 Prozent nach europaweit einheitlicher Rechnung (HVPI). Im Mai sind es in beiden Fällen 2,1 Prozent. Im Herbst 2024 war die Inflationsrate bereits vorübergehend unter das EZB-Ziel gefallen. Sie stieg zwischenzeitlich aber wieder an.

Der deutsche Leitindex (Dax) gab am Freitagnachmittag als Reaktion auf die Inflationsdaten einen kleinen Teil seiner Tagesgewinne ab. Anleger hofften wohl auf einen noch etwas niedrigeren Wert von glatt zwei Prozent, den Experten erwartet hatten. Der Dax verteidigte aber bisher die 24.000-Punkte-Marke.

An den Börsen sind Inflationsdaten aus Europa seit einigen Monaten in den Hintergrund getreten. Anleger setzen ihre Zuversicht vor allem darauf, dass Verhandlungen zu einer Zolleinigung mit den USA führen.

Die Notenbanker um EZB-Präsidentin Christine Lagarde haben die Leitzinsen seit Juni 2024 siebenmal um jeweils einen Viertelprozentpunkt (25 Basispunkte) gesenkt. Eine weitere Zinssenkung durch die EZB am kommenden Donnerstag ist längst fest eingepreist. An den Märkten würde es somit für ziemliche Irritationen sorgen, sollte der achte Schritt nach unten doch ausbleiben.

Notenbanker schüren Zinsfantasien

Ulrike Kastens, Volkswirtin der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, prognostiziert: „Während wir in der Euro-Zone im zweiten Halbjahr 2025 mit Inflationsraten von temporär unter zwei Prozent rechnen, dürfte Deutschland weiterhin leicht über der Zwei-Prozent-Marke verharren.“ Sie macht das am Wachstum der Löhne fest, das stärker war als im Durchschnitt der Euro-Zone.

Das schlägt sich in der Kerninflation nieder, weil hier lohnintensive Dienstleistungen dominieren. Die Kernrate ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel ist im Mai zwar wieder etwas zurückgegangen, mit 2,8 Prozent aber weiterhin erhöht. Das Lohnwachstum dürfte sich nun aber abschwächen, erwartet die Bundesbank. Das spricht für weiterhin gemäßigte Inflationsraten in weiten Teilen der Euro-Zone.

Die meisten Notenbanker haben vor diesem Hintergrund wenig Zweifel gelassen, dass sie die Leitzinsen in der Euro-Zone weiter senken wollen. Die Ökonomen der Commerzbank werten Reden, Interviews und Kommentare der Euro-Notenbanker mithilfe Künstlicher Intelligenz aus. Ihr klarer Befund: Die Kommunikation der Währungshüter deutet aktuell noch stärker auf weitere Zinssenkungen hin, als es noch um den Jahreswechsel der Fall war.

Vor diesem Hintergrund hält Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer eine Zinssenkung für „gesetzt“. Tatsächlich rechnen sämtliche Experten, die von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragt wurden, für Donnerstag mit sinkenden Zinsen. Dementsprechend erwarten die Analysten der Bank Unicredit kaum Bewegung an den Märkten, wenn alles wie erwartet läuft.

Nur ein Notenbanker offen gegen Zinssenkung

Offen gegen eine weitere Zinssenkung hat sich lediglich Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann ausgesprochen. Er will keinen weiteren Lockerungsschritt mehr mittragen, bevor seine Amtszeit im August endet. Ab September wird dann sein Nachfolger, der frühere österreichische Wirtschaftsminister Martin Kocher, im EZB-Rat über die Leitzinsen mitbestimmen.

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EZB-Direktorin Isabel Schnabel hat sich dafür ausgesprochen, die Leitzinsen „in der Nähe ihres derzeitigen Niveaus“ zu halten. Sie hat sich aber nicht explizit zum nächsten Zinsentscheid geäußert. Bundesbankchef Joachim Nagel wiederum gibt sich schon seit einiger Zeit und zuletzt am Dienstag bei einer Rede in Mannheim betont „neutral“.

Somit dürfte es gegen eine Zinssenkung in der kommenden Woche nur wenig Widerspruch geben. Anders sieht es mit Blick auf Juli aus, wenn der letzte Zinsentscheid vor der Sommerpause ansteht. Neben Schnabel und Holzmann haben auch die Notenbankchefs aus Belgien und Griechenland, Pierre Wunsch und Yannis Stournaras, eine Pause bei der übernächsten Sitzung ins Spiel gebracht.

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