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Coronakrise Die Türkei bereitet sich auf das Ende des Lockdowns vor – und setzt voll auf den Tourismus

Die türkische Wirtschaft soll schnell wieder ans Laufen gebracht werden – vor allem über den Tourismus. Die taumelnde Währung wird angesichts dieser Strategie zum Segen.
07.05.2020 - 11:59 Uhr Kommentieren
Die türkische Regierung will die Wirtschaft des Landes so schnell wie möglich wieder hochfahren. Quelle: AFP
Corona-Schutz in Ankara

Die türkische Regierung will die Wirtschaft des Landes so schnell wie möglich wieder hochfahren.

(Foto: AFP)

Istanbul Wer dieser Tage in Istanbul unterwegs ist, kann nach wochenlangem Stillstand ein wenig Normalität spüren. Kleinere Läden sind geöffnet, Passanten trauen sich auf die Straße, am Nachmittag nimmt der Verkehr zu. „Wir bereiten uns auf das Ende des Lockdowns vor“, sagt der Mitarbeiter eines Cafés im Viertel Galata.

Nicht nur der Einzelhandel hofft auf ein Ende der Kontaktsperren. „Wir können nicht gegen die Pandemie kämpfen, indem wir alles andere aufschieben“, mahnte Sekib Avdagic, Präsident des Istanbuler Wirtschaftsverbandes ITO, dem rund 420.000 Mitglieder angehören. „Wir müssen weiter produzieren.“

Im Präsidentenpalast in Ankara wird genau beobachtet, wo sich andere Länder bei der Bekämpfung der Pandemie befinden. Wenn die Oberen in der türkischen Hauptstadt die Chance sehen, der heimischen Wirtschaft jetzt Vorteile zu verschaffen, sind Erdogan und seine Minister nicht zimperlich.

Die Türkei konnte die Pandemie zügig unter Kontrolle bringen, doch die Wirtschaft des Landes zahlte dafür einen hohen Preis. Als Land ohne große Rohstoffressourcen und wenig Hochtechnologie ist die Türkei auf weltweiten Handel angewiesen. Die türkischen Exporte sind jedoch bereits im März eingebrochen.

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    Die türkische Lira hat an diesem Donnerstag zum US-Dollar mit 7,24 Lira pro Dollar einen neuen Tiefstand erreicht. Das war zuletzt während des Währungsschocks im August 2018 der Fall. Die Zentralbank und staatliche Banken haben in den vergangenen Wochen mehrere Milliarden Dollar investiert, um den Verfall der Währung zu stoppen. Doch der Druck der Märkte war zu groß.

    Damit hat die Lira nach dem Abzug von Investorengeldern aus Schwellenländern seit Jahresbeginn rund 15 Prozent an Wert eingebüßt.

    Zertifikate für Strandhotels

    Ermutigens melden allerdings die Gesundheitsbehörden: Die Infektions- und Todeszahlen sind derzeit so niedrig wie seit Ende März nicht mehr. Mit Ausgangssperren an Wochenenden, kostenlosen Masken und einem Bündel weiterer Maßnahmen hat die Führung in Ankara die Verbreitung des Virus eingedämmt. „Die Türkei hat die erste Phase der Pandemie hinter sich gelassen“, sagte Gesundheitsminister Fahrettin Koca.

    Das ist Grund genug für die Regierung, die Wirtschaft Schritt für Schritt wieder ans Laufen zu bringen. Vor allem der Tourismus soll es richten. Einer Mitteilung des türkischen Ministeriums für Tourismus und Kultur zufolge könnte ab dem 12. Juni das Verbot für Auslandsflüge aufgehoben werden.

    Demnach könnten die ersten Urlaubsflüge von „risikoarmen“ Städten aus Deutschland oder Russland angeboten werden. Die Ankündigungen kommen zu einem Zeitpunkt, zu dem andere Urlaubsländer wie Spanien oder Italien noch viel stärker mit den Folgen des Virus zu kämpfen haben.

    In den Ferienhochburgen will Tourismusminister Mehmet Ersoy mit Zertifikaten dafür sorgen, dass Hoteliers Schutzvorschriften einhalten. Ende Mai sollen die ersten Zertifikate vergeben werden – pünktlich zum Start der Urlaubssaison.

    Auch die teilstaatliche Turkish Airlines will einem Bericht zufolge Stück für Stück den Betrieb wiederaufnehmen. Von Juni an sollen 22 Ziele in 19 Ländern in den Flugplan aufgenommen werden, darunter Deutschland, China, die Niederlande, Österreich und Norwegen sowie China – also jene Länder, aus denen ein Großteil der Türkeiurlauber stammen.

    Reisen ins Ausland sollten teilweise möglich werden

    Die Türkei habe früh ein umfangreiches Konzept vorgelegt, um Reisen aus dem Ausland wieder zuzulassen, erklärt Deniz Ugur, Mitglied im Ausschuss „Politik und Ausland“ des Deutschen Reiseverbandes und Inhaber des Reiseveranstalters Bentour, der vor allem Türkeireisen anbietet.

    „Andere Urlaubsländer hinken da noch etwas hinterher.“ Er glaubt, dass die Türkei schon bald die Einreise deutscher Staatsbürger wieder erlauben wird, um den Tourismus anzukurbeln. „Das könnte den Druck auf deutsche Behörden erhöhen, im Gegenzug die Reisewarnungen nicht weiter zu verlängern“, glaubt Ugur.

    Die taumelnde Währung wird angesichts dieser Strategie vom Fluch zum Segen. Denn viele türkische Produkte werden dadurch im Ausland billiger. Dazu zählen auch Hotelbetten an der Türkischen Riviera, die an Sonnenanbeter in Mitteleuropa vermietet werden.

    Das gilt auch für die türkische Landwirtschaft. Einer Umfrage der Wirtschaftszeitung Dünya unter regionalen Bauernverbänden zufolge rechnet der Sektor in diesem Jahr mit einer Rekordernte. Damit dürfte eine größere Menge exportiert werden.

    Der schwache Wechselkurs tut sein Übriges, um womöglich andere Produzenten zu verdrängen. Schon im vergangenen Jahr blieben deutsche Kirschbauern zum Teil auf ihrer Ernte sitzen, weil sie nicht gegen die niedrigen Preise für türkische Kirschen ankamen. In diesem Jahr stehen die Chancen gut, dass türkische Produzenten ihre Marktanteile in Europa noch weiter ausbauen.

    Billige Kredite für die Übergangszeit

    Die türkische Industrie will das Ende des Lockdowns ebenfalls für ihre eigenen Zwecke nutzen. Der größte Konkurrent heißt China. Das Land, in dem die Coronakrise ihren Anfang nahm, hat seitdem stark an Ansehen verloren. Die türkische Textilindustrie erwartet wegen der Auswirkungen des Coronavirus einen Auftragszuwachs von bis zu zwei Milliarden US-Dollar.

    „Viele bekannte Marken haben bereits Verhandlungen für die Produktion neuer Saisonware mit uns aufgenommen“, erklärt Hadi Karasu, Präsident des türkischen Verbandes der Textilproduzenten (TGSD) in einer Stellungnahme. Auf Basis des US-Dollars seien die Produktionskosten in der Türkei im Vergleich zu China zuletzt um 36 Prozent gesunken.

    Und so tat die türkische Führung Ende April dem Rest der Wirtschaft einen umstrittenen Gefallen. Die Zentralbank senkte erneut die Leitzinsen, diesmal auf 8,75 Prozent. Über einen staatlichen Kreditfonds können staatliche Banken Kredite mit 7,5 Prozent Zinsen vergeben, also noch billiger als es der derzeitige Leitzins andeutet.

    Unternehmen und Konsumenten sollen günstige Kredite aufnehmen können, um so die Wirtschaft anzukurbeln. Was im Sparerland Deutschland wagemutig erscheint, verfehlt in der Türkei nicht seine Wirkung: Nach Daten der Zentralbank stieg das Volumen neuer Kredite zwischen Ende Januar und Ende April um 60 Prozent an, verglichen mit dem Vorjahreszeitraum. Bei Unternehmenskrediten liegt das Plus sogar bei 80 Prozent.

    Viele Unternehmen nutzen die niedrigen Zinsen, um ältere teurere Kredite umzuschulden. Andere verschaffen sich damit Liquidität, um die Krise durchzustehen. Nach Beginn der Pandemie lieh sich der Unternehmer Alper Akmaner drei Millionen Lira (424.000 US-Dollar).

    „Ich leihe Geld, um weiter zu produzieren, in der Hoffnung, dass sich die Situation bald positiv entwickelt", sagte er der Finanzagentur Bloomberg. Die Regierung hat außerdem die Rückzahlung staatlicher Kredite auf das Jahresende verschoben. „Was dann passieren wird, ist bisher die große Unbekannte“, sagt Akdamer.

    Mehr: Wie die Türkei in China um finanzielle Hilfe sucht

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