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Deutsche Marine im Indopazifik„Wir brauchen freie und sichere Seewege“

Die Spannungen zwischen China und seinen Nachbarn im Pazifik nehmen zu. Admiral Axel Schulz kommandiert den deutschen Marineverband im Indopazifik. Im Interview spricht er über den Einsatz und eine Blinddarm-OP an Bord.Frank Specht 19.08.2024 - 12:11 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Eurofighter überfliegen die „Baden-Württemberg“: Die Fregatte könnte bald die Taiwanstraße durchqueren. Foto: Francis Hildemann/Luftwaffe/dpa

Berlin. Seit Mai dieses Jahres sind die Fregatte „Baden-Württemberg“ und das Einsatzgruppenversorgungsschiff „Frankfurt am Main“ im Rahmen der Übung Indo-Pacific Deployment einmal rund um die Welt unterwegs.

Zuerst ging es vom spanischen Rota, wo die Fregatte gewartet worden war, über den Atlantik an die amerikanische Ostküste nach Halifax und New York, dann durch den Panamakanal in den Pazifik und von San Diego nach Hawaii, wo der Verband an der von der US Navy geführten multinationalen Übung Rimpac teilnahm.

Gerade haben die beiden Schiffe einen Taifun umfahren und sind mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund zwölf Knoten (21 km/h) auf dem Weg nach Tokio, wo sie am Dienstagvormittag im Kreuzfahrtterminal einlaufen sollen.

Anschließend könnten die Schiffe im September durch die Straße von Taiwan navigieren. Ob das passiert, ist noch unklar, noch warten sie diesbezüglich auf Anweisung aus Berlin. In dem Fall würden Schiffe der deutschen Marine erstmals seit 2002 wieder diese Route nehmen, was zu neuen Spannungen mit China führen dürfte.

Worum es bei dem Einsatz geht, illustriert ein Vorfall am frühen Montagmorgen: Im Südchinesischen Meer kam es erneut zu einer Konfrontation zwischen Schiffen der chinesischen und der philippinischen Küstenwache. Mindestens zwei Schiffe wurden beschädigt.

Die chinesische Küstenwache warf den Philippinen vor, absichtlich ein chinesisches Schiff gerammt zu haben. Von philippinischer Seite hieß es, die Chinesen hätten „ungesetzliche und aggressive Manöver“ durchgeführt.

Wie lief der Einsatz der deutschen Marine im Indopazifik bisher? Fragen an Flottillenadmiral Axel Schulz, der den deutschen Verband führt.

Herr Flottillenadmiral Schulz, die Ostsee, den Atlantik oder das Mittelmeer kennt man als Operationsgebiete der deutschen Marine. Warum sind Sie jetzt Tausende von Seemeilen entfernt im Indopazifik unterwegs?
Wir setzen die Indopazifik-Leitlinien der Bundesregierung aus dem Jahr 2021, die Nationale Sicherheitsstrategie und den Koalitionsvertrag der Ampelregierung praktisch um und zeigen Flagge in der Region. So wie es vor drei Jahren erstmals schon die Fregatte „Bayern“ gemacht hat.

Damals dachten viele, der Besuch der „Bayern“ in der Region sei ein einmaliger Einsatz. Nun ist die Marine wieder da. Warum ist das so wichtig?
Unser militärpolitischer Beitrag ist nachhaltig angelegt und wird von der ganzen Bundeswehr getragen. Letztes Jahr war das deutsche Heer in der Region, und dieses Jahr operieren wir gemeinsam mit der Luftwaffe.

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Wir sind eine Wirtschaftsnation, die vom Handel lebt und auf den Import von Rohstoffen und anderen Materialien angewiesen ist. Dafür brauchen wir freie und sichere Seewege. Was es heißt, wenn Warenströme abreißen, haben wir während der Coronapandemie gesehen – oder als im Mai 2021 der Frachter „Evergiven“ den Suezkanal blockierte.

Verteidigungsminister Boris Pistorius (r.), Flottillenadmiral Axel Schulz: Ein Zeichen von Wertschätzung und Vertrauen Deutschland gegenüber. Foto: Soeren Stache/dpa

Aber anders als beim EU-Einsatz „Aspides“ im Roten Meer schützt die Marine jetzt ja nicht aktiv Handelsschiffe. Ist da nicht viel Symbolik dabei?
Die deutsche Sicherheitspolitik ist global ausgerichtet. Der Indopazifik und der asiatische Raum sind Schlüsselregionen auch für unseren Handel. Indem wir in der Region gemeinsam mit den Anrainerstaaten üben, demonstrieren wir, dass wir uns gemeinsam für den Erhalt und die Wahrung der regelbasierten internationalen Ordnung einsetzen.

Wie ist die Resonanz bei den Nationen, die sich am Indo-Pacific Deployment beteiligen?
Gerade die Amerikaner, aber auch andere Nationen wie Japan empfangen uns hier mit offenen Armen und beweisen uns ihre Verbundenheit. Und auch Anrainer wie Peru, Mexiko, Indonesien, Indien oder Chile freuen sich, dass wir hier sind, und wollen uns als Partner haben. Da gibt es über große geografische Distanzen hinweg eine große Verbundenheit.

Wie zeigt sich die?
Als wir auf dem Weg von San Diego nach Hawaii waren, sah ich mich plötzlich mit dem Umstand konfrontiert, nicht nur die beiden Schiffe des deutschen Verbands führen zu müssen, sondern insgesamt acht Schiffe. Denn Schiffe aus Peru, Mexiko, Kanada und den USA haben sich unserem Verband angeschlossen und sich unter meine Führung gestellt. Das ist auch ein Zeichen von Wertschätzung und Vertrauen Deutschland gegenüber.

Besser, moderner und fortschrittlicher geht natürlich immer
Axel Schulz

Wenn Sie mit Nationen wie Peru, Mexiko oder Chile üben, ist das doch sicher kompliziert, weil sie nicht den Nato-Standards unterliegen, oder?
Das ist richtig, aber man staunt, wie schnell alle Standards adaptiert werden. Peru und Mexiko haben eine Marine auf hohem Niveau, Indien auf hervorragendem Niveau. Die operieren mit uns auf Augenhöhe. Und Übungen wie Rimpac dienen ja gerade dem Ziel, die Interoperabilität auch mit Nationen zu stärken, die nicht der Nato angehören. Einmal konnten wir ganz praktisch helfen.

Inwiefern?
Eines Tages kam der Anruf von einem mexikanischen Schiff, dass ein Soldat eine Blinddarmentzündung habe. Und die Frage, ob wir ihn nicht im Marineeinsatzrettungszentrum an Bord der „Frankfurt am Main“ operieren können. Dann wurde der Soldat per Hubschrauber zu uns gebracht, operiert, und am nächsten Tag haben wir ihn mit dem Hubschrauber zurückgeflogen.

Sind Sie denn mit der Ausrüstung zufrieden, die Sie für das Indo-Pacific Deployment bekommen haben?
Besser, moderner und fortschrittlicher geht natürlich immer. Aber der Inspekteur der Marine, Jan Christian Kaack, hat frühzeitig klargemacht, dass das Indo-Pacific Deployment eine seiner Top-Prioritäten für dieses Jahr ist. Deshalb haben wir alles, was wir brauchen. Rimpac ist ein guter Gradmesser dafür, wie gut wir im Vergleich zu anderen Nationen sind. Und da können wir mit unserem Verband durchaus international sehr gut mithalten. Insbesondere, wenn ich an die Top-Ausbildung unserer Soldatinnen und Soldaten denke.

Vita Flottillenadmiral Axel Schulz
Axel Schulz trat 1990 in die Bundeswehr ein, studierte Luft- und Raumfahrttechnik, wurde zum Offizier und zum Minentaucher ausgebildet und diente zunächst auf Minenräumern. Später wechselten sich Verwendungen auf Fregatten mit Posten beim Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr und Stabsstellen im Verteidigungsministerium ab.
Von 2016 bis 2018 war Schulz Adjutant der Generalinspekteure Volker Wieker und Eberhard Zorn. Seit September 2021 leitet der 53-Jährige als Kommandeur die in Wilhelmshaven stationierte Einsatzflottille 2. In ihr sind die Fregatten, Einsatzgruppenversorger und Flottentanker der Marine zusammengefasst.

Ich frage auch deshalb, weil die „Baden-Württemberg“ nach Indienststellung zunächst durch Pannen auffiel. Im vergangenen September wurde noch ein Besuch bei der Londoner Rüstungsmesse wegen technischer Probleme abgesagt.
Für mich kommt es nicht überraschend, dass so hochkomplexe Waffensysteme wie eine neue Fregatte anfänglich erst mal in Fahrt kommen und beherrscht werden müssen.

Und das ist jetzt der Fall?
Jetzt kann ich sagen: Wir haben die Schiffe fit, und beide bewähren sich. Die „Baden- Württemberg“ ist seit Oktober letzten Jahres unterwegs, sie war im Unifil-Einsatz vor der Küste des Libanons und wurde nach einer mehrwöchigen turnusmäßigen Instandsetzung fernab Deutschlands im spanischen Rota dann direkt ins Indo-Pacific Deployment integriert. Ich habe heute erst mit zwei Besatzungsmitgliedern gesprochen, die gerade ihren 300. Tag auf dem Schiff gefeiert haben.

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300 Tage auf See, weit weg von der Familie – das klingt nicht gerade wie ein Werbeprogramm für die Marine. Dabei braucht die doch dringend Personal.
Die beiden sind eher die Ausnahme, aber durchaus zwei Besatzungsmitglieder, die bewusst die Seefahrt als Beruf gewählt haben – beide leben dabei durchaus das „Once-in-a-Lifetime“-Prinzip. Der Rest der Crew wird ungefähr in einem Vier-Monats-Rhythmus gewechselt. Das ist das Besondere an dieser neuen Schiffsklasse. Bei den Fregatten arbeiten wir mit einem Intensivnutzungs- beziehungsweise Mehrbesatzungskonzept.

Das heißt?
Nicht die Schiffe wechseln im Einsatz, sondern nur die Besatzungen. Das verringert die Abwesenheit, schafft Planungssicherheit und erhöht letztlich die Attraktivität. Aber wer zur Marine kommt, der will unterwegs sein und fremde Länder sehen. Nach den fast sechs Wochen im Seegebiet um Hawaii mit Hafenzeiten in Pearl Habor haben viele gesagt: „So schön es hier auch ist, jetzt ist es Zeit, mal wieder woanders hinzufahren.“

Das Indo-Pacific Deployment soll auch ein Signal an China senden, das in der Region zunehmend selbstbewusst und teilweise aggressiv auftritt. Hatten Sie bereits unangenehme Begegnungen?
Bisher nicht, aber wir sind ja erst bei Japan und hatten deshalb noch keine direkten Begegnungen. Aber, um das noch mal deutlich zu machen, wir verfolgen mit dem Indo-Pacific-Deployment einen multilateralen, inklusiven Ansatz.

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Ist schon entschieden, ob Sie auf dem weiteren Weg durch die Straße von Taiwan fahren werden?
Bisher ist die Entscheidung noch nicht getroffen worden.

Admiral Schulz, vielen Dank für das Interview.

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