EU-Sondergipfel: Internes Papier: Virus lässt sich „nicht vollständig eliminieren“ – EU plant für die neue Normalität
Die Strategie im Kampf gegen das Virus ist Thema auf dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der EU.
Foto: ReutersBrüssel. Der Angst am Anfang der Pandemie stand eine Hoffnung gegenüber, die eigentlich eine Überzeugung war: die Erwartung, dass der Lockdown nur ein kurzes Einfrieren des Alltags bedeuten und die Rückkehr in das alte Leben nur ein paar soziale Entbehrungen entfernt sein würde.
Die Europäer wissen heute, nach 15 Monaten Covidkrise, dass das nicht stimmt. Die akute Phase der Pandemie mag enden, aber eine neue Normalität beginnt. Die politischen Planungen dafür haben in Brüssel längst begonnen. In einem internen Papier sagt die EU-Kommission voraus, dass das Virus „weiter zirkulieren“ wird und dass Infektionen zumindest kurzfristig „nicht vollständig eliminiert werden“. Covid-19 wird somit „endemisch werden“ mit „saisonalen Ausbrüchen“.
Auch auf dem Brüsseler Gipfel der europäischen Staats- und Regierungschefs war der mittel- und langfristige Kampf gegen das Virus am Dienstag eines der dominierenden Themen. „Wir müssen wachsam bleiben in Bezug auf das Auftreten und Verbreiten von neuen Varianten des Virus'“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der EU.
Sowohl der Kommission als auch den Regierungen ist klar: Die schwerwiegenden Fehler bei der ersten Runde der Impfstoffbeschaffung dürfen Europa nicht noch einmal passieren. Allerdings überwiegen aus Sicht der meisten EU-Staaten die Vorteile der gemeinsamen Beschaffung. Darum soll die Kommission auch weiterhin dafür zuständig sein.
Bisher hat die EU mit einer Bestellung von 900 Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer und einer Option auf weitere 900 Millionen Dosen vorgesorgt. Der Vertrag gilt für die Jahre 2022 und 2023. Insgesamt rechnet die Europäische Union damit, bis Ende September des laufenden Jahres mehr als eine Milliarde Impfstoff-Dosen zu erhalten.
In dem internen Dokument rechnet die Kommission vor, dass die bestellten Dosen ausreichen, um die EU-weite Impfkampagne zu wiederholen (640 Millionen Dosen), auf 70 bis 80 Millionen Kinder auszuweiten (130 Millionen Dosen) und um die erwachsene Bevölkerung mit Booster-Impfungen zu versorgen (255 Millionen Dosen).
EU zeigt sich über Virusvarianten besorgt
Die Dauer des Impfschutzes sei noch unbekannt, schreiben die Kommissionsexperten, insbesondere bei älteren Menschen könnte er auch eher kurz sein. Dafür und für die Versorgung von Partnern in der Welt ist in der Bestellung der EU ein Puffer eingeplant.
Angekündigt sind Spenden an Drittländer von mindestens 100 Millionen Dosen bis zum Jahresende. Ob die EU auch in den Jahren danach Dosen abgeben wird, hat sie noch nicht erklärt. Allerdings haben die Hersteller angekündigt, ärmeren Ländern die Impfdosen zum Selbstkostenpreis anzubieten. Sie versprechen, bis Ende 2022 2,6 Milliarden Impfdosen in ärmere Länder zu liefern.
Die EU-Kommission denkt auch darüber hinaus: „Die globale Reaktion auf die Pandemie zeigt, dass man sich gar nicht zu früh oder zu ehrgeizig vorbereiten kann.“ Davon will sich die EU „in den kommenden Monaten und Jahren“ leiten lassen.
Besonders besorgt zeigt sich die EU über Virusmutationen. „Es entstehen neue Varianten, die sich schnell durchsetzen“, schreibt sie. Die Gefahr sei, dass wegen des evolutionären Drucks auf den Erreger Mutationen entstehen, „die noch stärkere Pathologien verursachen könnten als die derzeit zirkulierenden Varianten“. Zudem sei bei den Virusvarianten noch nicht klar, wie stark sie sich unter Geimpften verbreiten könnten.
Das Papier betont darüber hinaus die „Zusammenarbeit mit vertrauenswürdigen Partnern“ – ein Verweis darauf, dass die Kooperation mit Biontech/Pfizer exzellent funktioniert und nun das Rückgrat für die Planungen bilden kann, während sich der Konzern Astra-Zeneca anderen Partnern stärker verpflichtet fühlt.
Astra-Zeneca-Chef Pascal Soriot gestand gerade der „Financial Times“, dass Großbritannien bei den Impfstofflieferungen bevorzugt wird. Dies sei Teil der Abmachung mit der Universität Oxford gewesen, die den Impfstoff mitentwickelt hatte.
Verlässliche Partner für die EU
Weitere verlässliche Partner wären wohl das deutsche Unternehmen Curevac und das französische Unternehmen Sanofi, das zusammen mit dem britischen Partner Glaxo-Smithkline einen Impfstoff entwickelt hat. Beide Impfstoffe befinden sich im Zulassungsverfahren.
Es sei wichtig, weiter an der Ausweitung von Produktionskapazitäten zu arbeiten, sind sich die EU-Staats- und Regierungschefs einig. Ein Sprecher der Kommission sagte auf Anfrage, man werde weitere Verträge abschließen. „Wir werden unseren Weg fortsetzen und weitere Vereinbarungen abschließen – zum Beispiel auf der Basis anderer Technologien wie den proteinbasierten Impfstoffen.“
Gemeint ist damit das Produkt von Sanofi, das auf einer anderen Technologie basiert als die von Biontech/Pfizer und Curevac. Da jeder Impfstoff besondere Stärken und Schwächen hat, ist es sinnvoll, auf verschiedene Fabrikate zugreifen zu können. Gezeigt hat sich das etwa bei den Vektor-Impfstoffen von Astra-Zeneca und Johnson & Johnson, die für bestimmte Bevölkerungsgruppen weniger empfehlenswert sind als andere Impfstoffe.
Den schleppenden Start der europäischen Impfkampagne führt die Kommission auf „unerwartete Produktionsprobleme bei einigen Herstellern“ zurück. Gemeint ist vor allem Astra-Zeneca, das bisher nur einen Bruchteil der vertraglich vereinbarten Dosen geliefert hat. Doch auch der Tübinger Anbieter Curevac hat mit Problemen zu kämpfen, auch weil die USA mit Exportkontrollen die Lieferung von bestimmten Filtern und Einlagen für Bioreaktoren behindern.
Daher will Europa in der Impfstoffherstellung unabhängig werden. Die Kommission sieht den Bedarf, „Produktionskapazitäten im großen Maßstab in der EU für alle kritischen Elemente der Impfstoffentwicklung und -produktion“ zu schaffen, „einschließlich biologischer Komponenten, Industrie- und Abfüllkapazitäten“.