Europawahl: Valérie Hayer könnte Frankreichs Frau für Europa werden
Paris. Ihre erste Prüfung hat Valérie Hayer hinter sich. Im nordfranzösischen Lille hielt die 37-jährige von Emmanuel Macrons Regierungspartei Renaissance am Wochenende ihre erste große Wahlkampfveranstaltung ab. Der Auftritt der Spitzenkandidatin für die Europawahl wurde mit Spannung erwartet, da sie in der Öffentlichkeit wenig bekannt war. Das Publikum wusste nicht einmal, wie man ihren Namen richtig ausspricht. In ihrer Rede bezog sie sich vor allem auf die Verteidigung Europas und die Widersprüche des wichtigsten Konkurrenten, der rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN). Unterstützt wurde sie von Premierminister Gabriel Attal.
Lange hatte die Partei des französischen Präsidenten gebraucht, um eine Kandidatin zu finden. Einige bekannte Politiker hatten zuvor abgewunken, dann fiel die Wahl auf Hayer, die in Europaangelegenheiten sehr erfahren ist. Seit der Europawahl 2019 ist sie Mitglied des Europäischen Parlaments und der Fraktion Renew Europe, zu der auch Macrons Partei Renaissance gehört. Seit Januar 2024 ist sie Vorsitzende von Renew Europe und damit Nachfolgerin von Stéphane Séjourné, der französischer Außenminister wurde.
Zu Beginn ihrer Rede in Lille ging Hayer mit einem kleinen Lächeln auf die Zweifel an ihr ein: „Ich höre, dass ich eine Notlösung bin, ich wage zu hoffen, dass man das nicht sagt, weil ich eine Frau bin.“ Stattdessen ist sie überzeugt: „Ich bin die Wahl der Jugend und der Kühnheit.“ Das ist wichtig, denn sie tritt gegen den redegewandten und oft bissigen 28-jährigen RN-Chef Jordan Bardella an.
Nach der mitreißenden Rede von Premier Attal wirkte Hayer etwas blass, aber Frankreichs Medien sind der Ansicht: Sie hat ihre Aufgabe erfüllt und Einigkeit im Regierungslager gezeigt.
Dabei hatte ihre Ernennung sogar in der eigenen Partei für Überraschung gesorgt. Kollegen trauten ihr vor der Veranstaltung keinen „weltbewegenden“ Auftritt zu. Sie sei zudem nicht die politische Sensation des Jahrhunderts. Das muss sie aber auch nicht sein, da sie den schlagfertigen Premierminister Attal an ihrer Seite hat und sich auch der Unterstützung ihres Mentors Macron sicher sein kann.
Macrons Strategie könnte aufgehen
Die Tochter von Landwirten aus dem westfranzösischen Département Mayenne, die einen Master in Recht und öffentlicher Verwaltung von der Pariser Universität Panthéon-Sorbonne hat, muss nun zeigen, dass sie die Europathemen kennt und seriös und überzeugend auftritt. Der Wahlkampf wird nicht leicht, denn ihre Partei liegt in den Umfragen nur bei knapp 20 Prozent – mehr als zehn Prozentpunkte hinter Marine Le Pens RN. Hayer betont aber entschlossen: „Die Würfel sind noch nicht gefallen.“
Die Strategie der Partei, Macron in den Hintergrund zu stellen und eine wenig bekannte Person ins Rennen zu schicken, könnte aufgehen, meint der französische Politologe Benjamin Morel. „Es könnte ein Nachteil sein, wenn Macron in der ersten Reihe wäre. Zahlreiche Personen könnten gegen ihn stimmen“, sagte Morel. Der Präsident hat sich bei vielen Franzosen durch seine Reformen unbeliebt gemacht.
Hayer, die 2016 als parlamentarische Assistentin ihre politische Karriere begann, ist dagegen noch unbelastet. Sie war Vizepräsidentin im Rat des Départements Mayenne und kommt aus der Zentrumspartei UDI, einem Partner der konservativen Republikaner (LR). 2017 schloss sie sich Macron an. Im Europaparlament saß sie im Haushaltsausschuss und im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Sie gehört auch zum Verhandlungsteam des Parlaments für den mehrjährigen Finanzrahmen der EU.
Mit ihrer Kenntnis dürfte sie die Schwächen der rechtsextremen Konkurrenz aufzeigen, da diese sich bislang kaum in Europaangelegenheiten engagiert. Sie sieht aber nicht nur in den EU-Skeptikern in Frankreich eine Gefahr. Hayer benannte bei ihrer Ernennung zur Fraktionschefin von Renew Europa im Januar auch die AfD, Polens rechtsextreme Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán als Bedrohungen für Europas Werte.