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IndienWarum Deutsche Firmen im Handelskrieg auf das Land setzen

Deutsche Unternehmen sehen Indien als Profiteur der Rivalität zwischen den USA und China. Sie wollen ihre Investitionen kräftig ausbauen – doch auch in Indien gibt es Herausforderungen.Mathias Peer 25.06.2025 - 15:20 Uhr Artikel anhören
Narendra Modi: Indiens Regierungschef wird sich über die Aussagen deutscher Unternehmen freuen. Foto: AP

Bangkok. Die deutsche Wirtschaft treibt ihre Geschäftsoffensive in Indien voran. Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen, die bereits in Indien tätig sind, plant einer Umfrage zufolge in diesem Jahr in dem Land einen Ausbau der Investitionen. Bis 2030 haben das sogar 79 Prozent der Firmen vor.

Das geht aus der Studie „German-Indian Business Outlook“ des Prüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG sowie der Deutsch-Indischen Handelskammer (AHK Indien) hervor, die diese Woche vorgestellt werden soll und dem Handelsblatt vorab vorlag.

Die Studienautoren sehen das wachsende Interesse an dem etwa 1,5 Milliarden Einwohner großen Land vor dem Hintergrund des Handelskonflikts zwischen den USA und China. „Indien-Investitionen standen schon seit Längerem im Trend, mit der neuen US-Regierung erreicht die Entwicklung aber eine neue Dimension“, sagt Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei KPMG.

Er verweist darauf, dass China-Investitionen angesichts der Rivalität zwischen Washington und Peking als zunehmend riskant gewertet werden. Unternehmen suchten daher nach neuen Märkten: „Indien ist die einzige vergleichbar große Alternative zu China – auch für die deutsche Wirtschaft.“

Deutsche Unternehmen setzen auf Indien als Produktionsstandort

Der Großteil der in der KPMG-Studie etwa 100 befragten Unternehmen teilt die Einschätzung, dass Indien von den geopolitischen Umwälzungen profitieren kann. 50 Prozent rechnen demnach damit, dass sich die Spannungen zwischen den USA und China positiv auf Indien auswirken. Nur 18 Prozent erwarten einen negativen Effekt.

Dahinter steht unter anderem die Erwartung, dass die Regierung in Neu-Delhi in den kommenden Wochen einen Handelsdeal mit den USA abschließen wird und sich dadurch niedrigere US-Zölle sichern könnte als China. Vergangene Woche sagte Trump, es sehe danach aus, als würde eine Einigung zustande kommen. „Die Unternehmen hoffen, dass Indiens Wirtschaft international dadurch wettbewerbsfähiger wird“, sagt AHK-Indien-Chef und Studien-Co-Autor Stefan Halusa.

Vor allem in der Elektronikbranche hat Indien in den internationalen Lieferketten massiv an Bedeutung gewonnen. Smartphones sind zum wichtigsten Exportgut des Landes geworden – angetrieben von dem Elektronikkonzern Apple, der einen großen Teil seiner iPhone-Produktion von China nach Indien verlegt hat. Nach Einschätzung des Marktforschers Counterpoint Research dürften in diesem Jahr 25 bis 30 Prozent der weltweit produzierten iPhones in Indien gefertigt werden – im vergangenen Jahr waren es lediglich 18 Prozent.

Auch deutsche Unternehmen setzen zunehmend auf Indien als Produktionsstandort. Während derzeit nur knapp über 30 Prozent der in Indien tätigen Firmen dort für den lokalen Markt und andere Länder der Region produzieren, wollen laut dem „Business Outlook“ bis 2030 knapp 60 Prozent in Indien fertigen. Auch als Abnehmer dürfte Indien weiter an Bedeutung gewinnen: Derzeit ist Indien für etwa ein Drittel der befragten Unternehmen ein zentraler Absatzmarkt. Mehr als die Hälfte rechnet damit, dass Indien bis 2030 diesen Stellenwert erreichen wird.

Exporte nach Indien legen kräftig zu

Jüngste Exportdaten unterstreichen den Trend: In den ersten vier Monaten des Jahres stieg der Wert der deutschen Ausfuhren nach Indien nach Angaben des Statistischen Bundesamts um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Lieferungen nach China brachen hingegen um 16 Prozent ein. In absoluten Zahlen bleibt das China-Geschäft für die deutsche Exportwirtschaft aber nach wie vor deutlich wichtiger: In den Monaten Januar bis April entsprachen die Indien-Exporte nur einem Fünftel der China-Erlöse.

7,4
Prozent
legte Indiens BIP im ersten Quartal 2025 zu.

Indien dürfte jedoch aufholen. Denn während sich die Geschäftserwartungen in China weiter eintrüben, ist die Zuversicht deutscher Unternehmen in Asien derzeit in keinem anderen Land größer als in Indien. Der Saldo aus Optimisten minus Pessimisten liegt dort laut einer Anfang des Monats veröffentlichten Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer bei 64 – sieben Punkte mehr als noch im vergangenen Herbst. In China rutschte der Indexwert hingegen von 14 auf neun Punkte ab.

Eine breite Abwanderung deutscher Unternehmen von China nach Indien erwartet KPMG-Vorstand Glunz dennoch nicht. „Die Unternehmen, die bereits in China präsent sind, werden dort auch bleiben“, sagt er. „Doch neue Markteintritte deutscher Mittelständler gibt es in China aufgrund des komplexer gewordenen Umfelds so gut wie nicht mehr – ganz anders als in Indien.“

In dem Land, das nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds noch in diesem Jahr Japan als die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ablösen wird, legte das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal des Jahres um 7,4 Prozent zu. Von den deutschen Unternehmen erwarten in diesem Jahr zwei Drittel steigende Umsätze. 59 Prozent gehen auch von einem Gewinnwachstum von mehr als fünf Prozent aus. Im Jahr 2030 wird das Indien-Geschäft nach Einschätzung von knapp 80 Prozent profitabler sein als heute.

Indien wird wichtiger für deutsche Unternehmen – aber dort ist nicht alles perfekt

Trotz der weitgehend positiven Erwartung sehen sich die Unternehmen in Indien aber auch mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Neben erheblichen bürokratischen Hürden, die Wirtschaftsvertreter regelmäßig als zentralen Standortnachteil in Indien nennen, bereiteten Vorgaben für Produktionsstandards Probleme. Dabei werden bestimmte Produkte nur zugelassen, wenn die Fabriken zuvor zertifiziert wurden. Doch Unternehmen klagen darüber, dass die nötigen Überprüfungen zu lange auf sich warten lassen – oder in bestimmten Fällen gar nicht vorgenommen werden.

„Wer in seiner Fabrik in Indien auf Vorprodukte aus China angewiesen ist, kann diese deshalb unter Umständen gar nicht ins Land bekommen“, sagt AHK-Indien-Chef Halusa. Die Schwierigkeiten damit sind weit verbreitet: Ein Drittel der deutschen Unternehmen berichtet laut dem „Business Outlook“ von entsprechenden Problemen.

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Halusa sieht durch die Maßnahme Indiens Aufstieg in den Wertschöpfungsketten erschwert. „Die Regierung muss diesen Punkt dringend adressieren, um die Attraktivität des Standorts nicht zu gefährden“, sagt er.

Erstpublikation: 24.06.2025, 09:00 Uhr.

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