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Irankonflikt Welche gefährlichen Folgen die Tötung Soleimanis haben könnte

Im Nahen Osten droht nach der US-Militäraktion in Bagdad eine Eskalation. Dies würde drastische Auswirkungen auf die gesamte Krisenregion haben.
03.01.2020 - 11:19 Uhr Kommentieren
Der US-Präsident befahl höchstpersönlich die Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani. Quelle: Reuters
Donald Trump

Der US-Präsident befahl höchstpersönlich die Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani.

(Foto: Reuters)

Berlin, Frankfurt, Washington
Der Oberbefehlshaber ließ sich in seinem Golfklub „Mar-a-Lago“ in Palm Beach in Florida Fleischklöpse servieren, als seine Truppen knapp 10.000 Kilometer weiter östlich den Tod brachten. Es ist nicht überliefert, ob Donald Trump sich den tödlichen Angriff der Hochpräzisions-Drohne MQ-9, Spitzname „Sensenmann“, auf den iranischen General Ghassem Soleimani per Video übertragen ließ. 

Sicher dagegen ist: Die staatliche Exekution in der Nacht zu Freitag, die der Präsident höchstpersönlich befohlen hatte, könnte nachhaltige politische wie ökonomische Auswirkungen auf die gesamte Krisenregion haben – womöglich sogar auf die Weltwirtschaft. 

Bereits am Wochenende zeigte sich das ganze Ausmaß der Krise im Irak und Iran. Am Samstagabend schlugen Raketen in der hochgesicherten Grünen Zone der irakischen Hauptstadt Bagdad ein – dort, wo auch die US-Botschaft ihren Sitz hat. Attackiert wurde außerdem ein irakischer Luftwaffenstützpunkt, auf dem amerikanische Soldaten stationiert sind. Todesopfer gab es nach Angaben irakischer Militärs keine.

Trump versetzte die US-Truppen im Irak in Alarmbereitschaft, Drohnen suchten nach dem Abschussort. Der Präsident warnte den Iran mit scharfen Worten vor Racheakten. Für den Fall von Angriffen auf US-Bürger oder amerikanische Einrichtungen gebe es eine Liste mit 52 „wichtigen“ und „hochrangigen“ iranischen Zielen, die dann attackiert würden.

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    Die für die Islamische Republik und deren Kultur teils sehr bedeutsamen Orte auf der Liste würden „sehr schnell und sehr hart angegriffen“, schrieb Trump auf Twitter. Die Führung in Teheran hatte Rache geschworen für den Tod Soleimanis. Der militärische Berater von Irans oberstem Führer Ajatollah Ali Chamenei, Hussein Dehghan, sagte in einem Interview des Nachrichtensenders CNN in Teheran, der Iran werde „militärisch reagieren“ und gegen US-Armeestützpunkte vorgehen. „Die USA haben den Krieg begonnen“, sagte der Ex-Verteidigungsminister.

    Straße von Hormus als mögliches Angriffsziel

    35 mögliche Ziele in der Region nannten Irans Revolutionsgarden, darunter die israelische Stadt Tel Aviv und die Straße von Hormus, jene Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman, durch die rund ein Fünftel der weltweiten Öltransporte verschifft wird.

    Zehntausende Iraner nahmen am Sonntag in Ahwas im Südwestiran an einem Trauerzug für Soleimani teil. Eine zweite Zeremonie fand in der Heiligen Stadt Maschad im Nordosten des Landes statt, auch in der Hauptstadt Teheran war eine Trauerfeier geplant. Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif warf Trump „Kriegsverbrechen“ vor, wenn dieser iranische und schiitische Heiligtümer angreife.

    Sein Stellvertreter Abbas Araghchi verglich Trump sogar mit „Hitler“. Er sei ein „Terrorist in Nadelstreifen“. Im iranischen Staatsfernsehen wurde ein „Kopfgeld“ von 80 Millionen Dollar für die Tötung Trumps ausgesetzt. Noch dominieren Trauer und Racheschwüre. Doch die Mobilmachung hat längst begonnen. Im Irak versetzten die Anführer schiitischer Milizen, die jahrelang mit Anschlägen den US-Truppen im Zweistromland mächtig zugesetzt hatten, ihre Kämpfer in „Alarmbereitschaft“.

    Gleiches unternahm die Hisbollah im Libanon. Dort verfügt die Miliz über Tausende Raketen, die sie auf Israel abfeuern kann. Israel schloss bereits ein Ski-Resort auf den annektierten Golanhöhen. Der irakische Regierungschef Adel Abdul Mahdi drängt derweil auf einen Abzug amerikanischer und anderer ausländischer Truppen. Das irakische Parlament beschloss am Sonntag eine entsprechende Resolution. Der Einsatz der von den USA geführten Anti-IS-Koalition müsse beendet werden. Die Regierung in Bagdad solle ihre Bitte um Beistand zurückziehen, heißt es darin.

    Bei der Attacke der Amerikaner war neben dem iranischen General Soleimani ein hoher irakischer Sicherheitsfunktionär getötet worden: Abu Mahdi al Muhandis, die Nummer zwei der „Volksmobilisierung“. Die Milizen sind Verbündete Teherans. Muhandis war ein enger Vertrauter Soleimanis. Beide stellten aus Sicht der Amerikaner eine große Bedrohung dar.

    „Die Welt ist seit Freitag ein sichererer Ort“

    „Wenn Amerikaner bedroht werden, bin ich bereit, alles zu unternehmen, was notwendig ist, um sie zu schützen“, sagte Trump. Die Aktion habe darauf gezielt, einen Krieg zu beenden, nicht darauf, einen zu beginnen. Soleimani habe weitere Angriffe auf amerikanische Diplomaten und Soldaten im Irak und in der Region geplant. Auch US-Außenminister Mike Pompeo sagte: „Die Welt ist seit Freitag ein sichererer Ort.“

    Tatsächlich war Soleimani aus Sicht der USA brandgefährlich. Der 62-jährige General war mehr als nur der Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, der für Auslandseinsätze zuständigen Elitetruppe der iranischen Revolutionsgarden. Er war der Architekt der iranischen Regionalpolitik. Er hat Irans Strategie entwickelt, die sich auf verbündete Milizen stützt, vor allem im Irak, im Libanon, in Jemen und in Syrien. Ihr gemeinsames Ziel: Amerika und seinen Verbündeten möglichst großen Schaden zufügen.

    Nicht umsonst hatte Trump bereits im April 2019 die Revolutionsgarden zur terroristischen Vereinigung erklären lassen – nach US-Recht schuf er damit die Grundlage, auch mit gezielten Tötungen gegen deren Anführer vorzugehen. Ohne Zweifel hat der Iran, der sich durch die Kündigung des Atomvertrags durch Trump und die aggressive US-Sanktionspolitik zunehmend in Bedrängnis sieht, zuletzt kaum eine Gelegenheit ausgelassen, Washington zu provozieren.

    Luke Coffey, außenpolitischer Experte der Heritage Foundation, sagt, der Iran hätte Trump zu dieser Aktion provoziert. Das Land habe in den vergangenen Monaten aggressive Schritte unternommen, die in den Attacken auf die US-Botschaft in Bagdad gipfelten: „Der Iran selbst hat sein Schicksal herausgefordert“, sagte Coffey.

    Die 52 Angriffsziele, die Trump genannt hatte, sind eine Anspielung auf die Erstürmung der US-Botschaft in Teheran 1979 und die anschließende 444-tägige Geiselhaft von 52 US-Diplomaten. Die Aktion gilt als Wendepunkt im Verhältnis zwischen den USA und dem Iran.

    Unter Schah Reza Pahlavi war der Iran der engste US-Verbündete in der Region, Ajatollah Ruhollah Chomeini dagegen, der den Schah mit der Islamischen Revolution gestürzt hatte, machte den Hass auf die USA und Israel zum ideologischen Kern der Islamischen Republik. Für die USA geriet der gescheiterte Versuch vom April 1980, die Geiseln in einer Militäroperation zu befreien, zum nationalen Trauma.

    Große Risiken für die Weltwirtschaft

    Welche Folgen die Attacke der Amerikaner für die Weltwirtschaft haben wird, hängt maßgeblich von Irans Reaktionen ab. Greift Teheran wie im vergangenen Sommer Öltanker an, wird der Ölpreis voraussichtlich nur kurzfristig steigen und die Börse sich schnell beruhigen.

    Fatal könnten die Folgen sein, wenn es dem Iran gelingen sollte, die Straße von Hormus zu blockieren. Dadurch würden viele Länder weitgehend von der Versorgung abgeschnitten, was nicht nur den Ölpreis nach oben triebe, sondern auch die Weltwirtschaft schädigte.

    Am Freitag war der Ölpreis bereits auf den höchsten Wert seit September gestiegen. Die Ölsorte Brent verteuerte sich im Laufe des Tags um fast fünf Prozent auf fast 70 US-Dollar. Es war der größte Preissprung auf Tagesbasis beim Öl seit den Attacken auf saudische Ölinfrastruktur im September 2019.

    Ölexperte Christof Rühl, früher Chefökonom bei BP und jetzt Senior Fellow an der Harvard Kennedy School, warnt vor nachhaltigen Folgen für den Ölpreis: Er erwarte, dass „diesmal eine gewisse Risikoprämie im Markt bleibt, solange nicht klar ist, ob es eine unmittelbare Eskalation gibt“.

    Früher hätten ähnliche Krisen „den Ölpreis gar nicht oder nur temporär beeindruckt“, vor allem da „dank der US-Produktion mehr als genug Öl im Markt ist“. Rühl sieht als Folge der Eskalation auch die „lokalen Aktien und Kapitalmärkte leiden, und zwar in der gesamten Region“.

    Aus Angst vor erneuten Angriffen auf saudische Ölanlagen sackte der Kurs des Ölkonzerns Saudi Aramco am Sonntag um 1,7 Prozent und damit erstmals deutlich unter seinen Ausgabekurs von 35,20 Rial ab. Aramco war Mitte Dezember beim weltgrößten Börsengang an Riads Börse platziert worden.

    Die wichtige Rolle auf dem Ölmarkt

    Mitte September war der Börsengang wegen massiver Drohnenangriffe auf ein saudisches Ölfeld und die größte Ölaufbereitungsanlage der Welt verschoben worden. Damals wurde durch die Anschläge, die jemenitische Huthi-Rebellen für sich reklamierten, die Hälfte der saudischen Ölproduktion lahmgelegt.

    Riad und Washington bezichtigten Teheran, die Angriffe verübt zu haben. Analysten sind in Sorge, dass es nun zu erneuten schweren Attacken gegen die Öl-Infrastruktur des US-Verbündeten und iranischen Erzrivalen Saudi-Arabien kommen könnte.

    Der Iran und der Irak spielen eine wichtige Rolle auf den Ölmärkten. Der Irak hat erst seit kurzer Zeit seine Ölproduktion wieder hochgefahren und produziert im Durchschnitt 4,6 Millionen Barrel täglich. Damit ist das Land nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Produzent innerhalb der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec).

    Der Iran kommt trotz massiver US-Sanktionen auf eine Tagesproduktion von 3,3 Millionen Fass und ist der drittgrößte Opec-Produzent. Die beiden Nachbarstaaten stehen zusammen für etwa sieben Prozent der globalen Ölproduktion.

    Wie groß die Verunsicherung ist, zeigt die Entwicklung an den Börsen. Der Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets verzeichnete am Freitag seinen höchsten Tagesverlust seit einem Monat. Auch am Sonntag gaben die Kurse an allen Börsen am Golf kräftig nach. Auch die westlichen Aktienmärkte, die am Freitag stark nachgegeben hatten, bleiben in Alarmstimmung.

    US-Präsident Trump, der bei seinem Amtsantritt versprochen hatte, Amerika aus den „lächerlichen, endlosen Kriegen“ im Nahen Osten herauszuhalten, ist sich offenbar der politischen und ökonomischen Wucht seiner Bagdad-Attacke bewusst. Trotz aller martialischen Drohungen vermied er dieses Mal triumphales Gehabe über die Militäroperation. Im Gegenteil: Er hob hervor, dass er keinen Regimewechsel in Teheran anstrebe.

    Vielleicht erinnerte sich der Präsident an eine Warnung Soleimanis vom Sommer 2018: „Sie können vielleicht den Krieg beginnen, aber wir werden diejenigen sein, die sein Ende bestimmen“, hatte der General gesagt. Dass diese Prophezeiung auch nach seinem Tod noch in Erfüllung gehen kann, dafür sorgt jetzt sein Nachfolger.

    Bereits am Freitag ernannte Religionsführer Chamenei Esmail Qaani zu Soleimanis Nachfolger. Von ihm heißt es, er sei noch radikaler als sein Vorgänger.

    Mehr: Die Eskalation zwischen den USA und dem Iran könnte in einem heißen Krieg münden. Den will niemand – auch Donald Trump nicht.

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