Konjunktur: Britische Wirtschaft wächst erkennbar – aber nicht stark genug
London. Die britische Wirtschaft ist im zweiten Quartal stärker gewachsen als erwartet. Dennoch hat sich die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bis Ende Juni gegenüber dem Vorquartal mehr als halbiert und beträgt nur noch 0,3 Prozent. Das teilte die nationale Statistikbehörde ONS am Donnerstagmorgen mit. Ökonomen hatten nur mit einem Plus von 0,1 Prozent gerechnet.
Dass der Zuwachs jetzt größer ausfiel, lag vor allem daran, dass die Konjunktur im Dienstleistungssektor im Juni kräftig anzog und die Staatsausgaben zunahmen. „Es ist erfreulich, dass das Wachstum stärker ausgefallen ist als von vielen befürchtet“, sagte Anna Leach, Chefvolkswirtin der Denkfabrik Institute for Directors in London. „Aber es ist auffallend, dass die Dynamik vom öffentlichen Sektor ausgeht.“
Die positive Wachstumsüberraschung ist eine gute Nachricht für Finanzministerin Rachel Reeves, die dringend auf höhere Steuereinnahmen einer wachsenden Wirtschaft angewiesen ist, um ein Haushaltsloch von rund 40 Milliarden Pfund (etwa 46 Milliarden Euro) zu stopfen. Die Zahlen für das zweite Quartal seien „positiv“, sagte Reeves, aber es gebe noch mehr zu tun.
Für die Bank of England wird es dagegen schwieriger, die Leitzinsen in Großbritannien weiter zügig zu senken. Denn die Inflationsrate war zuletzt um 3,6 Prozent gestiegen und lag damit deutlich über dem Inflationsziel der Notenbank von zwei Prozent.
Ökonomen sorgen sich um die öffentlichen Finanzen
Der Aktienmarkt in London und der Wechselkurs des britischen Pfunds reagierten zunächst mit leichten Zugewinnen auf das Konjunktursignal. Das Wachstum sei „zumindest besser als Stagnation, aber (…) immer noch zu wenig, um die öffentlichen Finanzen zu sanieren“, sagte Julian Jessop, Ökonom am Institute of Economic Affairs (IEA) in London. Es gebe bereits Anzeichen dafür, dass die Dynamik wieder nachlasse.
Die britische Wirtschaft war im ersten Quartal um 0,7 Prozent gewachsen. Großbritannien lag damit nach sechs Monaten an der Spitze der sieben führenden Industrienationen (G7).
Im Juni hatte die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) jedoch die Wachstumshoffnungen gedämpft und ihre Prognose für das Gesamtjahr 2025 von zuvor 1,4 auf 1,3 Prozent nach unten korrigiert. Im kommenden Jahr soll die britische Wirtschaft gar nur noch um ein Prozent wachsen. Zum Vergleich: Für Deutschland sagt die OECD ein Plus von 0,4 Prozent in diesem und 1,2 Prozent im nächsten Jahr voraus.
Auch die britischen Unternehmen bleiben skeptisch: Der Wachstumsschub im ersten Quartal sei „vor allem auf Vorratskäufe vor Inkrafttreten der US-Zölle zurückzuführen“, sagte Stuart Morrison von der British Chambers of Commerce (BCC).
Danach hätten neue Steuerbelastungen für die Unternehmen und die unsicheren globalen Handelsbedingungen die Konjunktur wieder gebremst. „Die Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge (für Arbeitgeber) im April ist deutlich zu spüren. Unsere jüngste Umfrage zeigt, dass Investitionen und Einstellungen zurückgegangen sind“, betonte der BCC-Experte.
Tatsächlich sind in Großbritannien seit dem Regierungswechsel im Juli vergangenen Jahres vor allem im Dienstleistungsgewerbe 164.000 Jobs verloren gegangen. Die Arbeitslosenquote ist seitdem von 4,2 auf 4,7 Prozent gestiegen. Nachgelassen hat auch der Zuwachs bei Löhnen und Gehältern.
Reeves bekräftigte am Donnerstag, dass ein höheres Wirtschaftswachstum Priorität für die Regierung habe. „Wenn es im ersten Jahr der Labour-Regierung darum ging, die Grundlagen zu verbessern, dann geht es im zweiten Jahr darum, eine stärkere Wirtschaft für ein neues Großbritannien aufzubauen“, schreibt die Finanzministerin in einem Gastbeitrag für die britische Tageszeitung „The Guardian“.
Schwache Produktivität bleibt die englische Krankheit
Die britische Wirtschaft leidet ähnlich wie die deutsche seit der Finanzkrise 2008 unter einer chronischen Wachstumsschwäche, die sich auch in geringen Produktivitätszuwächsen von rund 0,5 Prozent pro Jahr widerspiegelt. Eine neue Studie der Wirtschaftsberatung EY macht dafür vor allem den öffentlichen Dienst verantwortlich.
Das geringe Produktivitätswachstum im öffentlichen Sektor, zu dem auch das staatliche Gesundheitssystem NHS zählt, mindert das BIP in Großbritannien demnach pro Jahr um 80 Milliarden Pfund. Ohne diese Wachstumsbremse könnte die britische Wirtschaft heute etwa drei Prozent größer sein, schreiben die EY-Berater in der Studie.
Die Labour-Regierung will die Wachstums- und Produktivitätsschwäche vor allem mit mehr öffentlichen Investitionen und schnelleren Planungsverfahren für große Infrastrukturprojekte bekämpfen. „Wenn die Erneuerung der Wirtschaft unsere Aufgabe und die Produktivität unsere Herausforderung ist, dann sind Investitionen und Reformen unsere Werkzeuge“, sagte Reeves.