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Kiew

Das Virus hat Folgen für das Leben in allen osteuropäischen Ländern.

(Foto: dpa)

Konjunktur Coronavirus beendet den Boom in Osteuropa

Wiener Wirtschaftsforscher sagen ein Absinken des Wirtschaftswachstums in der Region auf nur noch ein Prozent voraus. Staatsverschuldung der Länder ist offenbar kein Problem.
17.03.2020 - 20:40 Uhr Kommentieren

Wien Das Coronavirus hat dem Wirtschaftsboom in Osteuropa ein Ende gesetzt. „Das ist das schlechteste Jahr seit der Finanzkrise mit großen Abwärtsrisiken“, sagte Exekutiv-Direktor des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), Mario Holzner, am Dienstag in Wien.

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 verzeichnete die Region damals einen Einbruch des Wirtschaftswachstums von mehr als fünf Prozent. So schlimm soll es aber diesmal nicht kommen. „Davon gehen wir derzeit aber noch nicht aus“, sagte der Osteuropa-Ökonom.

Das Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut erwartet Wachstum von nur noch von 1,1 Prozent in diesem Jahr. Voraussetzung für die Prognose ist, dass die Coronavirus-Krise in einem halben Jahr beendet sein wird.

Zuvor hatte das WIIW noch ein Wachstum von drei Prozent für die Region prognostiziert. Das 1973 gegründete Wirtschaftsforschungsinstitut wird von der österreichischen Regierung, der Oesterreichischen Nationalbank, der Stadt Wien und der Arbeiterkammer finanziert.

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    Vor allem die vier Faktoren Produktion, Tourismus, Luftfahrt und Energie machen den Ländern von Tschechien bis Russland in unterschiedlicher Weise zu schaffen. Am stärksten sei die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) – die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion – betroffen. Der massive Preisverfall bei Öl und Gas durch die stark gesunkene Nachfrage mache insbesondere Russland und Kasachstan zu schaffen.

    Hinzu kommt die Überforderung des Gesundheitssystems in Folge der Pandemie. Holzer verwies auf das schlechte Gesundheitssystem der Länder auf dem Westbalkan und der GUS-Staaten hin. „In Tschechien und Slowakei haben wir bessere Aussichten“, sagte WIIW-Ökonom Richard Grievson.

    Die am Dienstag verkündete „pessimistische Prognose“ der Wiener Osteuropa-Experten beinhaltet allerdings noch viele Unbekannte. So unterschätzten die Ökonomen die negative Sogwirkung des Börsencrashs und seine Auswirkungen auf die Unternehmen.

    Beispielsweise hat sich die Marktkapitalisierung des russischen Ölkonzerns Rosneft durch die Coronavirus-Krise innerhalb von vier Wochen mehr als halbiert. Sollte die Pandemie zudem länger dauern, könnte aus der früheren Wirtschaftserholung sehr schnell eine tiefgreifende Krise werden. Für Russland sagt das WIIW einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr nur von 0,1 Prozent vor.

    Das Risiko einer wachsenden Staatsverschuldung in osteuropäischen Ländern sehen die Wiener Ökonomen unterdessen nicht. „Wir werden auf Jahre, sogar auf Jahrzehnte global ein sehr niedriges Zinsniveau haben“, prognostizierte Holzner.

    Auch der frühere Vorstandschef der Osteuropa-Bank Erste Group, Andreas Treichl, ist von der Stabilität des osteuropäischen Finanzsystems überzeugt. „Die Systeme von Polen bis Kroatien sind alle sehr gesund und gehören zu den am besten kapitalisierten Systemen. Mit großer Sicherheit ist zu erwarten, dass von dieser Region keine negativen Entwicklungen kommen. Ich sehe dort keine Gefahr“, sagte der Banker, der bis vor kurzem zwölf Jahre an der Spitze der größten österreichischen Bank stand, in dieser Woche. Sollte die Coronavirus-Krise innerhalb weniger Monate überwunden sein, glaubt WIIW-Ökonom Holzer an eine schnelle Erholung der Volkswirtschaften einschließlich der Finanzsysteme in Osteuropa.

    Automobilindustrie leidet

    Bereits zu Beginn der Krise im Februar gab es erste Anzeichen eines massiven Einbruchs in den osteuropäischen EU-Ländern. Die Unternehmen insbesondere in Ungarn, Slowakei, Tschechen, Polen und Kroatien zeigten sich ausgesprochen pessimistisch.

    Die Gründe liegen auf der Hand. Beispielsweise besitzt Tschechien einen überdurchschnittlichen Handel mit China. Slowenien und Albanien spürten auf Grund ihrer engen Verflechtung mit Italien sehr viel stärker die Auswirkungen als andere Staaten in Osteuropa.

    Die Jahre des Booms sind auf ungewisse Zeit passé. Für die in den vergangenen Jahren wegen der Automobilindustrie boomende Slowakei prognostizieren die Ökonomen beispielsweise nur noch ein BIP-Wachstum von 0,8 Prozent. Volkswagen ist mit seinem Werk in der Hauptstadt Bratislava der größte Arbeitgeber im Land.

    Nun droht sich auch die mangelnde Rechtssicherheit in dem EU-Land zu rächen. Zuletzt hatte eine Expertin der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer die miserable Strafverfolgung von Wirtschaftskriminalität in der Slowakei scharf kritisiert. „Derzeit werden nämlich Verfahren, die bereits auf den ersten Blick offensichtlich betrügerischen Charakter haben und strafrechtlich verfolgt werden sollten, durch die Polizei und Staatsanwaltschaft als ,handelsrechtliche Streitigkeiten‘ vom Tisch geschmettert, wodurch bei den betroffenen, geschädigten Unternehmen verständlicher Weise große Frustration entsteht“ , sagte Margareta Sovova, Rechtsexpertin der Kammer in Bratislava. 

    Mehr: Ökonom Felbermayr erwartet die „Mutter aller Rezessionen“

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