Libyen: Über 40 Tote bei US-Luftschlag in Libyen
Rebellen feiern den Sturz Muammar al-Gaddafis 2011. Seitdem ist das Land im Chaos versunken.
Foto: dpaBerlin/Tripolis/Washington. Im Kampf gegen die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) haben die USA am Freitag die westlibysche Stadt Sabratha bombardiert und dabei etwa 40 Menschen getötet. Der Angriff habe einem IS- Ausbildungslager sowie einem ranghohen tunesischen Extremisten gegolten, der in Anschläge in Tunesien 2015 verwickelt gewesen sei, erklärte das US-Verteidigungsministerium. Man gehe davon aus, dass die Zerstörung des Lagers und die Ausschaltung des Extremisten unmittelbar die IS-Aktivitäten in Libyen schwächen werde. Dies gelte etwa für die Rekrutierung neuer Kämpfer und die Planung für Anschläge in der Region.
US-Flugzeuge bombardierten nach Angaben des Bürgermeister der Stadt Sabratha, Hussein al-Thwadi, gegen 3.30 Uhr Ortszeit ein Gebäude im Stadtteil Kasr Talil, in dem Arbeiter aus dem Ausland wohnten. 41 Menschen seien dabei ums Leben gekommen, sechs weitere verletzt worden. Unter den Toten seien einige Tunesier, ein Jordanier und zwei Frauen. In dem beschossenen Gebäude seien Waffen gefunden worden.
Das Haus war den Behörden zufolge unter anderem an Tunesier vermietet, die verdächtigt würden, Verbindungen zum IS gehabt zu haben. Sabratha liegt nahe der Grenze zu Tunesien und gilt im Westen auch als Gebiet, in dem der IS präsent ist. Tunesische Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass IS-Kämpfer aus ihrem Land in Lagern bei Sabratha ausgebildet worden seien. Der am Freitag getötete Extremist soll hinter den Attentaten auf ein Museum und an einem Strand in Tunesien gesteckt haben.
Mit den Luftangriff haben die USA ihre lang geplante Militärintervention in Libyen begonnen. US-Präsident Barack Obama hatte seine Sicherheitsberater schon vor einiger Zeit angewiesen, den Kampf gegen den Terror in Libyen zu verstärken. Seit dem Sturz des langjährigen Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 herrscht in dem nordafrikanischen Land politisches Chaos, es gibt zwei Regierungen und zwei Parlamente, die jeweils von eigenen Milizen unterstützt werden.
Das Machtvakuum nutzt der IS aus und gewinnt an Einfluss. Die Zahl der IS-Kämpfer in Libyen soll zuletzt von 2000 auf 5000 gewachsen sein. Der zerfallende Staat gilt neben Syrien und dem Irak als wichtigstes Gebiet der Terrormiliz.
Obama hatte ein Eingreifen am Mittwoch schon angedeutet. „Mit Blick auf Libyen - ich habe von Anfang an gesagt, dass wir den IS bekämpfen, wo er auch auftaucht, genauso wie wir Al-Kaida bekämpft haben, wo sie auftauchten“, sagte er am Rande seines Treffens mit Asean-Staaten in Kalifornien. „Wir werden weiter handeln, wenn wir eine klare Operation und ein klares Ziel vor Augen haben.“
Gleichzeitig stimmten sich die USA mit ihren Partnern ab und arbeiteten mit den Vereinten Nationen daran, eine Einheitsregierung für Libyen zustande zu bekommen, fügte Obama hinzu.
Das US-Militär beobachtet die Bewegungen der IS-Dschihadisten in Libyen aufmerksam. In den vergangenen Monaten sollen kleine Teams der amerikanischen Streitkräfte im Land gewesen sein, ebenso wie britische, französische und italienische Spezialkräfte. Sie sammelten dort nach Angaben libyscher Militärs Informationen und kartographierten mehrere Regionen und Städte, darunter Bengasi und Sintan.
Vor wenigen Tagen hatten US-Vertreter erklärt, in einigen Wochen könnten US-Spezialkräfte nach Libyen entsandt werden. Vorher müssten aber weitere Gespräche mit den europäischen Verbündeten geführt werden. Die vor Ort gesammelten Informationen könnten dazu dienen, Ziele für Angriffe genauer zu bestimmen.
Die Bündnispartner befürchten, dass die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Ölregionen wie Adschdabija südlich von Bengasi erobert und sein Machtgebiet nach Süden hin über die Landesgrenze ausdehnt. Nach Informationen französischer und britischer Medien bereiten die USA, Frankreich und Großbritannien bereits seit Monaten den Luftkrieg in Libyen gegen den dortigen IS-Ableger vor.
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben die USA italienische Stützpunkte mit Milliardenbeträgen zu Ausgangspunkten für Schläge gegen Islamisten in Afrika und Nahost ausgebaut. Darunter sind Gaeta (Afrika-Hauptquartier der Marine), Vicenza (Schnelleingreiftruppen, Africom-Heerestruppen US Army Africa) und Sigonella/Sizilien (Kampfflieger, Satellitenkommunikation).
Deutschland könnte nach den Überlegungen mit der Ausbildung libyscher Kampftruppen im Nachbarland Tunesien sowie mit Aufklärung beitragen. Der Bundesnachrichtendienst (BND) nutzt bereits die Abhörstation im bayerischen Bad Aibling für die Überwachung des Internetverkehrs aus Libyen. Er gibt Daten auch an den US-Geheimdienst NSA weiter. Unklar ist, ob auch die Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ helfen könnte, die bis Ende April vor der libyschen Küste an der Mission „Eunavfor Med“ teilnehmen soll. Die Korvette verfügt über Instrumente zum Abhören, Aufklären und Stören feindlicher Kommunikation.
Planungen für US-Aufklärungs- und Bombenflüge im Maghreb erfolgen im AfriCom in Stuttgart-Moehringen. Diese Afrika-Befehlsstelle der US-Streitkräfte hat nach Informationen des Fachblattes „Foreign Policy“ zur Aufklärung des IS-Vormarsches in Libyen Drohnen aus anderen Regionen abgezogen. So wurde die seit 2011 bestehende Drohnenbasis Arba Minch in Äthiopien geschlossen, um Spähkapazitäten für Libyen und andere afrikanische Islamistengebiete zu erhöhen.
Nach Informationen des „Spiegels“ soll die Bundeswehr in Tunesien mit 150 bis 200 Soldaten libysche Truppen gegen den IS ausbilden. Das könnte in Kooperation mit Italien geschehen, das eine Gefährdung durch den IS an seiner Südgrenze fürchtet. Berlin hatte Tunesien bereits im Juli 2015 Militärhilfen zugesagt. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nannte damals militärische Ausrüstung, Hilfe bei der Sicherung der 600 Kilometer langen Risikogrenze zu Libyen und die Ausbildung tunesischer Soldaten.
Amerikanische und algerische Kommandotrupps sollen mehrfach in Libyen vergeblich versucht haben, IS-Führer zu fangen oder zu töten. Der britische „Guardian“ berichtete bereits am 19. Dezember, dass 20 bis 30 auf der italienischen Insel Pantelleria stationierte US-Soldaten bei Sabrata im Einsatz gewesen seien. Sie wurden auf dem westlibyschen Fliegerhorst Wattija fotografiert. Die US-Luftwaffe flog am Freitag einen gezielten Angriff auf den IS bei Sabrata.
Bei einem Bombenkrieg würden die USA in Italien stationierte F-15 einsetzen. P-3-Aufklärer und Drohnen würden von Sigonella auf Sizilien aus starten. Britische Tornados sind auf Zypern stationiert; ihre Luftbetankung wäre nötig.
Der IS hat nach eigenen Angaben den „Emir“ Abu al-Katani nach Libyen geschickt. Er soll dort französischen Berichten zufolge zum Kalifen Nordafrikas ausgerufen werden. Unklar ist, wie viele Kämpfer der IS in Libyen aufbieten kann. Rund 3000 Mann sollen vor Ort sein, um Kämpfer anzuwerben und auszubilden. Das Rekrutierungspotenzial wird von Experten auf ein Vielfaches geschätzt.