Wirtschaftsnobelpreis: Ausgezeichnete erinnern an Deutschlands Reformbedarf
Berlin, Stockholm. Ein Kommunist erhält den Nobelpreis für Wirtschaft: ein Satz, der wie Satire klingt. Er stimmt auch nicht ganz. Philippe Aghion ist kein Mitglied der Kommunistischen Partei – nicht mehr. Der Franzose war es aber, in seiner Jugend war er ein überzeugter Kommunist, genauso wie seine Eltern.
„Wir mussten einsehen, dass der Sozialismus keine Innovationen hervorbringt“, sagte Aghion vor einigen Jahren in einem Interview mit der „NZZ“. Aghion schwor dem Kommunismus vor vielen Jahrzehnten ab, und doch prägte er seine weiteren Arbeiten.
Für die erhielt er nun am Montag den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaft. Das teilte das Komitee der Königlich-Schwedischen Wissenschaftsakademie mit, die den von der Schwedischen Notenbank gestifteten Preis vergibt.
Ausgezeichnet wurde Aghion gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Kanadier Peter Howitt, für ihre Theorien zu nachhaltigem Wachstum durch kreative Zerstörung. Die andere Hälfte des Preises ging an den israelisch-US-amerikanischen Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr, der ebenfalls die Sicht auf Innovationen und Wachstum revolutioniert hat.
„Wir müssen die Mechanismen, die der kreativen Zerstörung zugrunde liegen, aufrechterhalten, damit wir nicht in Stagnation zurückfallen“, sagte John Hassler, Vorsitzender des für den Preis zuständigen Komitees.
Aghion und Howitt: Zerstörung als Wachstumsgrundlage
Als Aghion am Montag vom Preis erfuhr, zeigte er sich völlig überrascht: „Das habe ich wirklich nicht erwartet, ich bin sprachlos, kann nicht beschreiben, wie ich mich fühle“, sagte er. Einen Teil des Preisgeldes wolle er in seine Forschung investieren. Auch sein Kollege Howitt konnte es kaum fassen, dass er zu den Preisträgern gehört. „Oh, mein Gott“, wiederholte er mehrfach am Telefon, als ihn die Wissenschaftsredaktion des öffentlich-rechtlichen schwedischen Radiosenders SR erreichte.
Aghion und Howitt prägen seit den 1990er-Jahren den Wachstumsdiskurs der Wirtschaftswissenschaft. 1992 entwickelten sie ein mathematisches Modell für das, was als kreative Zerstörung bezeichnet wird.
Wenn ein neues und besseres Produkt auf den Markt kommt, verlieren die Unternehmen, die die älteren Produkte verkaufen. Die Innovation stellt etwas Neues dar und ist somit kreativ. Sie ist jedoch auch destruktiv, da das Unternehmen, dessen Technologie überholt ist, vom Markt verdrängt wird.
Geprägt hatte den Begriff der „kreativen Zerstörung“ einst der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter. Aghion und Howitt setzten darauf auf und erläuterten, wie und warum diese kreative Zerstörung funktioniert.
Sie zeigten, dass die großen globalen Fortschritte nicht durch die Verfeinerung bestehender Technologien ausgelöst wurden, sondern durch Sprunginnovationen, die die bis dato bekannten Prozesse vollständig ablösten. Einst waren das die Dampfmaschine oder die Elektrizität. In der Coronapandemie war es die mRNA-Technologie, die die Impfstoffherstellung revolutionierte. Und sie bewiesen, dass solche Sprunginnovationen die Grundlage für nachhaltiges Wachstum sind.
Der frühere Kommunist Aghion studierte in Paris und promovierte an der US-Eliteuniversität Harvard. Dann wurde er Lehrbeauftragter am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er arbeitete für die Europäische Bank für Wiederaufbau in London und wurde Professor in Harvard. Aghions Mutter gründete einst die Modemarke Chloé.
Howitt studierte in seiner kanadischen Heimat und promovierte an der US-Universität Northwestern. Mit Mitte 20 übernahm er bereits eine erste Professur in Ontario. Nach verschiedenen Stationen verbrachte er seine längste Zeit an der Brown University in Rhode Island. Seit 2014 zählte der Medienkonzern „Reuters“ Aghion und Howitt in Anbetracht ihrer wissenschaftlichen Zitationen zu Favoriten um den Nobelpreis.
Mokyr: Innovationen allein schaffen noch kein Wachstum
Mokyrs jetzt ausgezeichnete Arbeiten basieren auf historischen Quellen. Er deckte auf, warum wirtschaftliches Wachstum überhaupt auf der Welt einzog. Schließlich war der Großteil der Menschheit genau davon nicht, sondern von Stagnation geprägt.
Trotz wichtiger Entdeckungen, die manchmal zu besseren Lebensbedingungen und höheren Einkommen führten, flachte das Wachstum letztendlich immer wieder ab. Vor gut zweihundert Jahren sollte sich das ändern, und große Teile des Planeten erlebten messbaren Fortschritt.
Was sich danach veränderte, hat Mokyr an der Industrialisierung in den Niederlanden und in England erforscht. Er zeigte, dass Innovationen nur dann in einem sich selbst generierenden Prozess aufeinanderfolgen können, wenn den Akteuren nicht nur bewusst ist, dass etwas funktioniert – sondern auch, warum. Letzteres habe vor der industriellen Revolution oft gefehlt, was es schwierig machte, auf neuen Entdeckungen und Erfindungen aufzubauen.
Auch für den technologischen Durchbruch Chinas seit der Jahrtausendwende hat Mokyr eine Erklärung: Er vertritt die Auffassung, dass das Land auch schon in den Jahrhunderten zuvor mit den Entwicklungen in Europa mithalten konnte.
Doch die herrschende konfuzianische Bürokratie habe das Land gegenüber äußeren Einflüssen abgeschottet, weil etwa die Schifffahrt beschränkt war. Das habe den Wettbewerb mit anderen wirtschaftlichen Mächten beschränkt, sodass China keinen Profit aus der eigenen technologischen Basis ziehen konnte.
Mokyr wurde in den Niederlanden geboren und emigrierte als Jugendlicher nach Israel. Er studierte erst in Jerusalem und anschließend an der US-Eliteuniversität Yale. Später wechselte er an die Northwestern University und lehrte auch in Tel Aviv. Seit 2021 zählte ihn der Medienkonzern Clarivate aufgrund der Zahl seiner Zitierungen zu den Favoriten auf einen Nobelpreis.
Lehren für den Wirtschaftsstandort Deutschland
Die Lektüre der Arbeiten von Aghion und Howitt sowie Mokyr lohnt sich nicht zuletzt mit Blick auf die Debatte über die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Denn dem ökonomischen Sinn der kreativen Zerstörung stehen immer wieder politökonomische Interessen im Weg: Ein Politiker, der seine Wählerstimmen maximieren will, hat meist ein nur eingeschränktes Interesse daran, bestehende Strukturen aufzubrechen. Auch wenn das Wachstum dadurch nachhaltiger wäre, sind bei den meisten Vorgängen die Kosten wohl zumindest bis zum nächsten Wahltermin erst einmal höher, etwa in Form geringerer Steuereinnahmen oder sinkender Beschäftigung.
Gerade in Deutschland ist diese Einschränkung der „Reallokation“ der Produktionsmittel besonders ausgeprägt. So schützt das Insolvenzrecht unproduktive Unternehmen vor innovativen Wettbewerbern. Betrieben, die für neue Verfahren anders qualifiziertes Personal benötigen, fehlen oft die dafür erforderlichen finanziellen Ressourcen, da sie aufgrund des Kündigungsschutzes Beschäftigte nur schwer freisetzen können. Und Bürokratie und Datenschutz machen die Marktreife von Innovationen häufig so teuer, dass manche davon auf der Strecke bleiben. Auch halten Subventionen eher bestehende Industriekapazitäten aufrecht, als dass sie Forschung an neuartigen Methoden fördern.
Das zeigt sich vor allem an der Produktivität. Zwischen 1996 und 2024 lag deren Beitrag zum Wirtschaftswachstum in Deutschland noch bei 0,5 Prozentpunkten, bis zum Ende des Jahrzehnts sinkt er auf 0,2 Prozentpunkte jährlich. Historisch lag der Beitrag weitaus höher.
Das wiederum hat Rückwirkungen auf Deutschland als Forschungsstandort. Der Anteil der klassischen Industrie an der Wertschöpfung geht zwar langsam zurück, weil die Standortbedingungen gerade für energieintensive Branchen wie Chemie oder Glas immer schlechter werden.
Dennoch konzentrieren sich Forschung und Entwicklung in Deutschland vor allem auf die Verfeinerung vorhandener Prozesse, weniger auf technologische Sprünge. In den USA hingegen dominieren Hightech-Branchen, die neue Technologien selbst hervorbringen, wie eine Gruppe von Ökonomen aus Deutschland, Frankreich und Italien um Ifo-Präsident Clemens Fuest zuletzt vorrechnete. Sie sprechen von der deutschen „Mitteltechnologie-Falle“.
„Dass mit Joel Mokyr der wirtschaftshistorische Blick auf diese Prozesse schöpferischer Zerstörung gewürdigt wurde, ist besonders erfreulich“, sagte Stefan Kolev, Leiter des Ludwig-Erhard-Forums. Die Wachstumsagenda für Deutschland müsse sich genau auf diese Perspektive fokussieren: „die Kreativität des Einzelnen, das Zulassen von Strukturwandel und den kulturellen Wandel hin zu einer gesellschaftlichen Aufwertung des Unternehmertums“.
Mit der Vergabe der Wirtschaftsnobelpreisträger schließt sich der diesjährige Reigen der Nobelpreis-Bekanntgaben. Alle Preisträger werden am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm und Oslo geehrt. Der Preis ist in diesem Jahr mit elf Millionen Kronen (984.000 Euro) dotiert.
Erstpublikation: 13.10.2025, 11:49 Uhr.