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Ökonomie des KriegesSyriens Wirtschaft kennt nur barbarische Profitgier

Der Bürgerkrieg hat Syriens Wirtschaft zerstört. In den Wirren des Kampfes ist ein korruptes Handelsnetz entstanden, das an dem Konflikt verdient.Ozan Demircan 12.02.2018 - 15:46 Uhr Artikel anhören

Sie kontrollieren lebenswichtige Checkpoints und verlangen Schutzgelder.

Foto: Reuters

Istanbul. Moheddine Manfoush könnte als Helfer im besten Sinne durchgehen. Doch Helfen ist für ihn ein Fremdwort. Vielmehr will er verdienen – am Krieg, am Leid der Menschen und an den Wirren des Krieges in Syrien.

Der syrische Geschäftsmann besitzt mehrere Lebensmittelfabriken in der Region Ghouta nahe Damaskus. Das aufständische Gebiet ist mehrfach von Regimetruppen umzingelt worden. Sie sollen die Zivilbevölkerung dort unter anderem mit Giftgas gequält haben. Seit Januar starben bei Luftangriffen wieder Dutzende Menschen in Ghouta.

Goldene Zeiten für Manfoush. Seit etwas mehr als einem Jahr ist er Monopolist in Ghouta. Im Frühjahr 2017 zerstörte die Regierung alle wichtigen Transportwege dorthin. Manfoush bestach Regierungsbeamte, um den einzigen Checkpoint in das belagerte Gebiet aufrechtzuerhalten. Der Wafideen-Checkpoint ist seitdem das Versorgungsnadelöhr für Hunderttausende Menschen – und eine einträgliche Einnahmequelle. Lebensmittel, Waffen – alles muss an Manfoushs Leuten vorbei. Und das kostet. Der Ort wird nicht nur militärisch belagert, sondern auch ökonomisch.

Mehr als sieben Jahre lang wird in Syrien gekämpft. Erst waren es aufständische Bürger, die den Arabischen Frühling in ihr Heimatland übertragen wollten. Dann kam die Terrorgruppe IS und mit ihr der Einmarsch von Truppen unter anderem aus Russland, Iran, der Türkei und den USA.

Nach dem physischen Sieg über den IS prallten die Interessen all dieser Gruppen aufeinander. Zuletzt gerieten das Assad-Regime sowie iranische Truppen mit dem Erzfeind Israel aneinander. Israel schoss am Samstag eine Drohne ab, nachdem sie in israelischen Luftraum eingedrungen war. Auch der iranische Posten in Syrien, von dem aus die Drohne gestartet worden sein soll, wurde demnach zerstört. Bei dem Angriff geriet ein israelisches Kampfflugzeug unter Feuer der syrischen Flugabwehr und stürzte in Nordisrael ab.

Unterdessen geht die Türkei im Norden gegen separatistische Untergruppen der verbotenen PKK vor, die von den USA unterstützt werden. Nicht zuletzt bombardieren russische und iranische Einheiten regelmäßig gegnerische Stellungen.

Die vielen Interessenkonflikte der Großmächte haben ein Machtvakuum geschaffen, das normales Wirtschaften unmöglich macht. Ein großer Teil der Menschen kämpft daher ums nackte Überleben. Und eine winzig kleine Gruppe macht ein menschenverachtendes Geschäft daraus.

Es ist unmöglich, diese Recherche vor Ort durchzuführen. Sie basiert auf Berichten der Bewohner sowie oppositioneller syrischer Medien. Diese Quellen zeichnen ein Bild, in dem die brutalen Angriffe auf Zivilisten bloß einen Teil des Leids darstellen. Den anderen Teil bilden korrupte Machenschaften, die die Qualen für die Menschen zusätzlich und unnötig vergrößern.

Ein Brot kostet fünf Dollar

Über Moheddine Manfoush ist nicht viel bekannt. Wohl wissen oppositionelle Journalisten in dem Land jedoch, dass er gute Verbindungen hat. Sowohl zu Rebellengruppen als auch zur Führung in Damaskus. Wer glaubt, die Menschen im belagerten Ost-Ghouta seien dank des Checkpoints von Manfoush immerhin gut versorgt, der irrt. Nahrungsmittel, Maschinen und auch Waffen für die rund 400 000 Aufständischen in der Region kosten im Schnitt 24-mal so viel wie in Supermärkten in Damaskus, haben Aktivisten ausgerechnet.

Brot kostet umgerechnet fünf Dollar, berichten Aktivisten, 40-mal so viel wie in der Hauptstadt. Zwei Windeln kosten 2,30 Dollar, selbst ein Vielfaches dessen, was Europäer dafür bezahlen. Fast niemand in Ghouta kann sich das leisten. Die Hungersnot sei so groß, dass manche Bewohner Brot aus Tierfutter backen, weil sie kein herkömmliches Mehl mehr zur Verfügung haben, erzählen Bewohner der Region in Internetvideos.

Manfoush verkörpert bloß einen Typ unter den modernen Kriegsgaunern. Hinzu kommen viele Soldaten, die sich von Menschen wie Manfoush bereitwillig bestechen lassen; der nämlich sehr genau weiß, dass die Regierung in Damaskus nur einen geringen Sold bezahlt – wenn überhaupt.

Unter Oppositionellen sind Betrüger einer ganz besonderen Sorte dabei. Selbst ernannte Freiheits- und Gotteskämpfer stellen sich in sicherem Abstand vor die Schlachtfelder, schießen dort aber vor allem Selfies. „Sie senden die Fotos an mögliche Sponsoren aus dem arabischen Raum und hoffen auf finanzielle Unterstützung“, erklärte ein syrischer Aktivist.

Einer davon ist Ahmed Afash. Er gründete 2012 eine Schutztruppe namens „Freies Syrien“ und sammelte Geld aus Saudi-Arabien und Katar, wie ein oppositioneller syrischer Fernsehsender berichtete. Demnach kämpfte er aber nie gegen das Regime, sondern soll einen Großteil der Spenden eingesteckt haben. Mit dem Geld bestach er unter anderem Regimesoldaten, um bestimmte Straßenkreuzungen zu besetzen.

Die Rebellengruppe „Syrischer Märtyrer“ belagerte einen Luftwaffenstützpunkt des Regimes und verlangte gleichzeitig Schutzgeld von den eingekesselten Soldaten, damit sie mit Lebensmitteln versorgt werden durften. Eine „Schutzbrigade“ blockierte einen türkischen Grenzübergang und verlangte bis zu 1 000 Dollar Schutzgeld für jedes Fahrzeug, das Nahrungsmittel nach Syrien liefern wollte.

Niemand hindert sie daran, im Gegenteil: Im Jahr 2012 legalisierte die syrische Regierung solche „privaten Sicherheitsdienste“, so der Wortlaut des Gesetzes. Die Führung in Damaskus weiß, was im Land vor sich geht – und hat kein Interesse daran, diesen unhaltbaren Zustand zu beenden.

Auch Staaten sind beteiligt

Der amerikanische Wissenschaftler Will Todman nennt diesen Zustand „Belagerungsökonomie“. Einfach ausgedrückt verdienen alle Seiten gutes Geld damit, dass die Prinzipien des Rechtsstaats in kriegsgeplagten Ländern für gewöhnlich ausgehebelt sind. Dadurch wird der Weg frei für Korruption, Schutzgelderpressung und Betrügereien. Ewige Geldgeber sind im Falle Syriens vor allem arabische Wohltätigkeitsorganisationen, die ihren jeweiligen konfessionellen Glaubensbrüdern ständig unter die Arme greifen.

Doch es sind nicht nur eifrige Syrer, die von der Kriegswirtschaft profitieren. Auch Ausländer und ganze Staaten gehören dazu. So soll der Geschäftsmann George Haswani, der die russische und syrische Staatsbürgerschaft besitzt, einen Deal zwischen den beiden Ländern arrangiert haben, in dem es um Schürfrechte an syrischen Minen geht.

Das hatte sogar konkrete Auswirkungen auf die Kampfhandlungen im Land: Im Handumdrehen soll nach dem Deal ein Erztagebau vom IS befreit worden sein, heißt es von Aktivisten, die das Geschäft öffentlich gemacht haben. Ein anderes Abkommen mit einer russischen Firma sieht vor, dass diese ein Viertel der Förderrechte von allen Ölanlagen, die vom IS befreit werden, erhält.

Dieser Fall wirft ein Schlaglicht auf die jüngste Konfrontation amerikanischer und russischer Truppen im Osten des Landes – in einem Korridor, der aufgrund seiner Vorkommen als „Straße des Öls“ bekannt ist. Es braucht keine Fantasie, um zu erkennen, welche Interessen die beiden Großmächte in dem Land haben.

Auch die Türkei ist tief in den Handel integriert, allerdings auf andere Weise. Türkische Firmen haben zuletzt Waren im Wert von fast 1,4 Milliarden Dollar nach Syrien exportiert. Zum Vergleich: Deutsche Unternehmen exportierten im Jahr 2016 nach Angaben der Außenwirtschaftskammer Bayern Waren im Wert von knapp 52 Millionen Euro nach Syrien, darunter vor allem Hilfsgüter.

Exporte in die Türkei brachen ein

Das Niveau der türkischen Ausfuhren überrascht, wenn man bedenkt, dass die Exportzahlen in das Nachbarland zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges – logischerweise – beinahe zusammengebrochen waren. Bei einem Großteil der Exporte handelt es sich allerdings um industriell verarbeitete Produkte. Das legt die Vermutung nahe, dass die Türkei begonnen hat, Produktionsausfälle in zerstörten syrischen Industriegebieten durch eigene Fabrikprodukte zu ersetzen. So schätzen es Wissenschaftler des französischen Instituts für internationale Beziehungen (Ifri) in einer Studie zu den türkischen Exportzahlen ein.

Aber wie sollen die Güter in das Land kommen, wenn Warlords die wichtigen Einfuhrschleusen kontrollieren? Auch dieser Frage widmen sich die Forscher. Es seien neue Handelsknotenpunkte in Syrien entstanden, in denen die türkischen Produkte gesammelt, weiterverarbeitet und schließlich verkauft würden; natürlich vor allem in Gebieten der syrischen Opposition, die von der Türkei politisch unterstützt wird. Der kleine syrische Ort Sarmada wird dem Nachrichtenportal „Eurasianews“ zufolge bereits als neues Wirtschaftszentrum Syriens angesehen. Viele Konzerne, die früher in Aleppo ihren Sitz gehabt haben, seien nach der Zerstörung der Metropole umgesiedelt. „Dieses Netzwerk verbindet die Handelsplattformen mit Schlüsselstädten, die sich an den Grenzen der Einflusssphären befinden und von allen Parteien außerhalb der Kampfzonen freiwillig unterhalten werden“, heißt es in dem Bericht.

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Damit hat sich in dem vom Bürgerkrieg geplagten und zerteilten Land eine ganz eigene Ökonomie aufgebaut. Eine Ökonomie des Krieges, die keine konfessionellen oder weltanschaulichen Grenzen mehr kennt, sondern nur noch eine barbarische Profitgier.

Die brutale Folge der syrischen Kriegswirtschaft: Jede Kampfgruppe kann damit ein Einkommen generieren – und den Krieg immer länger ertragen oder ihn sogar weiter anheizen.

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