Ostasien: Was Robert Habeck in Südkorea sucht
Der Diplomat sollte den Koreanern die moderne Welt lehren. Möllendorff leitete auf vielen Gebieten Reformen ein: Industrialisierung, Währungssystem, Schulwesen. Bis zum Vizeminister stieg er auf.
Rund 150 Jahre später, an diesem Donnerstag, ist wieder ein Deutscher nach Korea gekommen – doch diesmal will er von seinem Gastgeber lernen.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sitzt auf einer Bank in einem Innenhof des Gyeongbokgung-Palasts in Südkoreas Hauptstadt Seoul. Einst wurde dort die Regierungsarbeit verrichtet, nun lässt sich Habeck Möllendorffs Geschichte erzählen.
Deutschland und Südkorea ähneln sich nicht nur. Sie brauchen einander. Beide Staaten sind stark vom Export abhängig und wollen ihre Abhängigkeiten von China verringern. Südkorea sei ein Partner, der „mit ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland zu kämpfen hat“, sagte Vizekanzler Habeck. Das gilt vor allem für die Wirtschaft.
Habeck im Süden, Putin im Norden der Halbinsel
Russlands Angriff auf die Ukraine und die drohende geopolitische Blockbildung treiben die Südkoreaner mindestens genauso um wie die Deutschen. Russlands Präsident Wladimir Putin weilte Anfang der Woche noch im diktatorisch geführten Nordkorea, als sich Habeck auf den Weg in den Süden machte. Es war ein Zufall, doch Habecks Reise wirkte unweigerlich wie die Konkurrenzveranstaltung zum Putin-Besuch.
Südkorea steht hingegen eng an der Seite des Westens. Die Bundesregierung behandelt das Land als gleichgestellt mit den Nato-Staaten, obwohl es kein Mitglied des Verteidigungsbündnisses ist. Es gibt eine Zusammenarbeit bei Rüstungsprojekten. Beim Gespräch mit dem südkoreanischen Premierminister Han Duck-soo ging es länger um die Sicherheitslage in Ostasien, insbesondere auch um Putins Besuch in Nordkorea, hieß es aus Delegationskreisen.
Die geopolitische Gemengelage hat dazu geführt, dass Deutschland in seiner Wirtschaftspolitik Südkorea nacheifert. Denn beide Länder hängen stark von der Exportwirtschaft ab. Im Mittelpunkt der Überlegungen: China. Habeck warnt immer wieder vor zu großen wirtschaftlichen Abhängigkeiten – und treibt die Wirtschaft deshalb dazu, vorsichtiger mit China als Geschäftspartner umzugehen.
Das Konzept der „Wirtschaftssicherheit“, das Habeck im Zuge der „Zeitenwende“ nach Deutschland zu tragen versucht, hat seinen Ursprung in Ostasien. Neben Japan waren es vor allem die Südkoreaner, die früh die Gefahren einer zu starken Abhängigkeit von China erkannt haben. Durch die räumliche Nähe Südkoreas sind die Sorgen vor einer militärischen Eskalation zwischen China und Taiwan besonders präsent. Die Volksrepublik beansprucht den Inselstaat im ostasiatischen Meer für sich.
Es gehe darum, „eine gewisse Unabhängigkeit von China zu bekommen“, sagte Habeck. Südkorea ist der drittwichtigste Exportmarkt der deutschen Wirtschaft außerhalb Europas. Vor allem Autos werden dorthin geliefert, aber auch die Chemie- und Pharmaindustrie und der Maschinenbau sind stark vertreten. Es war daher nur konsequent, dass Habecks Weg in Asien auch nach Südkorea führte und nicht bloß nach China.
Deutschland profitiert schon lange von Südkoreas starker Industrie. 2023 exportierte Deutschland Waren im Wert von 20,4 Milliarden Euro nach Südkorea mit seinen 51,7 Millionen Einwohnern. Das ist etwas mehr als nach Japan, obwohl dort doppelt so viele Menschen leben. Allein in der Energiepolitik, da setzt Südkorea stark auf Atomkraft, gibt es merkliche Unterschiede zu Deutschland.
Neben dem hohen Industrieanteil an der Gesamtwirtschaft – Deutschland rund 20 Prozent, Südkorea 25 Prozent – eint die Länder auch der Versuch, ihre Industrie zu modernisieren. Südkorea versucht gezielt, Zukunftstechnologien im eigenen Land auszubauen. Die Regierung unterstützt Branchen wie Batterietechnik, Halbleiter oder Wasserstoff – das klingt wie die Pläne, die auch Habeck verfolgt.
Doch dieser industriepolitische Gleichschritt führt auch dazu, dass beide Länder einander Konkurrenz machen. „Wir sehen verstärkt den Trend, dass Unternehmen von ihren koreanischen Kunden eingeladen werden, in Korea neue Produktion aufzubauen“, sagte Martin Henkelmann, Geschäftsführer der Deutschen Auslandshandelskammer in Korea.
Wunsch nach einem Handelsabkommen 2.0
Dabei würden die Unternehmen gerne auf staatliche Fördermittel für den Fabrikbau verweisen, die sie in Südkorea erhalten, so Henkelmann. Statistisch spiegele sich das zwar noch nicht wider. „Aus unseren Gesprächen wissen wir aber, dass dies für deutsche Unternehmen ein Grund ist, mehr in Südkorea zu investieren.“
Dass der Bundeswirtschaftsminister das Land besucht, hält der Außenhandelskammer-Geschäftsführer für ein „großartiges Zeichen“. Henkelmann sagte: „Er signalisiert, dass beide Seiten ihre Kooperation ausbauen wollen.“ Einen Wunsch gab er dem Minister aber auch gleich noch mit: die Weiterentwicklung des Freihandelsabkommens mit der Europäischen Union. Das besteht seit 2011 und gilt als Erfolg. Doch gerade bei gemeinsamen Standards liegen noch Potenziale.
Das hat auch Habeck erkannt. In einer Gesprächsrunde mit deutschen und koreanischen Unternehmen am Donnerstag sprach er sich für die Auffrischung des Abkommens aus. Doch schob er, trotz aller Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Südkorea, gleich nach: „Das ist jetzt gerade vielleicht noch ein zu großes Ziel.“