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Raketenangriffe der HamasIsrael greift Tunnelsystem im Gazastreifen an

Die Hamas greift weiter die Metropolen Tel Aviv und Jerusalem an. Die Bevölkerung flieht in die Schutzräume. Mit den Attacken gefährden die Islamisten die Menschen im Gazastreifen.Pierre Heumann 14.05.2021 - 07:17 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Bewohner der Küstenstadt suchen Schutz.

Foto: AFP

Tel Aviv. Nach fortwährenden Raketenangriffen militanter Palästinenser hat Israels Armee in der Nacht zum Freitag ihre Angriffe auf den Gazastreifen noch verschärft. Wie ein Sprecher der Armee am Freitagmorgen sagte, starteten in der Nacht 160 „Luftfahrzeuge“ von zwölf Geschwadern. Ihr Einsatz dauerte demnach rund 40 Minuten. Kein israelischer Soldat habe den Gazastreifen betreten.

Ziel des komplexen Angriffs sei ein Tunnelsystem der Hamas in dem Küstengebiet gewesen. Es werde „Metro“ genannt. Dabei handele es sich um eine Art „Stadt unter der Stadt“. Die Hamas habe Jahre in den Bau des Tunnelsystems investiert. Der Grad der Zerstörung sei noch unklar. Zur Unterstützung feuerten unter anderem Panzer von israelischer Seite auf Ziele im Gazastreifen.

Das israelische Fernsehen hatte zuvor von massiven Angriffen der Luftwaffe sowie der Artillerie und Panzertruppen auf den Küstenstreifen berichtet. Die Armee erklärte zunächst: „Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an.“ Anschließend gab es Berichte, wonach Bodentruppen in den Gazastreifen vorgedrungen seien.

Der Armeesprecher entschuldigte sich für Fehlkommunikation. Das israelische Fernsehen berichtete, es sei der heftigste und breiteste Angriff im Gazastreifen seit Beginn der Eskalation am Montag. Die Armee rief Israelis in den Grenzorten, die bis zu vier Kilometer entfernt vom Gazastreifen leben, dazu auf, sich bis auf Weiteres in Schutzräume zu begeben.

Vor allem im Umkreis des Gazastreifens ertönten am Morgen immer wieder Raketen-Warnsirenen. Nach Polizeiangaben wurde ein Haus in der Stadt Aschkelon von einer Rakete getroffen. Israelis in Grenzorten, die bis zu vier Kilometer entfernt vom Gazastreifen leben, wurden nachts aufgerufen, sich bis auf Weiteres in Schutzräume zu begeben.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte zu den Angriffen: „Ich habe gesagt, dass Hamas einen sehr hohen Preis zahlen wird.“ Man werde die Angriffe „mit großer Intensität fortsetzen“, sagte er in einer Videobotschaft. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen und diese Operation wird so lange wie nötig weitergehen.“

Zwei ungleiche Gegner stehen sich gegenüber

Verteidigungsminister Benny Gantz hatte zuvor angesichts der Eskalation die Mobilisierung von weiteren 9000 Reservisten genehmigt. Vor zwei Tagen hatte die Armee bereits 5000 Reservisten mobilisiert. Nach Medienberichten bereitete sich die Armee auf eine mögliche Bodenoffensive vor.

Militante Palästinenser im Gazastreifen haben nach Angaben des israelischen Militärs bislang 2000 Raketen auf Israel abgefeuert. Rund 430 davon seien noch in dem Küstengebiet niedergegangen, sagte Sprecher Jonathan Conricus am Freitagmorgen. Die Erfolgsquote des Abfangsystems Eisenkuppel („Iron Dome“) hat das Militär zuletzt im Schnitt mit rund 90 Prozent angegeben. Die Sicherheitskräfte gehen davon aus, dass die Hamas noch immer über eine beträchtliche Menge Raketen verfügt.

Im Nahen Osten stehen sich zwei ungleiche Gegner gegenüber. Auf der einen Seite die hochgerüstete, moderne israelische Hightech-Armee, auf der anderen die Terrormilizen der Islamisten. Ihre Raketen sind zwar nicht „smart“.

Aber ein israelischer Offizier vergleicht die Feuerkraft der Terrormiliz Hamas mit derjenigen eines kleinen europäischen Landes. Der größte Teil der Raketen, die die Islamisten abfeuern, ist „made in Gaza“, hergestellt mit iranischem Know-how und teilfinanziert mit Geldern aus Katar. Zum Arsenal der Hamas gehören zudem Raketen, die aus dem Iran geschmuggelt werden.

Des Weiteren hat die Hamas im Gazastreifen ein modernes Tunnelsystem erstellt, in dem die Milizen Zuflucht vor dem Feind suchen und ihre Raketen samt den Abschussrampen aufbewahren.
Die Asymmetrie hat nicht nur einen militärischen Aspekt.

Iron Dome
Dass die Raketen aus Gaza nicht deutlich mehr Menschen treffen, ist dem „Iron Dome” (deutsch: Eiserne Kuppel) zu verdanken. Er besteht aus Radaren, Kontrollzentren und Abfangraketen. Das System kann den Abschuss von Raketen erkennen, ihre Flugbahn verfolgen und den Einschlagort errechnen. Auf Grundlage dieser Daten kann das System eine gelenkte Abfangrakete losschicken, die das feindliche Geschoss zerstört.Die Technik ist etabliert. Auch die Bundeswehr verfügt mit “Patriot” über ein ähnliches Abfangsystem aus US-amerikanischer Produktion. Während des Syrien-Krieges war es zeitweise in der Türkei stationiert.Das israelische System stammt vom staatlichen Hersteller Rafael und wird auch in die USA exportiert. Es kann vollautomatisch betrieben werden, braucht für einen Abschuss also keine Bestätigung durch einen Menschen. Die Software beinhaltet auch Informationen über zu vernachlässigende Gebiete, etwa Wüsten und Felder, in denen ein Raketeneinschlag hingenommen wird. Denn die Abwehr ist teuer: Der Abschuss einer Rakete muss einige Zehntausend Dollar kosten. Meist werden zwei davon auf ein Ziel gefeuert. Offizielle Zahlen dazu gibt es nicht.Laut Hersteller werden 9 von 10 feindlichen Raketen erfolgreich abgefangen. Das System kann noch deutlich modernere Geschosse abfangen als die simplen, aus dem Gazastreifen abgefeuerten Kassams. Entscheidend ist aber die Masse. Iron Dome kann nur eine begrenzte Zahl an Raketen gleichzeitig orten. Sehr viele Abschüsse in kurzer Zeit können das System darum überfordern und zu mehr Einschlägen am Boden führen.

Auf der einen Seite steht die international konkurrenzfähige Start-up-Nation, auf der anderen der von ausländischer Hilfe völlig abhängige Nicht-Staat Gaza. Israel kann die wirtschaftlichen Kosten der Kampfhandlungen mühelos wegstecken, für die Palästinenser sind sie aber eine Katastrophe.

Israels Hightech-Industrie rechnet nicht mit einem Rückgang der Investitionen, „weil sich Kapitalgeber von der Sicherheitslage kaum beeinflussen lassen“, meint ein Investor. Auf Israels Wirtschaftsleistung werde die militärische Auseinandersetzung voraussichtlich nur geringfügige Auswirkungen haben, sagt Karnit Flug, die ehemalige Chefin der Zentralbank, die jetzt am Israeli Democracy Institute für ökonomische Analysen zuständig ist. „Israels Wirtschaft ist widerstandsfähig“, gibt sie sich überzeugt und nennt historische Beispiele.

Obwohl die Kampfhandlungen gegen die Hamas im Jahr 2014 rund 50 Tage dauerten, fiel der Effekt auf das Bruttosozialprodukt mit 0,3 Prozent bescheiden aus. Zwei Drittel des negativen Effekts entfielen auf den Tourismus. Da dieser wegen der Coronakrise in den nächsten Wochen ohnehin ausbleibt, erwartet Flug einen bloß „minimalen makroökonomischen Schaden“.

Auch nach dem Libanon-Krieg von 2006, der einen Monat dauerte und den Norden mit Raketenangriffen weitgehend lahmgelegt hatte, gab es bloß einen vernachlässigbaren, kaum spürbaren Rückgang der Wirtschaftsleistung, der in den folgenden Monaten durch einen starken Wachstumsschub mehr als kompensiert wurde. Mehr Erholungszeit braucht hingegen stets der Fremdenverkehr, weil Touristen das Land nach der Krise wieder als sicher einstufen müssen, bevor sie einen Flug nach Tel Aviv buchen.

Israels Armee reagiert auf Angriffe militanter Palästinenser mit Angriffen auf Ziele im Gazastreifen, vor allem durch die Luftwaffe.

Foto: dpa

Für den Gazastreifen hat der Schlagabtausch hingegen verheerende Auswirkungen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seit Beginn der Eskalation des Konflikts 109 Menschen getötet und 621 weitere verletzt. Wie die Armee mitteilte, wurden in Israel durch Beschuss bisher acht Menschen getötet.

Gravierend sind auch die wirtschaftlichen Folgen. Zwar könne man zum jetzigen Zeitpunkt das Ausmaß des Schadens für den Küstenstreifen nicht abschätzen, sagt eine Sprecherin der Weltbank.

Vor allem weil das Ende der Militäroperation noch nicht absehbar sei. Doch als sicher gilt schon jetzt, dass der Küstenstreifen um Jahre zurückgeworfen wird. So wurde das Finanzministerium im Herzen der Stadt Gaza zerstört, ein Marinekommando der Hamas und ihre Hausbank sowie strategisch wichtige Hochhäuser, in denen laut israelischen Militärangaben der „Generalstab“ der Hamas untergebracht war. Auch der 13-stöckige Hanadi-Turm mit 40 Wohnungen stürzte ein. Zerstört wurden ebenfalls Häuser von Hamas-Führern, die auch als Waffenlager gedient haben sollen.

Und das sei „erst der Anfang“, warnt Israels amtierender Premier Benjamin Netanjahu: „Wir werden ihnen Schläge versetzen, die sie sich niemals erträumt haben.“ In den nächsten Tagen soll die israelische Luftwaffe die Angriffe ausdehnen und weitere Ziele ins Visier nehmen.

Mit ihrem Entscheid, Jerusalem und Tel Aviv zu attackieren und Millionen von Israelis in den Luftschutzkeller zu zwingen, ging die Hamas-Führung enorm hohe Risiken ein. Seit Jahren feuert sie Raketen auf Israel ab, in der Regel aber nur in der peripheren Region, die an den Gazastreifen grenzt. Darauf hatte Israel stets relativ zahm reagiert. Doch nachdem die Islamisten auch Jerusalem und Tel Aviv unter Beschuss genommen haben, will sich Israel nicht mehr zurückhalten und das Abschreckungspotenzial ausbauen, das in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist.

Hilfe für Gaza in Gefahr

Mit den massiven Angriffen gefährdet die Hamas die internationale Hilfe, auf die Gaza dringend angewiesen ist. In den vergangenen Monaten hatte sich die Wirtschaft – auf allerdings tiefem Niveau – etwas vom Corona-Schock erholt, schrieb Israels führende Wirtschaftszeitung „Globes“. Der Export verzeichnete „hohe Wachstumsraten“, vor allem bei Textilien und landwirtschaftlichen Produkten.

Die Gewalt hat nun aber zur Folge, dass bereits bewilligte Infrastrukturprojekte bis auf Weiteres eingefroren werden. „Alle Geberländer halten ihre Geldüberweisungen wegen der Gewalt zurück, auch die Weltbank“, zitiert „Globes“ einen Weltbank-Ökonomen. Auch die Sanktionen Israels treffen Gaza hart. Der einzige Grenzübergang für Menschen und Waren wurde geschlossen, ebenso die Fischereizone vor der Küste.

Dass Israel Raketenangriffe auf Tel Aviv und Jerusalem nicht tatenlos hinnehmen würde, muss die Hamas gewusst haben. Schon alle bisherigen Angriffe, die von der Hamas provoziert worden waren, haben Gaza gewaltige Opfer abverlangt. Doch die Hamas ließ sich dadurch nicht beirren. Sie reißt den Küstenstreifen mitsamt seinen Bewohnern einmal mehr in den Abgrund. Ihr Ziel ist es, sich als Vorreiter für die islamistische Herrschaft über Palästina zu profilieren, Jerusalem inklusive.

Aber die Geschosse und die dazugehörende Infrastruktur kosten Geld. Gleichzeitig wird der Westen gebeten, den Palästinensern im Küstenstreifen zu helfen. Gaza brauche „dringend Unterstützung“, um den Impfstoff gegen Covid-19 zu beschaffen, oder sei auf die Hilfe Europas angewiesen, um Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu beschaffen.

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