Russland: 30 Sekunden für Nawalnys Tod: So berichten Russlands Staatsmedien
Moskau. Während die Sicherheitsbehörden auch am Samstag in vielen russischen Städten Menschen verhaften, die sich an Gedenkstätten für den im Gefängnis umgekommenen Kremlgegner Alexei Nawalny aufhalten, findet dessen Tod in russischen Staatsmedien erwartungsgemäß kaum Beachtung. Ebenso wenig thematisiert wird der Umgang der Sicherheitsbehörden mit den Trauernden.
Am Freitagabend und in der Nacht auf Samstag meldete die russische Menschenrechtsorganisation OVD-Info, die sich unter anderem für die Rechte Inhaftierter einsetzt, dass mindestens 100 Menschen in verschiedenen Städten in ganz Russland festgenommen worden seien, darunter allein 65 in Sankt Petersburg und elf in Moskau. Im Laufe des Samstags aktualisierte die Organisation die Zahlen mehrfach und sprach bald von 340 Festgenommenen in zahlreichen Städten. Doch Zahlen wie diese erreichen einen großen Teil der russischen Bevölkerung nicht.
Schon am Freitag hatten die größten staatlichen TV-Kanäle frühestens eine halbe Stunde nach Bekanntwerden der Nachricht über den Tod Nawalnys berichtet. Dabei lasen Moderatorinnen in vielen Fällen lediglich die erste Meldung der Behörden vor oder paraphrasierten diese, ohne sie weiter einzuordnen oder Kontext zu bieten. In ihrer beliebten Polit-Talkshow, die am Freitagabend insgesamt fünf Stunden dauerte, widmete die prominente Moderatorin Olga Skabejewa der Nachricht über Nawalnys Tod knapp 30 Sekunden.
Die Chefredakteurin von RT, Margarita Simonjan, kommentierte eine Stunde nach Bekanntwerden der Nachricht zwar nicht Nawalnys Tod, aber die Reaktionen westlicher Politiker und Medien: „Ich werde gar nicht erst damit anfangen, ihnen zu erklären, dass jeder [Nawalny] längst vergessen hat, dass es keinen Grund gab, ihn zu töten, vor allem vor der Wahl, dass das nur komplett gegenseitigen Kräften helfen würde“, so die Moderatorin.
Das scheint kein Zufall zu sein. Dem russischen Nachrichtenkanal Agentstwo zufolge hatte Putins Partei „Einiges Russland“ die Abgeordneten der Duma noch am Freitagnachmittag in einer Nachricht aufgefordert, sich nicht zum Tode Nawalnys zu äußern und sich „strikt an die Auslegung des FSIN“ zu halten. Gemeint ist der Staatliche Strafvollzugsdienst, der zuerst über den Tod des Oppositionellen berichtet hatte. Der russischen Investigativ-Onlinezeitung „The Insider“ zufolge, die sich auf Quellen bei vier verschiedenen Medien beruft, hätten auch diese Aufforderungen erhalten, nicht über Details zu berichten oder sich an der Berichterstattung staatlicher Medien zu orientieren.
Wie der britische Journalist Francis Scarr bemerkte, zeigten staatliche TV-Sender Nawalnys Gesicht in der Berichterstattung nicht und nannten den Politiker lediglich einen „Sträfling“. Russlands Staatschef Wladimir Putin ist bekannt dafür, politische Gegner nicht beim Namen zu nennen, ebenso handhabte er es bei Alexei Nawalny. Als ein Talkshowgast im Kanal NTV versucht, seine Anteilnahme im Fall Nawalny auszudrücken, fällt ihm der Moderator ins Wort und fordert ihn auf, beim Thema zu bleiben.
Anders verhält es sich bei russischen Exilmedien, von denen die meisten allerdings in Russland nur über technische Umwege zu erreichen sind, weil sie als sogenannte „ausländische Agenten“ gelten und ihre Internetseiten im Land selbst gesperrt sind. Russische Journalisten-Teams, die aus dem Exil arbeiten, etwa aus Lettland oder den Niederlanden, berichten seit Freitagnachmittag ausführlich über den Tod Nawalnys, die Hintergründe, Gedenkveranstaltungen und internationale Reaktionen.
Das Online-Medium Meduza beispielsweise kommuniziert nicht nur detailreich die Entwicklungen im Todesfall, sondern klärt Leserinnen und Leser außerdem über ihre Rechte im Fall einer Verhaftung auf. „Wenn Sie in Russland sind und an einer Kundgebung zum Gedenken an Nawalny teilnehmen möchten, lesen Sie diese Anleitung“, heißt einer der Beiträge. Auch in Telegramkanälen, die oft auf lokale Informationen ausgerichtet sind, tauschen sich Russinnen und Russen etwa über Orte aus, an denen Blumen abgelegt werden oder Menschen zusammenkommen.