1. Startseite
  2. Politik
  3. International
  4. Tschetscheniens Präsident versus Opposition: Putins bester Freund

Tschetscheniens Präsident versus OppositionPutins bester Freund

Er droht, er ätzt, er wütet: Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow wettert gegen Russlands Opposition – auch sein Gönner Putin schaltet sich ein. Dass der wochenlange Schlagabtausch jetzt eskaliert, ist kein Zufall.André Ballin 21.01.2016 - 20:39 Uhr Artikel anhören

Der Beginn eines eskalierenden Streits: Kadyrow wirft der außerparlamentarischen Opposition vor, die Wirtschaftskrise in Russland zu nutzen, um Wladimir Putins Politik zu kritisieren.

Foto: Imago

Moskau. Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow erweist sich als treuer Unterstützer von Kremlchef Wladimir Putin – und teilt massiv gegen Russlands Opposition aus. Kadyrow hatte sich am Vorabend des „Tags der russischen Presse“ bei Journalisten in Grosny beklagt, dass die außerparlamentarische Opposition versuche, die Wirtschaftskrise in Russland zu nutzen, um Putins Politik zu kritisieren.

Derartige Oppositionelle seien als „Verräter und Volksfeinde“ zu behandeln, resümierte der Tschetschenen-Führer. Aus der Geschichte wissen die Russen, wie so eine Behandlung aussah: In der Stalin-Ära wurden „Volksfeinde“ standrechtlich erschossen. Die Opposition nahm die Äußerung daher als Drohung wahr und ging auf die Barrikaden. Doch Kadyrow legte nach: Er bot an, die „Psychosen“ der Kreml-Gegner in tschetschenischen Heimen mit Injektionen zu behandeln.

Kadyrow wurde von 2007 von Putin als tschetschenischer Präsident eingesetzt und regiert seitdem mit harter Hand. Menschenrechtler werfen ihm vor, für Folter, Morde und Korruption verantwortlich zu sein.

Bürgerrechtler forderten Kadyrows Ablösung, die russische Menschenrechtsbeauftragte Ella Pamfilowa kritisierte Kadyrows Wortwahl und ein oppositioneller Abgeordneter des Petersburger Parlaments klagte bei der Staatsanwaltschaft, weil er in der Äußerung einen Verfassungsbruch sah.

Die heftigste Reaktion kam jedoch aus Sibirien: Konstantin Sentschenko, Stadtratsmitglied von Krasnojarsk, fühlte sich persönlich verunglimpft und schoss verbal zurück. Er bezeichnete Kadyrow auf seiner Facebook-Seite als „Schande Russlands“. Der Statthalter in Grosny lasse sich als „Held Russlands“ und Mitglied der Akademie feiern, obwohl er einst gegen Russland kämpfte und nur drei Jahre Schulbildung besitze, wetterte Sentschenko.

Die Köpfe der russischen Opposition
Die Galionsfigur der russischen Opposition ist durch den Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft bekanntgeworden. Nawalny nutzte seine Internetseiten im Stile der Enthüllungsplattform Wikileaks zur Aufdeckung von Skandalen. Bei der Bürgermeisterwahl 2013 erhielt der 38-Jährige überraschend mehr als 27 Prozent der Stimmen. Auch auf das Präsidentenamt hat er Ambitionen geäußert. Erst vor kurzem verurteilte ihn ein Moskauer Gericht zu 15 Tagen Arrest, weil er Werbung für eine nicht genehmigte Demonstration verteilt hatte.
Der frühere russische Ministerpräsident (2000-2004) ist ebenfalls ein entschiedener Gegner von Präsident Wladimir Putin. Ende 2010 gehörte der 57-Jährige zusammen mit Nemzow zu den Gründern der oppositionellen Partei der Volksfreiheit (Parnas), die im Sommer 2012 mit der Republikanischen Partei Russlands zur RPR-Parnas fusionierte.
Der prominente Regierungskritiker wurde im Juli 2014 wegen Anstiftung zu gewaltsamen Massenprotesten gegen Putin zu viereinhalb Jahren Straflager verurteilt. Der Chef der Linken Front steht unter Hausarrest. Er hat mehrere Großdemonstrationen gegen Putin mitorganisiert.
Er ist der Chef der liberalen Oppositionspartei Jabloko. Die prowestliche Kraft hatte bei den Regionalwahlen im September 2014 in Moskau erhebliche Zugewinne, scheiterte aber dennoch.
Der 51 Jahre alte Ex-Schachweltmeister lebt im Ausland. Er befürchtet, wie andere Gegner von Kremlchef Wladimir Putin wegen seiner Teilnahme an Protesten eingesperrt zu werden. Er gilt als treibende Kraft der liberalen Opposition. Sein Internetportal kasparov.ru verbreitet rund um die Uhr kremlkritische Berichte.

Der Lokalpolitiker musste allerdings bald zurückrudern: Schon tags darauf entschuldigte sich der eingeschüchterte Sentschenko für seinen Ausfall. Er habe nicht gewusst, wie groß Kadyrows Autorität in Tschetschenien sei, räumte er ein, nachdem er einen Anruf von einer „sehr ehrenwerten Person“ bekam.

Derweil ging in Tschetschenien die Kampagne erst richtig los: Während Kadyrow die Entschuldigung „großzügig“ akzeptierte und zur Abschreckung und Erniedrigung auf seinem Account veröffentlichte, starteten seine Gefolgsleute den Twitter-Hashtag #KadyrowStolzRusslands. Der tschetschenische Duma-Abgeordnete Schamsail Saralijew forderte Pamfilowa brüsk auf, zur Beruhigung „Baldrian zu trinken“ und sich bei Kadyrow zu entschuldigen, was sie allerdings im Gegensatz zu Sentschenko ablehnte.

Putin spricht...
„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“am 4.3. in einer Pressekonferenz„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.
„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“am 10.09. in einer Pressekonferenz
„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“am 4. 3. in einer Pressekonferenz„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe
„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“am 18. 3. in der Rede an die Nation„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen
„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“am 18.3. in der Rede an die Nation„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“am 18.3. in der Rede an die Nation
„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“am 18.3. in der Rede an die Nation„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“am 18.3. in der Rede an die Nation

Tschetscheniens Parlamentschef Magomed Daudow verglich liberale Oppositionelle, Bürgerrechtler und Journalisten gar mit Straßenkötern und drohte ihnen, sie von Kadyrows Schäferhund „Tarzan“ zerfleischen zu lassen. Vor dem Kreml posierte dann auch noch Kadyrows engster Vertrauter Adam Delimchanow mit elf anderen Tschetschenen und schrie „Russland! Ramsan – die Stütze Russlands Allah Akbar“ in die Kamera. Als Standort für die Aufnahme hatten sich die Tschetschenen ausgerechnet den Ort ausgesucht, wo vor knapp einem Jahr der Kremlkritiker Boris Nemzow erschossen worden war.

Alexej Wenediktow, Chefredakteur bei Echo Moskaus, verbindet die Drohungen Kadyrows und seiner Getreuen daher auch mit den Untersuchungen des Nemzow-Mords. Die Spuren in dem Fall führen nach Tschetschenien in die direkte Umgebung Kadyrows. Bisher hat sich die Führung in Grosny aber lästigen Befragungen widersetzen können.

Auch im neuen Skandal drohen Kadyrow keine Konsequenzen, weshalb er nochmals gegen seine Feinde stichelte: Seine Äußerungen seien keine Drohungen gewesen. Wer sie so verstanden habe, gehöre ins Irrenhaus, er habe noch Gummizellen frei, ätzte er. „Mit Spritzen werden wir nicht geizen. Wo eine Injektion verschrieben ist, können wir zwei verabreichen“, sagte er.

Verwandte Themen
Russland

Der Kreml gab Kadyrow Rückendeckung. Kremlsprecher Dmitri Peskow forderte, die Lage nicht „weiter anzuheizen, sondern das Gesagte in Ruhe durchzulesen“. Putin sei im ständigen Dialog auch mit der Opposition. Wer Kadyrow aufmerksam zuhöre, verstehe, dass der Tschetschenen-Führer mit seiner Kritik diejenigen gemeint habe, die sich „außerhalb des legitimen politischen Feldes aufhalten“ – und diese Personen gefährdeten ja in der Tat die Sicherheit des Landes und dessen Aufblühen.

Damit bestätigte Peskow ein altes Kadyrow-Zitat: „Solange Putin mich unterstützt, kann ich machen, was ich will“, sagte der Tschetschenen-Chef schon vor Jahren.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt