Neue Zentralbankchefin: Eine Ex-Managerin der First Republic Bank muss jetzt die Lira retten
Die Finanzmanagerin ist ehemalige Co-CEO der amerikanischen First Republic Bank und Managing Director bei Goldman Sachs.
Foto: Anadolu Agency/Getty ImagesIstanbul. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat eine Finanzmanagerin aus den Vereinigten Staaten zur Leiterin der türkischen Zentralbank ernannt. Die Nominierung von Hafize Gaye Erkan ist am Freitag im Amtsblatt veröffentlicht worden. Erkan übernimmt das Amt knapp eine Woche, nachdem der Präsident mit einem neuen Kabinett eine Abkehr von der unkonventionellen Finanzpolitik signalisiert hat.
Die ehemalige Co-CEO der First Republic Bank und Managing Director bei Goldman Sachs muss nun nach Jahren der Zinssenkungen und einer anhaltenden Wirtschaftskrise die Finanzpolitik restrukturieren. Als fünfte Zentralbankchefin in vier Jahren löst sie Sahap Kavcioglu ab, der Erdogans Zinssenkungspolitik umsetzte und jetzt zum Leiter der staatlichen Bankenaufsicht BDDK ernannt worden ist.
Die First Republic Bank war kürzlich in eine existenzielle Krise geraten und wurde in einer Rettungsaktion von JP Morgan Chase übernommen. Nun muss die 41-Jährige selbst Verantwortung in einer Rettungsaktion übernehmen. Die türkische Lira eilt derzeit von Rekordtief zu Rekordtief und hat allein in dieser Woche mehr als elf Prozent zum US-Dollar verloren. Am Freitagvormittag (Ortszeit) kostete ein Dollar 23,48 Lira. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren es gut 17 Lira, vor fünf Jahren 4,8 Lira.
Analysten werten Erkans Ernennung als Zeichen einer möglichen Normalisierung der Geldpolitik der Türkei nach Jahren extrem niedriger Kreditkosten. Nick Stadtmiller vom Analysehaus Medley Global Advisors betonte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass ihr Erfolg auch davon abhängen werde, wie viel politische Autonomie sie unter Erdogan genießen werde.
„Die offene Frage ist, ob Erdogan der Zentralbank erlauben wird, die Zinsen ausreichend anzuheben, um die Inflation zu senken.“ Höhere Zinsen würden dazu führen, dass die Lira als Anlagewährung an Attraktivität gewinnen und entsprechend stärker nachgefragt würde.
Hafize Gaye Erkan: Doktorstudium innerhalb eines Jahres
Die Türkei hatte bisher einen vergleichsweise ungewöhnlichen wirtschaftlichen Kurs verfolgt. So senkte die Zentralbank die Zinsen, anstatt sie im Kampf gegen die extrem hohe Teuerung anzuheben. Zuletzt lag die Inflation trotz eines Rückgangs noch bei knapp 40 Prozent. In der Spitze wurden im vergangenen Jahr bis zu 85 Prozent markiert.
Erdogan bezeichnet sich jedoch selbst als „Zinsfeind“. Mit billigem Geld will er die Wirtschaft anschieben. Als Folge wertete die Lira drastisch ab. Gleichzeitig stützte Erdogan die Landeswährung, indem er staatliche Dollar-Reserven verkaufte und damit Lira kaufte.
Bei gleichzeitig steigenden Löhnen und Gehältern stieg so die Kaufkraft der Türkinnen und Türken im Ausland an. Die Folge: Viele Menschen und Firmen kauften Importgüter. Dadurch stieg das Handelsdefizit des Landes sprunghaft an. Experten warnten, die Wirtschaft steuere bei einer Fortsetzung der derzeitigen Politik auf Turbulenzen zu, da ihre Devisenreserven bald erschöpft sind.
Der neue Finanzminister Mehmet Simsek kündigte an, zu einer rationalen Geldpolitik zurückzukehren. Dafür reichen laut Tatha Ghose von der Commerzbank eine neue Zentralbankgouverneurin sowie „ein paar kleine Zinserhöhungen und eine Abkehr von (weichen) Kapitalkontrollen nicht“. Ghose meint: „Derartige Maßnahmen werden nur dem Schaden Einhalt gebieten, der in den letzten Jahren tagtäglich verursacht wurde.“
Die neue Zentralbankchefin steht vor einer schwierigen Aufgabe. Erkan hat jedoch einen beispiellosen Lebenslauf vorzuweisen. In ihrer Heimat Istanbul absolvierte die Tochter eines Ingenieurs und einer Mathelehrerin das renommierte Gymnasium Istanbul Erkek Lisesi als Zweitbeste ihres Jahrgangs. Das Studium in Industrial Engineering an der türkischen Elite-Uni Bogazici schloss sie als Beste ab.
Der türkische Präsident hatte zuletzt eine eher ungewöhnliche Geldpolitik favorisiert.
Foto: ReutersEin Doktorstudium an der US-Universität Princeton, das normalerweise zwei Jahre dauert, absolvierte sie innerhalb eines Jahres – und war damit die erste in der 276-jährigen Geschichte der Hochschule. Anschließend wurde sie zur jüngsten Professorin der USA ernannt.
Erkan äußert sich nur zur Weltkonjunktur
Nach Forschungsaufenthalten in Stanford und Harvard arbeitete sie neun Jahre bei Goldman Sachs, bevor sie 2014 als Investmentchefin zur Bank First Republic wechselte. Dort verzehnfachte sie den Wert der von der Bank verwalteten Fonds und war die einzige Frau unter 40 Jahren, die eine der 100 größeren Banken der USA leitete. Im Mai dieses Jahres wurde die Bank durch den US-Einlagensicherungsfonds übernommen und in der dritten großen Bankinsolvenz des Jahres an JP Morgan verkauft.
Experten warnen, dass die türkische Wirtschaft bei einer Fortsetzung der derzeitigen Politik auf Turbulenzen zusteuert.
Foto: APWas auffällt: Erkan schreibt regelmäßig Gastbeiträge in der türkischen Wirtschaftszeitung Dünya. Darin äußerte sie sich nie zur türkischen Wirtschaft, wohl aber zu ihren Ansichten der Weltwirtschaft. In ihrem jüngsten Beitrag vom 31. Mai macht sie negative Realzinsen, also die Differenz zwischen Inflation und Leitzinsen, für „weltweite makroökonomische Herausforderungen“ verantwortlich.
Zusammen mit geopolitischen Entwicklungen wie dem Ukrainekrieg und den hohen Energiepreisen führe dies „zu einer Verschiebung des Machtgleichgewichts von den Nutzern hin zu den Kapitalgebern“. Angesichts der Strategie einiger Schwellenländer wie Russland und jüngst Indonesien, bei ihren Importen und Exporten auf den Dollar weitestgehend zu verzichten, sieht Erkan eine „Beschleunigung der De-Dollarisierung“.
Mit Agenturmaterial.