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TürkeiZweikampf im Präsidialamt: Was hinter dem Rücktritt des türkischen Finanzministers steckt

Der Erdogan-Schwiegersohn Berat Albayrak will zurücktreten. Auslöser ist offenbar ein handfester Streit mit dem künftigen Notenbankchef, berichten Insider.Ozan Demircan 09.11.2020 - 21:30 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Schweißtreibender Auftritt: Als Finanzminister der Türkei machte Erdogans Schwiegersohn keine glückliche Figur.

Foto: AP

Istanbul. Der türkische Finanzminister und Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seinen Rücktritt angekündigt. Er trete aus gesundheitlichen Gründen zurück und werde mehr Zeit mit der Familie verbringen, teilte der 42-jährige Berat Albayrak am Sonntag auf der Plattform Instagram mit. Der Rücktritt wurde vom Finanzministerium bestätigt und von Staatschef Erdogan angenommen. Neuer Finanzminister wird der ehemalige stellvertretende Ministerpräsident Lütfi Elvan, wie in der Nacht zu Dienstag mitgeteilt wurde.

Hintergrund des Rücktritts ist nach Handelsblatt-Informationen eine Auseinandersetzung zwischen Albayrak und dem neuen Notenbankchef Naci Agbal. Das berichten verschiedene Quellen aus dem Präsidialamt und dem Umfeld der türkischen Regierung. Demnach habe Albayrak endgültig einen Machtkampf verloren, in dem er zum Schluss sogar handgreiflich geworden sein soll. Albayrak selbst äußert sich nicht zu den Augenzeugenberichten. Auch sein Sprecher ist seit Sonntagabend nicht mehr erreichbar.

Der Streit soll bereits gut eine Woche vor dem Rücktrittsgesuch Albayraks begonnen haben, berichten Zeugen und Vertraute übereinstimmend. Zu diesem Zeitpunkt war Naci Agbal noch nicht der neue Notenbankchef, sondern im Präsidialamt für Budgetfragen verantwortlich.

Insidern zufolge hatte Präsident Erdogan Agbal in sein Büro beordert, um sich zur Lage der Wirtschaft informieren zu lassen. Erdogan vertraut dem 52-jährigen Agbal. Er ist langjähriges AKP-Mitglied, startete seine Karriere aber im Finanzministerium. Er gilt als einer der wenigen Bürokraten, die nicht bloß wegen ihrer persönlichen Verbindung zu Erdogan aufgestiegen sind.

Der Druck auf Erdogan wächst, weil die Lira seit Jahresbeginn mehr als ein Drittel abgewertet hat. Mit dem Wert der türkischen Landeswährung schwindet in der Türkei auch das Kapital der politischen Führung. Erdogan weiß, dass er etwas unternehmen muss. Bei dem Treffen mit Agbal soll dieser ihm ein schonungsloses Bild vermittelt haben. Nicht eingeladen zu dem Treffen war Erdogans Schwiegersohn, Finanzminister Berat Albayrak.

Die Fehler des Finanzministers

Als die Lira in diesem Sommer immer weiter abrutschte, hatte Albayrak wenig geschickt gehandelt. Er befahl dem damaligen Zentralbank-Gouverneur Murat Uysal, mit den Devisenreserven der Zentralbank den Verfall der Lira aufzuhalten. Mit Dutzenden Milliarden Dollar versuchte die Notenbank, sich gegen den sinkenden Lira-Kurs zu stemmen. Ohne Erfolg: Die Reserven sanken um mehr als die Hälfte, die Lira verlor trotzdem weiter an Wert.

In einem Interview erklärte Albayrak, der Währungsverlust spiele für türkische Bürgerinnen und Bürger keine Rolle. Dabei leiden viele Menschen in der Türkei unter den Folgen der wachsenden Inflation.

In dem Briefing mit Erdogan soll Agbal darauf hingewiesen haben, dass die Reserven der Notenbank durch die Intervention empfindlich geschrumpft seien. Während Agbal dem Präsidenten die Folgen der teuren Rettungsaktion erklärt, ruft Erdogan seinen Schwiegersohn an und bittet um Informationen.

Albayrak bietet an, direkt ins Präsidialamt zu kommen. Erdogan lehnt dies mit dem Verweis ab, dass Agbal derzeit noch in Erdogans Büro sitze. Man wolle zu zweit bleiben. Doch Albayrak beschließt Insidern zufolge noch im selben Moment, vom Finanzministerium in das sechs Kilometer entfernte Präsidialamt zu fahren.

Der 42-jährige Finanzminister erreicht den Präsidentenflur offenbar erst, als das Treffen zwischen Erdogan und seinem langjährigen Vertrauten beendet ist. Er trifft den 52-jährigen Agbal im Vorzimmer und beschimpft ihn vor versammelter Mannschaft, berichten Insider. Albayrak sei dabei sogar handgreiflich geworden: „Die Wachleute des Präsidenten mussten eingreifen, damit sich das Handgemenge nicht ausbreitete.“

Erdogan erteilt Treffen erneut eine Absage

Als Staatschef Erdogan mitbekommt, was sich vor seinem Büro abspielt, erteilt er seinem Schwiegersohn erneut eine Absage für ein Treffen. Finanzminister Albayrak verlässt den Komplex, „wütend, traurig und verzweifelt“, wie Zeugen berichten. Auf dem Rückweg ins Ministerium ruft Albayrak seinen Vater Sadik Albayrak an, der eng mit dem Präsidenten befreundet ist.

Wenige Tage später, am vergangenen Samstag, wird Naci Agbal zum Gouverneur der Zentralbank ernannt. Die türkische Zentralbank ist rechtlich dem Finanzministerium untergeordnet, fällt also in den Verantwortungsbereich von Berat Albayrak. Trotzdem sei dieser nicht konsultiert worden, bevor der alte Notenbank-Gouverneur Murat Uysal entlassen worden war. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, erzählt ein Insider dem Handelsblatt.

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Albayrak soll kurz nach Agbals Ernennung zum Notenbankchef erneut seinen Vater angerufen haben, heißt es weiter. Albayrak Junior wollte demnach die Zustimmung seines Vaters für den Rücktritt erhalten. Sadik Albayrak habe aber gefordert, dass sein Sohn zunächst selbst mit Erdogan über die Angelegenheit spricht. Doch in dessen Vorzimmer wird er nicht zu Erdogan durchgestellt. Daraufhin habe Sadik Albayrak seinem Sohn die Erlaubnis erteilt zurückzutreten.

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