Ukraine: Die zweigeteilte Front
Berlin. Für die russische Luftwaffe war die vergangene Woche ein Desaster. Nachdem die Ukraine bereits ein halbes Dutzend Kampfflugzeuge abgeschossen hatte, verlor Russland ein Aufklärungsflugzeug vom Typ A-50. Der Absturz in der Region Krasnodar sorgte selbst unter den kremlnahen Militärbloggern für großen Unmut, hat Russland doch nur wenige der Flugzeuge.
Laut Insidern verfügten Russlands Streitkräfte bei Kriegsbeginn über nicht mehr als zwölf A-50, von denen Russland bereits im Januar einen Flieger verloren hat. Mehr noch als die Stückkosten von rund 300 Millionen Euro schmerze der Verlust der Mannschaft, kommentieren mehrere Blogger auf dem Messengerdienst Telegram.
Anders als viele Soldaten in den Schützengräben sind sie hochausgebildete Spezialisten, die Russland braucht, um die Bewegungen der ukrainischen Truppen auszukundschaften. Leicht ersetzen lassen sich diese Spezialisten nicht.
Wie der Aufklärer abgeschossen wurde, ist nicht final geklärt. Denkbar ist neben der Ukraine auch ein Beschuss durch die eigene Flugabwehr, wie einige der Blogger vermuten. An deren Worten wird nicht nur der Zweifel an der Leistungsfähigkeit der eigenen Streitkräfte deutlich, sondern es ist auch ein Fingerzeig darauf, wer die Hoheit über das Schwarze Meer hat: Es sind die Soldaten der Ukraine.
Am Absturz des Aufklärungsflugzeugs zeigt sich zwei Jahre nach dem Überfall Russlands auf sein Nachbarland eine Zweiteilung des Kriegsgeschehens. Im Süden bestimmt die Ukraine die Entwicklung, indem sie in der Luft und auf dem Wasser mit Drohnen und einer überlegenen Luftabwehr den Gegner unter Kontrolle hält. Im Osten drückt Russland die ukrainischen Streitkräfte zurück, da ihnen Munition und eine wirkvolle Luftabwehr fehlt.
Selenski: Bisher 31.000 Soldaten gefallen
In einer Diskussion bei der Konrad-Adenauer-Stiftung verwies der Verteidigungsexperte Nico Lange kürzlich darauf, dass die militärische Lage der Ukraine mit dem Verlust der Ortschaft Awdijiwka zwar schwierig geworden sein. „Aber sie ist nicht so schwierig, wie sie öffentlich dargestellt wird“.
So sei es richtig, dass die Ukraine ihre Streitkräfte zurückziehe, um diese zu schonen. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs 31.000 ukrainische Soldaten getötet worden. Das sagte Selenski am Sonntag bei einer Pressekonferenz und nannte damit das erste Mal seit zwei Jahren offizielle Opferzahlen.
Zuletzt hatte Russland seine Kräfte in der Region Donezk zusammengezogen und seine Gegner mit intensivem Beschuss massiv unter Druck gesetzt. Bis zu 40.000 Granaten täglich seien auf die Stellungen der Verteidiger abgefeuert worden, berichtete ein Vertreter der ukrainischen Regierung.
Den Streitkräften Kiews’ hingegen geht die Munition aus, weil Lieferungen aus dem Ausland fehlen. Rüstungsfirmen in Deutschland und anderen europäischen Ländern fahren derzeit die Produktion von Artilleriegranaten hoch, die allerdings erst ab dem kommenden Jahr in einem ausreichenden Umfang der Ukraine zur Verfügung gestellt werden können.
Der Mangel an Munition
In dem Stellungskrieg, wie er im Osten des Landes tobt, ist die Ukraine damit klar im Nachteil. Zudem fehlt es an Mitteln, um die russische Luftüberlegenheit einzudämmen. Bisher können die russischen Kampfflugzeuge und Hubschrauber nahezu ungestört ihre Raketen auf die Stellungen der Ukrainer abfeuern.
Da die Ukraine nicht ausreichend Munition für ihre Luftverteidigung hat, so führte der Militärexperte Gustav Gressel bei der Diskussion bei der Konrad-Adenauer-Stiftung aus, brauche sie Kampfflugzeuge aus dem Westen. Mit diesen könnte die russische Luftwaffe auf Distanz zur Front gehalten werden, da sie sonst abgeschossen werden könnten.
Die ersten Kampfflugzeuge vom Typ F-16 sind in diesen Tagen wohl an die Ukraine geliefert worden, wie aus Bildern hervorgeht, die auf sozialen Medien verbreitet werden. Diese aus US-Produktion stammenden Flieger sind zwar nicht auf dem neusten Stand der Technik, allerdings stellen sie mit ihrer Bewaffnung eine ernst zu nehmende Gefahr für die russischen Bomber dar. „Wenn denn die Piloten für die 15 bis 20 Maschinen entsprechend gut ausgebildet wurden“, sagte ein Militärexperte aus der Ukraine. Nach bisherigen Angaben soll die F-16 ab Juni zum Einsatz kommen.
Den Russen bleibt also Zeit, im Osten ihre Offensive fortzusetzen. Allerdings zu einem hohen Preis: Bevor die Ukraine die Stadt Awdijiwka nach monatelangen Kämpfen geräumt hat, verloren die Russen 20.000 oder mehr Soldaten und über 1000 gepanzerte Fahrzeuge. Die Verlustrate soll bei eins zu sieben zuungunsten der Russen liegen. Einige Quellen schätzen den Wert sogar auf eins zu zehn.
Bis die Luftstreitkräfte gestärkt und der Mangel an Munition beseitigt ist, werden sich die Verteidiger im Osten Stück für Stück zurückziehen müssen. „Die Ukraine muss Land für Zeit tauschen“, sagte Experte Lange. Der kürzlich neu berufene Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj wird also zunächst in der Defensive bleiben müssen.
Moralische Stütze für die Ukraine
Für die Moral in der Ukraine ist der Absturz des russischen Aufklärers nahe Krasnodar daher wichtig. Der Verlust der A-50 ist mehr als ein Nadelstich. Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten etliche hochwertige Ziele vernichten können.
So meldete der ukrainische Geheimdienst vor einigen Tagen die Versenkung des Landungsschiffs „Caesar Kunikow“. Für die russische Marine war das ein weiterer Tiefschlag, hatte sie doch schon einige große Marineeinheiten im Kriegsverlauf verloren – gegen ein Land, das nicht einmal mehr eine Marine hat.
Möglich wurde die Zerstörung durch den Einsatz von schwimmenden Drohnen, die vom Typ „Matura V5“ sein sollen. Dabei handelt es sich um kleine mit Sprengstoff beladene Boote, die über Funk zu ihrem Ziel geführt werden. Bei der „Caesar Kunikow“ kamen nach Angaben ukrainischer Experten sechs dieser Drohnen zum Einsatz.
Der Angriff folgte einem Muster, das zunehmend zur Anwendung kommt, wie der ukrainische Militärexperte Ivan Stupak dem Handelsblatt sagte. „Wir setzen auf die Wolfsrudeltaktik, die von Deutschland im Zweiten Weltkrieg auf See eingesetzt wurde.“ Statt U-Booten kommen nun „Drohnen-Schwärme“ zum Einsatz.
Dieser Taktik hätten die Russen im Moment nichts entgegenzusetzen. Inzwischen hat die Ukraine dieses Vorgehen auch auf luftgestützte Drohnen übertragen. Gesteuert von einer höher fliegenden Mutterdrohne greifen mit Sprengstoff bestückte Drohen in Schwärmen russische Stellungen an, wie russische Soldaten auf Telegram berichtet haben.
Vor dem Angriff auf die „Caesar Kunikow“ hat das ukrainische Militär die Seedrohnen um das Schiff herumplatziert und dieses dann koordiniert angegriffen. Die Besatzung, sie ist auf vom Geheimdienst veröffentlichtem Filmmaterial zu sehen, wurde vom Angriff überrascht. Erleichtert wurde dieser Überfall auf dem offenen Meer dadurch, dass die Ukraine die Radarsysteme der Russen auf der Krim und auf dem Schwarzen Meer ausgeschaltet hat.
Schwarzes Meer ist unter Kontrolle der Ukraine
Gerade die militärischen Einrichtungen auf der Krim sind in den vergangenen Monaten immer wieder Ziel von ukrainischen Angriffen geworden. Die Bekämpfung der Aufklärungsflugzeuge A-50 ist Teil dieser Strategie.
Da die Russen die Hoheit über das Meer verloren haben, müssen sie ihre Marineeinheiten in die weit von der Ukraine entfernten Häfen zurückbeordern. Aber auch dort wurden sie schon von Seedrohnen attackiert – zum Teil erfolgreich.
Den Erfolg der Ukraine verfolgen westliche Militärs mit großem Interesse. Über die Drohnen könne die Munition zielgerichteter an den Bestimmungsort geführt werden, sagte ein Beobachter aus dem deutschen Sicherheitsapparat. „Insgesamt lässt sich so der Einsatz von Munition optimieren, was in der aktuellen Lage sehr helfen würde.“