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Ukraine-KriegBis zu zehn Millionen Flüchtlinge? „Es müsste eine Luftbrücke geben – ähnlich wie 1948“

Der Migrationsforscher Gerald Knaus erklärt, wie Europa mit der historischen Fluchtbewegung umgehen kann. Ein humanitäres Chaos müsse verhindert werden, warnt er im Interview.Maria Fiedler 17.03.2022 - 10:57 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

„Die Entscheidung, die Massenzustromrichtlinie zu aktivieren, ist historisch.“

Foto: IMAGO/Reichwein

Herr Knaus, Sie prognostizieren, dass etwa zehn Millionen Menschen aus der Ukraine fliehen könnten. Was würde das für Europa bedeuten?
Wir erleben die größte humanitäre Krise in der Geschichte Europas seit dem zweiten Weltkrieg. Das ist mit keiner Fluchtbewegung der vergangenen Jahrzehnte vergleichbar. In den 90er Jahren sind im Bosnienkrieg eine Million Menschen geflohen. 2015 und 2016 sind innerhalb von zwölf Monaten eine Million Menschen aus der Türkei nach Griechenland gekommen.

Jetzt sind innerhalb von nur zwei Wochen 2,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen – und es ist kein Ende in Sicht. Man muss die Antwort darauf sehr gut organisieren, um das zu bewältigen. Sonst geht ein zynischer Plan Putins in Erfüllung.

Welcher ist das?
Das Kalkül, Europas Demokratien durch diese Fluchtbewegung zu destabilisieren. 2021 hat der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko die EU unter Druck gesetzt, indem er gezielt Menschen etwa aus dem Irak an die polnische Grenze schleusen ließ. Und Putin wendet nun in der Ukraine die Strategie seines Verbündeten, dem syrischen Machthaber Assad, an.

Assad hat in Syrien Städte vor ihrer Eroberung dem Erdboden gleichgemacht. Ein Viertel der Bevölkerung Syriens ist so ins Ausland geflohen, ein weiteres Viertel im Land vertrieben. In der Ukraine wären das zehn Millionen Flüchtlinge. Darauf müssen wir uns sofort vorbereiten.

Welche Fehler aus den Jahren 2015 und 2016 muss die EU jetzt vermeiden, wenn sie diese Herausforderung bewältigen will?
Die Entscheidung, die Massenzustromrichtlinie zu aktivieren, ist historisch. Das verändert alles. 2015/2016 hatte Deutschland stark darauf gedrängt, der EU das deutsche Quotenmodell überzustülpen. Das hat nicht funktioniert. Mit der Massenzustromrichtlinie können jetzt Geflüchtete flexibel überall in der EU aufgenommen werden und bekommen vor Ort überall in der EU einen Aufenthaltstitel, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen. Darauf muss man jetzt aber sehr schnell aufbauen. Denn eine ukrainische Mutter, die in der Republik Moldau Schutz gesucht hat, kann sich nicht auf eigene Faust auf den Weg nach Portugal machen.

Gerald Knaus ist Migrationsforscher und Vorsitzender des Thinktanks European Stability Initiative (ESI). Er gilt als Architekt des EU-Flüchtlingsabkommens mit der Türkei.

Foto: imago images/Future Image

Das Problem scheint in der Tat die Verteilung zu sein. Polen hat schon über eine Million Flüchtlinge aufgenommen, Städte wie Berlin kommen an ihre Grenzen.
Wir brauchen jetzt sofort ein politisches Team aus charismatischen Politikern und Logistikern. Politiker, die bei Staaten, Regionen und Städten in ganz Europa anrufen und fragen: Wer ist aufnahmebereit? Logistiker, die sich dann darum kümmern, dass diese Menschen nach Lissabon, Valencia, Dublin oder Helsinki geflogen werden. Es müsste dafür eine Luftbrücke geben – ähnlich wie 1948, als die Alliierten das abgeschnittene West-Berlin versorgten und so den Erpressungsversuch der Sowjetunion scheitern ließen. Und ein Ziel, bis Ende März mindestens eine Million Menschen durch Flüge zu verteilen. In zwei Wochen. Es wäre die größte logistisch-humanitäre Operation in der EU seit ihrem Bestehen.

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Wie genau stellen Sie sich so eine Luft- oder Zugbrücke im Jahr 2022 vor?
Das wichtigste Instrument ist eine öffentliche Liste, auf der eingetragen wird wie viele zehntausend Menschen konkret in welchen Städten, Regionen oder Staaten aufgenommen werden können. Dann braucht es Sonderzüge und Flüge. Spanien und Portugal müssten etwa zusammen bis Ende März mindesten 140.000 Menschen einfliegen, Frankreich mindestens 160.000, damit es klappt.

Das, was bereits passiert, reicht dann aber sicherlich nicht aus.
Es gibt erste zarte Signale. Dass die Bundesinnenministerin sagt, dass Deutschland geflüchtete Menschen aufnimmt, die sich in Moldau befinden. Oder dass Österreich sagt: Wir holen Leute. Aber es ist alles noch sehr viel zu klein gedacht. Es geht nicht um ein paar tausend Menschen. Es geht um hunderttausende. Moldau ist das ärmste Land Europas und hat schon heute mehr Menschen aufgenommen als Schweden während der Flüchtlingskrise 2015. Es muss verhindert werden, dass in Moldau oder Rumänien bald Geflüchtete auf der Straße schlafen. Es werden auch in den nächsten Tagen Menschen in unglaublich großer Zahl nach Berlin drängen. Aber wenn nicht parallel dazu in den nächsten zwei Wochen auch eine Million Menschen ausgeflogen werden, kommt es zu einem humanitären Chaos.

Befürchten Sie, dass das auch die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Aufnahme von ukrainischen Geflüchteten untergraben könnte?
Es gibt sehr viel Empathie. Frauen und Kinder fliehen vor Bomben, Hunger und Tod. Aber nun müssen staatliche Institutionen aktiver werden. Dazu braucht es neben der privaten Aufnahme noch sehr viel mehr Kooperation zwischen ehrenamtlichen Helfern und staatlichen Institutionen.

Genau diese Kooperation hat nicht von Anfang an funktioniert. So beklagten sich etwa Ehrenamtliche in Berlin über fehlende staatliche Koordination.
Ohne ehrenamtliche Helfer wird es nirgendwo in Europa möglich sein, diese Aufgabe zu bewältigen. Aber die Ehrenamtlichen müssen von Staaten und Städten unterstützt werden. Es ist kein Versagen des Staates, wenn man feststellt, dass diese Krise nur durch private Beteiligung gelöst werden kann. Aber ohne historische Mobilisierung von Verwaltungen wird es auch nicht gehen.

Wie verhindert man, dass die Stimmung irgendwann kippt und die Empathie verloren geht?
Man muss klar erklären, wie schwierig es werden wird. Und man muss viel kommunizieren. Empathie wächst mit Geschichten. Wenn Menschen hören, dass in einer Stadt wie München 800 Menschen pro Tag bei Privatleuten untergebracht werden dann inspiriert das, auch selbst zu helfen. Doch damit Geschichten ein Ansporn sein können, muss man sie erzählen.

Für manche Menschen hat die enorme Hilfsbereitschaft gegenüber den Ukrainern einen schalen Beigeschmack, weil gegenüber Geflüchteten aus dem Nahen Osten oder Afrika nicht die gleiche Empathie da ist. Können Sie das nachvollziehen?
Wir sehen jetzt Millionen Menschen, die vor drei Wochen eine Wohnung, einen Job und ein Leben in ihrer Heimat hatten, auf der Flucht. Helfen wir ihnen oder führen wir abstrakte Debatten? Es sind unsere Nachbarn, sie können nur zu uns fliehen. Die Empathie ist zum Glück groß, und doch könnten wir scheitern. Das aber wäre für jeden zukünftigen Flüchtlingsschutz eine Katastrophe. Es muss gelingen.

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Städte wie Berlin kommen bei der Menge an Flüchtlingen an ihre Grenzen. Laut Migrationsforscher Gerald Knaus müsse eine Luftbrücke eingerichtet werden.

Foto: IMAGO/Jens Schicke

Rechnen Sie damit, dass die Menschen, die aus der Ukraine in die EU fliehen, auf längere Zeit hier bleiben werden?
Das hängt vom Verlauf dieses Krieges ab. Derzeit sehen wir geteilte Familien: Frauen und Kinder fliehen, die Männer bleiben, um dafür kämpfen, dass irgendwann alle zurückkehren können. Wenn aber Putin die Ukraine unterwirft oder auf ihrem Territorium weitere terroristische Volksrepubliken ausruft, dann werden auch viele Männer gehen müssen. Jetzt aber geht es darum, temporär Leute aufzunehmen, dafür zu sorgen, dass möglichst viele in die Schule gehen oder arbeiten können. Um zumindest diesen Teil der ukrainischen Tragödie etwas zu mildern.
Dieses Interview ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

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