Ukraine-Krieg: Chef der Atomenergiebehörde alarmiert UN-Sicherheitsrat
Lage sehr besorgniserregend: Bei einer Untersuchung sind Schäden nahe der insgesamt sechs Reaktoren, sowie der Lagerstätten von nuklearem Abfall festgestellt worden.
Foto: dpaKiew, Wien. „Wir spielen mit dem Feuer und etwas sehr, sehr Katastrophales könnte passieren“, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi am Dienstag vor dem UN-Sicherheitsrat in New York. Der Beschuss des ukrainischen Atomkraftwerks sei extrem gefährlich. Militärfahrzeuge in den Gebäuden der Anlage müssten entfernt werden, sagte Grossi weiter. Auch die externe Stromversorgung der Reaktoren müsse sichergestellt werden, um unter anderem die Kühlung des Atomkraftwerks zu gewährleisten.
Unterdessen hat UN-Generalsekretär António Guterres die Kriegsparteien Russland und Ukraine aufgefordert, sich auf eine Sicherheitszone um das gefährdete AKW zu einigen. „Russische und ukrainische Streitkräfte müssen sich verpflichten, keine militärischen Aktivitäten in Richtung des Werksgeländes oder vom Werksgelände aus durchzuführen“, sagte Guterres vor dem UN-Sicherheitsrat.
Russische Streitkräfte halten das ukrainische AKW besetzt. Kiew und Moskau machen sich gegenseitig für den Beschuss der Anlage verantwortlich. Die UN warnen seit Monaten vor einer atomaren Katastrophe.
Die Internationale Atomenergiebehörde äußert in ihrem Bericht über den Zustand des umkämpften Atomkraftwerks Saporischschja die Sorge vor einem drohenden nuklearen Unfall. Erforderlich seien sofortige Maßnahmen, um dies zu verhindern, inklusive einer unmittelbar einzurichtenden Sicherheitszone um das Kraftwerk, heißt es in dem am Dienstag in Wien veröffentlichten Bericht der UN-Behörde.
Der Bericht fasst die Erkenntnisse des Besuchs von IAEA-Experten in Europas größtem AKW vergangene Woche zusammen. Die IAEA stehe jederzeit bereit, um eine Sicherheitszone einzurichten. Die Situation an dem Kraftwerk sei sehr besorgniserregend.
Es seien bei der Untersuchung auch Schäden nahe der insgesamt sechs Reaktoren sowie der Lagerstätten von nuklearem Abfall festgestellt worden, heißt es in dem Bericht weiter. Es seien zwar bereits einige Arbeiten ausgeführt worden, um die Schäden zu beheben, diese seien aber noch nicht abgeschlossen.
Die IAEA-Inspektoren hätten bei ihrem Besuch in dem AKW die Präsenz russischen Militärpersonals sowie Fahrzeuge und Ausrüstung der Streitkräfte festgestellt. Die von russischen Soldaten überwachten ukrainischen Techniker des Kraftwerks seien großem Stress ausgesetzt, zudem bestehe Personalmangel. „Das ist nicht nachhaltig und könnte zunehmend zu menschlichem Versagen führen mit Auswirkungen für die nukleare Sicherheit.“ Zwei Inspekteure der IAEA befinden sich nach wie vor in dem AKW.
Notstromleitung zum AKW Saporischschja musste gekappt werden
Der Beschuss des AKW-Geländes setzte sich unterdessen fort. Laut IAEA musste die Notstromleitung gekappt werden, um ein Feuer zu löschen. Der ukrainische Präsidenten Wolodimir Selenski sagte in seiner nächtlichen Videobotschaft, das seit März von russischen Truppen besetzte AKW stehe wegen der erneuten Unterbrechung der Stromzufuhr zum zweiten Mal „nur einen Schritt von einer Strahlenkatastrophe entfernt“. Russischer Beschuss sei dafür verantwortlich. „Der Beschuss des Kraftwerks zeigt, dass sich der terroristische Staat nicht darum kümmert, was die IAEA sagen wird und was die internationale Gemeinschaft entscheiden wird“, sagte Selenski.
Russland machte dagegen erneut die Ukraine für den Beschuss verantwortlich. Die ukrainischen Streitkräfte hätten binnen 24 Stunden 20 Artilleriegeschosse auf die Stadt Enerhodar und die Gegend um das dort gelegene AKW Saporischschja abgefeuert. Drei davon seien auf dem AKW-Gelände eingeschlagen, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Ein Geschoss sei neben Block 2 explodiert. Die Strahlung an Europas größtem Kernkraftwerk sei aber normal. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben beider Seiten nicht.
Im Kriegsgeschehen treibt die Ukraine nach eigenen Angaben ihre Offensive im Süden und Osten des Landes voran. In dem Ort Wyssokopillja in der südukrainischen Provinz Cherson hissten ukrainische Truppen die blau-gelbe Flagge des Landes, wie auf einem online veröffentlichten Foto zu sehen war. Die Ukraine hole sich Schritt für Schritt ihre Gebiete zurück, sagte Präsident Selenski in einem Interview mit ABC News. „Es ist nur eine Frage der Zeit.“
In der Region Cherson im Süden des Landes seien vier russische Munitionsdepots zerstört worden, teilte das Südkommando der ukrainischen Streitkräfte mit. Auch würden Brücken über den Dnjepr unter Beschuss genommen. Die Angaben zum Kampfgeschehen lassen sich nicht unabhängig überprüfen.