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„Vision 2030“ Ein Emirat in der Klemme – Was den Wandel Katars bremst

Fußball-WM und Wirtschaftsreformen: Der Golfstaat Katar will sich modernisieren. Doch das Land leidet unter den Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Ein Report.
29.01.2020 - 09:27 Uhr Kommentieren
Ein Treffen zwischen Irans Präsident Hassan Ruhani (l.) und dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al-Thani (2. v. l.), soll die Situation zwischen den Staaten entschärfen. Quelle: AFP
Entspannungsversuche

Ein Treffen zwischen Irans Präsident Hassan Ruhani (l.) und dem Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al-Thani (2. v. l.), soll die Situation zwischen den Staaten entschärfen.

(Foto: AFP)

Doha Die Türen glitzern spiegelblank, die Waggons sind in Weiß verkleidet, der Boden aus hellem Holzimitat. Die neue U-Bahn rast unter der katarischen Hauptstadt Doha. Das Netzwerk der U-Bahn ist groß, die Maschinen des deutschen Mittelständlers Herrenknecht bohrten in Rekordzeit 111 Kilometer Tunnel in die Wüste.

An der Station West Bay Central in der Metropole Doha steigen gleich mehrere Männer, in die traditionell weißen arabischen Dischdascha-Gewänder gekleidet, in den Zug. Frauen und Familien haben einen eigenen Waggon.

In Katar stoßen Welten aufeinander, arabische Tradition trifft deutsche Technik. Die U-Bahn ist ein Prestigeprojekt der „Qatar Vision 2030“, des Plans für einen runderneuerten Staat. Dazu gehören auch die Fußballweltmeisterschaft 2022 oder etwa Reformen der Rechte von ausländischen Arbeitskräften.

„Wir sind ein reiches Land, da können wir doch nicht Druck auf Arbeiter machen“, sagt Katars neuer Botschafter in Berlin, Mohammed Jaham Al Kuwari. Katar will der Welt zeigen: Das Land ist modern, sicher und vertrauenswürdig. Es baut seine Wirtschaft um, will sie mithilfe von ausländischen Investoren diversifizieren und modernisieren. Das Land ist der weltweit größte Anbieter von verflüssigtem Erdgas (LNG).

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    Doch die Umsetzung von Reformen geht schleppend voran. Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran machen dem Wüstenstaat das Leben schwer. Katar ist in der Region isoliert, nachdem vor zwei Jahren Saudi-Arabien, die Emirate, Bahrein und Ägypten ein Embargo gegen das Land verhängt hatten.

    Kern des Konflikts zwischen den Staaten, die durch die islamische Glaubensrichtung der Sunniten eigentlich eng verbunden sein müssten: die guten Beziehungen Katars mit dem Iran. Sie werfen dem Golfstaat zudem Terrorfinanzierung und Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten vor, unter anderem durch die Berichterstattung des katarischen Satellitensenders Al Dschasira.

    Die einzige Lösung von dieser Krise ist Deeskalation auf allen Seiten und Dialog. Tamim bin Hamad Al-Thani (Emir von Katar)

    Der US-Raketenschlag auf den iranischen Militärführer Ghassem Soleimani brachte Katar in eine schwierige Situation. Die Drohne, die die Rakete abfeuerte, startete von der US-Militärbasis des Landes. Umgehend eilte der Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al-Thani, nach Teheran, um Spannungen mit dem iranischen Präsidenten Hassan Ruhani abzubauen. Eine Politik der „Deeskalation“ sei „die einzige Lösung“, sagte der Emir.

    Kein Wunder, dass Dohas Führung eine gute Beziehung mit dem mächtigen Nachbarstaat sucht: Man teilt sich das größte Gasfeld der Welt. Die USA und Golfrivalen sehen das kritisch. Das US-Fußballteam sagte zuletzt ein lange verabredetes Trainingslager in Katar ab.

    Wirtschaftlich ist der Wüstenstaat schon seit zwei Jahren abgeklemmt von den Handelswegen über Land. Lebensmittel, Arzneien und andere Produkte musste Katar einfliegen lassen, damit die Versorgung der 2,7 Millionen Einwohner nicht zusammenbricht.

    Mit der Eskalation im Nahen Osten wird die Lage für Katar nicht einfacher. Einige Fluglinien meiden den Luftraum in der Region. Verschiedene Reedereien stellten den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus ein, der maritimen Lebensader von Katar. Zwei Jahre vor der umstrittenen Fußball-WM muss Katar um seine Zukunft bangen.

    Embargo gegen Katar: 40 Milliarden Euro an Subventionen

    Der Streit unter den Golfstaaten ist teuer: Allein in den ersten Monaten des Embargos hatte Katar rund 40 Milliarden Euro an Subventionen – Mittel zur Stabilisierung seiner Landeswährung Rial und zur Bankenrettung – aufbringen müssen, wie Katarer berichten. Mit dem Geld verschaffte sich Emir Tamim vor allem Ruhe. Die Preise für Lebensmittel blieben unverändert. Die Bevölkerung begehrte nicht auf, auf vielen Autos, Geschäften und Hochhäusern prangen Bilder mit dem Antlitz des erst 39-Jährigen.

    Viele internationale Top-Vereine schlagen ihr Wintertrainingslager in Katar auf. Quelle: dpa
    Trainingslager des FC Bayern München in Doha

    Viele internationale Top-Vereine schlagen ihr Wintertrainingslager in Katar auf.

    (Foto: dpa)

    Der seit 2013 herrschende Emir sieht sich sogar im Vorteil durch das Embargo. Bei einem Treffen mit Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil berichtet der Staatschef, dass Katar in den vergangenen beiden Jahren selbstbewusster und unabhängiger geworden sei. Das Land habe einen eigenen Hafen gebaut, neue Logistikverträge geschlossen, den Flughafen ausgebaut und die eigene Fluggesellschaft Qatar Airways aufgerüstet.

    Sozialdemokrat Weil war Anfang Dezember mit einer knapp 40-köpfigen Wirtschaftsdelegation angereist. Der Besuch ergibt Sinn. Das Emirat und Niedersachsen haben einen engen Draht zueinander, beide sind Großaktionäre beim Autobauer Volkswagen. Mit dem Besuch wollte Weil niedersächsischen Unternehmern die Möglichkeit geben, die Handelsbeziehungen auszubauen.

    Die deutschen Unternehmer versprechen sich von dem Besuch große Aufträge. Katar will mit aller Macht wirtschaftlich zur Weltspitze aufschließen. Dazu zieht das Land Autobahnen durch die Wüste und errichtet neue Stadtteile, Industrieparks, Universitäten mit Ablegern international renommierter Fakultäten, Krankenhäuser, Luxusresorts auf künstlich aufgeschütteten Inseln und Nobelhotels sowie Fußballstadien und Farmen. Das Ziel ist nicht nur, die Wirtschaft zu diversifizieren, sondern auch, sich vor allem mit wichtigen Lebensmitteln selbst versorgen zu können.

    Aber es bleibt nüchtern festzuhalten: Insgesamt sind die anderen arabischen Staaten für den Westen wirtschaftlich wichtiger als Katar. Der deutsche Handel mit dem Emirat betrug im ersten Halbjahr 2019 0,9 Milliarden Euro, während der mit Saudi-Arabien drei Milliarden und der mit den VAE 4,4 Milliarden Euro ausmachte.

    Fußballer aus Bahrain (im roten Trikot) und Saudi-Arabien (im weißen Dress) spielen um den Golfpokal im Abdullah-bin-Khalifa-Stadion in Doha. Quelle: Getty Images Sport/Getty Images
    Neues Stadion in Katar

    Fußballer aus Bahrain (im roten Trikot) und Saudi-Arabien (im weißen Dress) spielen um den Golfpokal im Abdullah-bin-Khalifa-Stadion in Doha.

    (Foto: Getty Images Sport/Getty Images)

    Emir Tamim setzt auf die Fußball-WM 2022, um die Isolation zu durchbrechen. Der Start allerdings verlief zunächst holprig. Bei der Vergabe der WM vor neun Jahren sollen, wie auch im Falle Deutschlands und Russlands, Schmiergelder beim Zuschlag geholfen haben. Zudem ist der Wüstenstaat mit Temperaturen von bis zu 50 Grad nicht gerade ein optimaler Austragungsort für Sportwettkämpfe. Wegen der Hitze verlegte der Fußballweltverband Fifa die Austragung auf den Dezember.

    Schmiergelder und Hitze sind nicht die einzigen Probleme. Mit der Fußball-WM ist Katar in den Fokus der Weltöffentlichkeit geraten, was für die Scheichs unerwartete Folgen hatte. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen deckten vor einigen Jahren in dem Land erhebliche Missstände auf.

    Wie in allen arabischen Golfstaaten würden Bauarbeitern und Hausangestellten Löhne vorenthalten, und sie müssten unter unmenschlichen Bedingungen schuften, lauten die Vorwürfe. Etliche Regierungen, auch die deutsche, kritisierten die Missstände.

    Katar musste auf den internationalen Druck reagieren, um nicht das Recht der WM-Austragung zu verlieren. So ließ der Emir vor zwei Jahren den iranisch-stämmigen Kontrolleur Houtan Homayounpour ins Land. Er leitet die ILO-Mission, eine Unterorganisation der Vereinten Nationen (UN), die die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten überwacht.

    Wie Katar die Menschenrechte verbessern will

    Von seinem Büro aus blickt Homayounpour durch eine bodentiefe Glasfront auf die vielen Baukräne von Doha. Es entstehen Hochhäuser, Stadien, Büros. Wer genau hinschaut, sieht in der Ferne Arbeiter, alle mit Helm und leuchtenden Arbeitswesten.

    Der UN-Kontrolleur zieht insgesamt eine positive Bilanz: „Innerhalb von 15 Monaten hat die Regierung weitreichende Verbesserungen beschlossen“, sagt er. Die tägliche Arbeitszeit wurde auf maximal zehn Stunden begrenzt, Arbeiten zur Mittagszeit im Hochsommer wurden untersagt, ein Mindestlohn eingeführt und die staatlichen Kontrolleure können direkt bei ihren Inspektionen prüfen, ob ein Mitarbeiter einen regulären Vertrag hat und ob er auch bezahlt wird.

    Noch weitreichender ist die Abschaffung der Kafalla. Der Begriff steht für das in arabischen Ländern verbreitete System der Bürgschaft, das im ungünstigsten Fall die Angestellten zu Leibeigenen macht. In allen Golfstaaten arbeiten Millionen Gastarbeiter weitgehend ohne Rechte: Sie müssen ihren Pass abgeben und dürfen ihren Arbeitgeber nur mit Genehmigung ihres Chefs wechseln.

    Katar modernisiert sich im Schnelldurchgang. Quelle: Reuters
    Fußballfans mit saudischer Flagge bei einem Spiel um den Golfpokal in Doha

    Katar modernisiert sich im Schnelldurchgang.

    (Foto: Reuters)

    Sie brauchen für ihre Ausreise eine Genehmigung ihres „Sponsors“, also des sie anstellenden Unternehmers. Und viele „Expats“ genannte Arbeitskräfte – wie Bauarbeiter, Taxifahrer, Putzkräfte, Lkw-Fahrer und Fabrikarbeiter – müssen in speziellen Arbeiterwohnheimen leben. Katar schafft das System im Januar ab. „Das ist eine historische Entscheidung“, urteilt Homayounpour.

    Die Gesetze hat der Emir zwar geändert, aber jetzt müssen sie auch angewandt werden. Und da, das muss auch Homayounpour einräumen, gibt es Probleme. Tag und Nacht arbeiten Hunderttausende Menschen auf den Baustellen. Alle können die 270 staatlichen Inspekteure nicht überprüfen.

    Mehrere Insider berichten, dass es noch erhebliche Missstände gebe. „Betroffen sind vor allem Baustellen, die weit draußen in der Wüste liegen“, sagt einer. Auch würden gerade in privaten Haushalten ausländische Arbeitskräfte noch wie Arbeitssklaven behandelt. Daran hätten auch die neuen Gesetze nichts geändert. Zumindest bislang.

    Beobachter Homayounpour ist überzeugt, dass der Emir es ernst meint mit den Reformen. „Das Land will in allen Belangen die Nummer eins werden“, sagt er. Dazu zähle nun eben auch der Schutz ausländischer Arbeitskräfte. Gegenüber den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Saudi-Arabien seien diese in Katar schon heute bessergestellt.

    Auch die Gesellschaft des Golfstaats ist in Bewegung gekommen. Zwar gehören vollverschleierte Frauen zum Stadtbild von Doha. Aber zwei Drittel der Studierenden des Landes sind weiblich. Bei den Ingenieurstudiengängen liege der Anteil über 50 Prozent, gibt Niedersachsens Ministerpräsident Weil nach einem Besuch der Universität von Doha seinen Eindruck weiter. Auch deutsche Manager, die seit Jahrzehnten am Golf leben, berichten von einer gewaltigen Umwälzung. „Katar modernisiert sich im Schnelldurchgang, auch gesellschaftlich“, sagt einer von ihnen.

    Das Stadion soll über 86.000 Plätze bieten und Austragungsort des WM-Finales 2022 sein. Quelle: AFP
    Ein Arbeiter vor dem Lusail Iconic Stadium

    Das Stadion soll über 86.000 Plätze bieten und Austragungsort des WM-Finales 2022 sein.

    (Foto: AFP)

    Nicht jeder Katarer kann sich mit der Veränderung anfreunden. Einige sehen die Modernisierung als Gefahr für das Land. Ohne die Kafalla würden die Löhne steigen, und womöglich wollten die Migranten im Land bleiben, fürchten die Konservativen. Sie treibt wohl vor allem die Furcht um die eigene Macht um: 330.000 Katarer stehen 2,4 Millionen Arbeitsmigranten gegenüber.

    Doch so reformfreudig, dass er an dieser Unwucht etwas ändern wollte, ist auch der Emir als alleiniger Monarch nicht: Wichtige Ämter bleiben ausschließlich den Einheimischen vorbehalten. Sollte einmal die Wahl für das Shura genannte Parlament stattfinden, dürften nur katarische Staatsbürger abstimmen.

    Zaghafte Fortschritte bringt das Mega-Ereignis dagegen im Verhältnis mit den arabischen Nachbarn: Die saudischen Kicker flogen zum „Gulf Cup“ im Dezember per Direktflug in das isolierte Emirat – obwohl die Blockade das eigentlich verbietet. Es ist vielleicht ein erster Schritt aus der Isolation.

    Mehr: Katar will zunächst 800 Megawatt aus Solarenergie beziehen. Laut Energieminister al-Kaabi ist dies allerdings nicht das letzte Projekt.

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