Handelsstreit: Trübe Aussichten für Chinas Industrie
Shanghai. Mitten im Handelskrieg mit den USA trüben sich die Aussichten für die chinesische Industrieproduktion ein. Der offizielle Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe fiel im März stärker als erwartet von 50,5 Punkten im März auf 49 im April, wie das nationale Statistikamt am Mittwoch in Peking mitteilte.
Der Index gilt als wichtiger Indikator für die Industrieproduktion, die Auftragslage der Unternehmen und damit für die gesamte Wirtschaft. Fällt er unter die Marke von 50 Punkten, gelten die Aussichten als problematisch. Auch der Index für das nicht verarbeitende Gewerbe, Dienstleistungen und Bau, schwächte sich ab. Damit rutscht die chinesische Industrie in einen Abschwung.
China und die USA führen derzeit einen aggressiven Handelskrieg. Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump hatte umfassende Zölle von 145 Prozent auf chinesische Importe verhängt und damit die chinesische Exportwirtschaft hart getroffen.
Im Gegenzug erhebt China Zölle von 125 Prozent auf US-Importe. Zudem hat die Volksrepublik strengere Exportkontrollen für seltene Erden angekündigt. Zwar haben sich beide Regierungen zuletzt rhetorisch wieder angenähert, doch die harten Maßnahmen bleiben bestehen.
Experten sprechen sogar von einer regelrechten Abkopplung der beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Die neuen statistischen Zahlen aus Peking deuten Fachleuten zufolge auf erste Schäden durch Trumps Zollpolitik hin. „Es ist definitiv schlimmer als erwartet. Die Zahlen zeigen, dass die Zölle zu wirken beginnen“, sagte Robin Xing, Chefvolkswirt für China bei Morgan Stanley, der Wirtschaftsnachrichtenagentur „Bloomberg“.
Regierung stemmt sich gegen den Niedergang
Der Abschwung trifft die Volksrepublik in einem sensiblen Moment: Chinas Wirtschaft hatte nach dem Platzen der Immobilienblase und dem Ende der Coronapandemie Anzeichen einer leichten Erholung gezeigt. Um die Wirtschaft zu stützen, hatte die Regierung eine liberalere Visaregelung eingeführt, um ausländischen Besuchern den Zugang zum Land zu erleichtern.
Außerdem wurden Maßnahmen wie Tauschprogramme für alte elektronische Geräte gestartet, um den Konsum anzukurbeln. Insgesamt schien sich die Wirtschaft des Landes wieder auf einem besseren Weg zu befinden.
Nach offiziellen Angaben wuchs die Wirtschaft im vergangenen Jahr um fünf Prozent; und auch für das laufende Jahr hat die Regierung in Peking auf dem Volkskongress Anfang März wieder ein Wachstumsziel von „etwa fünf Prozent“ ausgegeben.
Experten bezweifeln jedoch, dass diese Zahlen die tatsächliche wirtschaftliche Lage Chinas widerspiegeln. Einige Finanzinstitute wie Goldman Sachs haben ihre Prognosen für das chinesische Wirtschaftswachstum im Jahr 2025 angesichts des eskalierenden Streits mit den USA auf vier Prozent oder sogar noch weniger gesenkt.
Die Eintrübung der chinesischen Wirtschaft wird die Debatte über Stützungsmaßnahmen der Regierung neu entfachen. „Wir glauben, dass Peking mutigere Maßnahmen ergreifen muss“, schrieb Lu Ting, China-Chefökonom der Nomura Bank, in einer Analyse.
Leichterer Zugang zu Krediten für angeschlagene Unternehmen
Er forderte die Regierung auf, strukturelle Probleme wie den Zusammenbruch des Immobilienmarktes und die Reform des Rentensystems anzugehen. Chinas Staats- und Parteiführung hat bereits einige Reformen in Angriff genommen. So ist das Renteneintrittsalter angehoben worden, bei Männern von 60 auf 63, bei Frauen auf 55 beziehungsweise 58 Jahre.
Zudem soll der Zugang zu Krediten für angeschlagene Unternehmen erleichtert werden, kündigte die Regierung in dieser Woche an. Und der Binnenkonsum soll weiter angekurbelt werden. Gleichwohl verzichtet Peking bislang auf offensivere Konjunkturprogramme, zumal es selbst dem autoritär regierten Einparteienstaat äußerst schwerfällt, die Bevölkerung zu mehr Ausgaben in den Geschäften und im Onlinehandel zu bewegen.