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CoronakriseSchuldenberge wachsen weltweit dramatisch

Wegen der Coronakrise steigt in den Industriestaaten die Verschuldung wie sonst nur in Kriegszeiten. Vor allem Südeuropa trifft es hart. Für Deutschland könnten die Zahlen trügen.Martin Greive 16.04.2020 - 12:08 Uhr Artikel anhören

Wegen der Coronakrise explodieren insbesondere im Euro-Raum die Schulden.

Foto: Reuters

Berlin. Deutschland ist Rettungsweltmeister. Kein anderes Industrieland greift seiner Wirtschaft mit so großen Summen unter die Arme wie die Bundesrepublik. Das zeigt eine neue Auswertung des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Deutschland besticht gleichzeitig aber auch wieder als finanzpolitischer Streber. Trotz der immensen Schulden, die Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) dieses Jahr wegen der Coronakrise macht, steht die Bundesrepublik bei der Verschuldung ziemlich solide da – im Gegensatz zu fast allen anderen Industriestaaten. Insbesondere im Euro-Raum explodieren die Schulden aufgrund der Coronakrise geradezu.

Beispiel Griechenland: Die IWF-Experten rechnen für dieses Jahr mit einem Anstieg der Schulden gemessen an der Jahreswirtschaftsleistung von 179 auf 200 Prozent. Als das Land 2010 in die Schuldenkrise schlitterte, war die Quote mit etwa 130 Prozent deutlich geringer.

Beispiel Italien: Europas größtes Sorgenkind war schon verhältnismäßig hoch verschuldet, bevor die Coronakrise ausbrach. Nun wird der Schuldenberg noch mal um ein ordentliches Stück höher. Der Schuldenstand steigt allein in diesem Jahr von 135 auf 155 Prozent.

Beispiel Portugal: In den vergangenen Jahren hatte das Land, das in der Euro-Krise wie Griechenland gerettet werden musste, erfolgreich gewirtschaftet. Nun muss es in diesem Jahr einen Anstieg des Schuldenstands von 117 auf 135 Prozent verkraften – und liegt damit auf einen Schlag wieder leicht über dem Wert bei der Euro-Krise.

In Frankreich und Spanien klettern die Schuldenstände ebenfalls deutlich über 100 Prozent. Auch diese Länder sind damit höher verschuldet als bei Ausbruch der Euro-Krise.

Das muss zunächst einmal nichts heißen. Der europäische Währungsraum von 2020 hat mit dem von 2010 nicht mehr viel gemein. Es gibt den Euro-Rettungsschirm, der Staaten Notkredite geben kann. Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft in großem Stil Staatsanleihen auf und hilft so den Staaten bei ihrer Finanzierung. Zudem sind die Zinsen auf Rekordtief, die Schuldenaufnahme für viele Länder dadurch extrem billig, auch trotz hoher Schulden.

Dennoch bereiten Experten die stark gestiegenen Schulden Sorgen. Vor etlichen Jahren noch galt ein Schuldenstand von mehr als 90 Prozent als bedenklich. Inzwischen ist diese Marke umstritten. Viele Ökonomen halten es zudem für sinnvoller die tatsächliche Zinslast als Maßstab zu nehmen, ob ein Land seine Schulden in Zukunft noch zurückzahlen kann.

Allerdings könnten Schuldenstände von 155 oder 200 Prozent schon bei manchem Investor die Frage aufkommen lassen, wie die Euro-Länder von diesen Schuldenbergen eigentlich je wieder runterkommen wollen.

Foto: Handelsblatt

Keine Probleme dürften dagegen zwei große Volkswirtschaften außerhalb Europas haben. Trotz des deutlichen Anstiegs der Schuldenquote auf 131 Prozent werden US-Staatsanleihen sicher auch in Zukunft gefragt sein.

In Japan steigt die Schuldenquote laut dem IWF sogar auf 252 Prozent. Doch dort kauft die Notenbank viele Schulden auf, zudem ist das Land stark bei der heimischen Bevölkerung verschuldet.

Und Deutschland? Die Bundesrepublik hatte gerade den Schuldenstand auf unter 60 Prozent gedrückt und 2019 damit zum ersten Mal seit vielen Jahren die Maastricht-Kriterien eingehalten. Doch das wird für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein.

Der IWF sagt auch für Europas größte Volkswirtschaft einen Anstieg des Schuldenstands voraus, allerdings auf ein vergleichsweise geringes Niveau von lediglich 68 Prozent.

Das allerdings erscheint angesichts des riesigen Rettungsprogramms, das die Bundesregierung aufgelegt hat, wenig plausibel. Bundesfinanzminister Scholz rechnet eher mit einem Anstieg auf 75 Prozent. Es könnten aber auch schnell mehr werden.

Der Grund: Deutschland hat viele Garantien und Bürgschaften etwa für Unternehmenskredite abgegeben. Entscheidend wird sein, wie viele dieser Garantien am Ende tatsächlich fällig werden. Dann könnte Deutschland schnell auch auf einem höheren Schuldenstand landen als am Ende der Finanzkrise. Damals waren es 83 Prozent.

Hinzu kommt noch: Die Bundesregierung hat ein großes Konjunkturprogramm angekündigt, wenn die akute Gesundheitskrise vorbei ist. Das dürfte ebenfalls nicht gering ausfallen, getreu dem Krisen-Motto von Finanzminister Scholz: „nicht kleckern, sondern klotzen“. Diese wahrscheinlichen Ausgaben sind in den IWF-Berechnungen ebenfalls noch nicht enthalten – wie auch bei vielen anderen Ländern nicht.

Der Bundesfinanzminister will durch den Aufschub gewährleisten, dass die Länder in der Lage sind, die Gesundheit ihrer Bürger zu schützen.

Dennoch hat der IWF Regierungen wegen der Coronakrise aufgefordert, die Konjunktur mit möglichst hohen zusätzlichen Ausgaben zu stabilisieren. „Geben Sie so viel aus, wie Sie können“, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa.

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Gleichzeitig ermahnte sie Regierungen, außerordentliche Ausgaben trotzdem gut zu kontrollieren. „Behalten sie die Rechnungen“, sagte Georgiewa. Transparenz und Rechenschaftspflicht dürften auch angesichts der Krise nicht zurückgestellt werden.

Der IWF hat so seine Erfahrungen mit Ländern, die schlecht Buch führen. Die große Intransparenz bei der Staatsverschuldung war ein wesentlicher Grund, warum Griechenland 2010 so plötzlich die Staatspleite drohte.

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