Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Konjunktur IWF fürchtet eine Dauerkrise der Weltwirtschaft

Internationale Ökonomen warnen vor den sich gegenseitig verstärkenden Rezessionen. In Deutschland aber mehren sich die Aufschwungszeichen.
24.06.2020 - 15:41 Uhr Kommentieren
Der internationale Handel leidet noch immer unter den Folgen des Coronavirus. Quelle: dpa
Hamburger Hafen

Der internationale Handel leidet noch immer unter den Folgen des Coronavirus.

(Foto: dpa)

Berlin Selten glich die Konjunkturbeobachtung so sehr einem Blick in die Glaskugel wie gerade jetzt: Wird die weltumspannende Rezession noch tiefer als während der tiefsten Lockdown-Zeit im April/Mai befürchtet? Davon gehen internationale Organisationen aus. Oder setzt gerade bereits eine kräftige Erholung ein? Das erwarten viele Ökonomen in Deutschland.

Einig jedenfalls sind sich die Ökonomen weltweit in einem: So viel Unsicherheit über den weiteren Konjunkturverlauf gab es seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie.

Gita Gopinath, Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds (IWF), befürchtet, dass sich die Rezessionen in fast allen Ländern der Erde gegenseitig noch weiter verstärken und in eine weltumspannende Dauerrezession münden könnten. Der IWF korrigierte entsprechend am Mittwoch seine Konjunkturprognose nach unten.

Der Fonds erwartet nun, dass die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 4,9 Prozent schrumpft. Für Deutschland rechnet er mit einem Minus von 7,8 Prozent – im April lag die Prognose noch bei 7,0 Prozent. Die Euro-Zone schrumpft demnach gar um 10,2 Prozent, bei Schrumpfungsraten für Frankreich, Italien und Spanien von deutlich über zwölf Prozent.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Deutsche Ökonomen dagegen blicken inzwischen für Deutschland und Europa immer optimistischer in die Zukunft. Das Schlimmste, signalisieren die Sommerprognosen der Institute, liegt hinter uns. Die in dieser Woche veröffentlichten Frühindikatoren senden kräftige Hoffnungssignale. Der am Mittwoch veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex stieg so stark an wie nie zuvor innerhalb eines Monats.

    Die dafür regelmäßig befragten 9000 Unternehmenschefs erwarten mehrheitlich bessere Geschäfte in den nächsten sechs Monaten. Auch ihre aktuelle Lage schätzten sie besser ein als im Mai. Ifo-Präsident sieht denn auch ein ziemlich helles „Licht am Ende des Tunnels“ der Rezession.

    Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnt allerdings davor, wegen dieses Frühindikators allzu fest an einen V-förmigen Konjunkturverlauf zu glauben. Dabei würde auf einen steilen Abschwung ein ebenso steiler Aufschwung folgen. „Die starke Erholung ist eine reflexartige Reaktion auf die beispiellosen Einbrüche im März und April“, sagte Krämer. Er erwartet, dass sich in der zweiten Jahreshälfte die Aufwärtsbewegung verlangsamen wird. Die Konjunkturkurve werde dann eher aussehen wie das mathematische Wurzelzeichen.

    In Deutschland hat der Aufschwung begonnen

    Auch unter den Optimisten bestreitet niemand, dass Deutschland in diesem Jahr eine tiefe Rezession erlebt. „Ihr Tiefpunkt wurde mit den harten Shutdown-Maßnahmen im April erreicht. Ab Mai setzt mit der schrittweisen Lockerung der Corona-bedingten Einschränkungen die wirtschaftliche Erholung ein“, beschreibt Philipp Steinberg, Abteilungsleiter Wirtschaftspolitik im Bundeswirtschaftsministerium, aktuell die Lage. Er erwartet ebenfalls, dass nach der anfänglich deutlichen Erholung der Aufschwung im zweiten Halbjahr eher schleppend verlaufen dürfte: Zu tief war der Einbruch im April.

    Für das zweite Quartal erwarten deshalb etwa die Wirtschaftsweisen in ihrer Prognose von Dienstag einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um zwölf Prozent, nach einem Minus von 2,2 Prozent im ersten Quartal.

    Für das Gesamtjahr 2020 rechnen die Institute, die OECD, die Wirtschaftsweisen, die Bundesregierung und die Bundesbank mit einem BIP-Minus zwischen fünf und sieben Prozent. Vor einem Monat sprachen viele Ökonomen noch von einem Absturz für das Gesamtjahr um sieben bis zehn Prozent.

    Der IWF befürchtet vor allem deshalb eine tiefere und längere Rezession, weil es, anders als während der Finanzkrise ab 2008, kein Land gibt, das als Lokomotive für die Weltwirtschaft dienen könnte. China etwa, dessen Konjunkturpakete damals Exportländern wie Deutschland nach der Finanzkrise zum Aufschwung verhalfen, konzentrierte sich bereits vor Corona auf die Stärkung seiner Binnenwirtschaft.

    Die USA wiederum hängen laut IWF mit einem Minus von acht Prozent genauso tief in der Rezession wie Deutschland. „Die wirtschaftlichen Folgen der Lockdowns weltweit waren schlimmer als erwartet“, schreibt Gopinath im Weltwirtschaftsausblick des Fonds.

    Zwar habe mit den Lockerungen ab Mitte Mai überall wieder mehr Mobilität eingesetzt, abzulesen etwa an Mobilfunkdaten. Aber diese Daten zeigten noch lange nicht das Aktivitätsniveau in Handel, Freizeit, Reisen wie vor der Pandemie.

    Für Deutschland allerdings haben sich die Echtzeit-Indikatoren wie Mobilfunkdaten und der Lkw-Maut-Index zuletzt deutlich erholt. Sie signalisieren im Wortsinn, dass die Wirtschaft hierzulande wieder in Bewegung gekommen ist. Viele Ökonomen in Deutschland stützen ihren relativen Optimismus auch auf diese Indikatoren.

    Auch die Einkaufsmanager-Umfragen des Instituts IHS-Markit am Dienstag zeigten an, dass sich die Konjunkturstimmung in den Unternehmen hierzulande stabilisiert. Die Einkaufsmanager gaben an, dass nicht nur die gelockerten Ausgangssperren, sondern auch ein insgesamt optimistischeres Geschäftsklima für eine Erholung sprächen. Gleichzeitig schwächte sich auch in anderen Euro-Zonen-Ländern laut IHS-Markit die Talfahrt den zweiten Monat in Folge spürbar ab.

    Und wie der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg der vergleichbare Index in Frankreich am Mittwoch ebenfalls steil an. Sogar in der Industrie stieg in beiden Ländern die Hoffnung auf bessere Geschäfte in den nächsten sechs Monaten.

    Der Welthandel bricht ein wie nie zuvor

    Für eine Exportnation wie Deutschland sind allerdings die schlechten Aussichten für den Welthandel eine Bürde: Er werde in diesem Jahr so schwer einbrechen wie nie zuvor, um 11,9 Prozent, so der IWF. Immerhin traut der Fonds dem Welthandel im kommenden Jahr eine kräftige Erholung um acht Prozent zu.

    Weltweit betrachtet, wirkt die Pandemie wie eine „Katastrophe für die Arbeitsmärkte“, so der IWF. Im ersten Halbjahr 2020 seien weltweit wohl 300 Millionen Jobs verloren gegangen. In Schwellen- und Entwicklungsländern fürchtet der Fonds einen Rückfall von vielen Millionen Menschen in die Armut.

    Ähnlich pessimistisch wie der IWF blickte zuletzt auch die Weltbank auf die Weltwirtschaft. Sie sagte ein Minus von 5,2 Prozent voraus. Das sei damit die schlimmste Rezession seit 1870.

    Die OECD befürchtet gar einen Verlust des Welt-BIP in diesem Jahr von sechs Prozent. Ihre Chefvolkswirtin Laurence Boone spricht von einem Wirtschaftsschock, wie ihn die Welt in Friedenszeiten seit mehr als 100 Jahren nicht erlebt habe. In den Katastrophenszenarien sind allerdings die Wirkungen der weltweiten Hilfspakete noch kaum berücksichtigt. Sie haben auf jeden Fall „das Schlimmste verhindert“, so der IWF.

    Die kreditfinanzierten Stützungsmaßnahmen für die Wirtschaft jedenfalls sind in vielen Ländern enorm, wie sich an den für dieses Jahr zu erwartenden Staatsdefiziten und Schuldenständen ablesen lässt: Für die USA erwartet der IWF ein Defizit von 23,8 Prozent und eine Schuldenstandsquote von 141,4 Prozent des BIP, für Deutschland lauten die entsprechenden Zahlen 10,7 und 77,2 Prozent. In Japan steigt der Schuldenstand demnach auf 268 Prozent des BIP.

    IWF fordert Kooperation der Staaten

    Der IWF fordert, dass die Staaten stärker zusammenarbeiten müssten, um gemeinsam den Weg aus der Rezession zu finden. Sie sollten auch weiter bereit sein, den schwächsten Entwicklungsländern zu helfen wie zuletzt mit umfangreichen Schuldenstundungen für die ärmsten Länder. Vor allem müssten sie daran arbeiten, die internationalen Lieferketten wieder instand zu setzen.

    Unsicherheit über die Kraft des beginnenden Aufschwungs herrscht allerdings auch weiter unter hiesigen Ökonomen. Das zeigt die große Bandbreite der Prognosen für 2021: Sie liegen aktuell zwischen drei und 6,4 Prozent. Einig sind sich die Wissenschaftler aber darin, dass das Bruttoinlandsprodukt Zeit brauchen wird, seine Vor-Corona-Höhen wieder zu erreichen: Das werde nicht vor 2022 der Fall sein, sagen etwa die Wirtschaftsweisen.

    Am Arbeitsmarkt allerdings ist mit einer schnellen Erholung nicht zu rechnen. Dazu dürften Arbeitsvolumen und Erwerbstätigkeit zu stark zurückgehen. Zwar habe die Kurzarbeit den Arbeitsmarkt gestützt, so die Weisen.

    Aber angesichts der Ifo-Schätzung, nach der im Mai jeder fünfte sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer in Kurzarbeit gewesen sein könnte, werde die Erholung Zeit brauchen. Für dieses und nächstes Jahr erwarten die Wirtschaftsweisen daher eine Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent; das sind 1,2 Prozentpunkte mehr als vor Corona.

    Mehr: Die Rezession bedeutet für die Schwellenländer ein Ende der Aufholjagd

    Startseite
    Mehr zu: Konjunktur - IWF fürchtet eine Dauerkrise der Weltwirtschaft
    0 Kommentare zu "Konjunktur: IWF fürchtet eine Dauerkrise der Weltwirtschaft"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%