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Konjunktur Türkische Wirtschaft bricht nicht so stark ein wie erwartet – zum Preis einer schwachen Währung

Die türkische Regierung hat die Konjunktur mit vielen Hilfsprogrammen gestützt, das Bruttoinlandsprodukt geht im zweiten Quartal um 9,9 Prozent zurück. Doch die Lira leidet.
31.08.2020 Update: 31.08.2020 - 11:29 Uhr Kommentieren
Türkei: Wirtschaft sinkt in Coronakrise nicht so stark wie erwartet Quelle: dpa
Strand in Antalya

Das Land leidet unter anderem unter dem Fernbleiben der Touristen.

(Foto: dpa)

Istanbul Die Corona-Pandemie kostet Menschenleben und hat auch die Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. In Deutschland ist das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 10,1 Prozent gesunken, in Frankreich um 13,8 Prozent, in der gesamten Euro-Zone um 12,1 Prozent, jeweils verglichen mit dem Vorjahresquartal.

Im Schwellenland Türkei ist das Bruttoinlandsprodukt im Hauptquartal der Pandemie jedoch nicht so stark gesunken wie erwartet. Nach Angaben des türkischen Statistikamtes (Türkstat) beträgt der Rückgang 9,9 Prozent. Die Exporte des Landes gingen um 5,8 Prozent zurück, die Importe sanken um 7,9 Prozent.

Von der Finanzagentur Bloomberg befragte Analysten hatten vor Bekanntgabe der Zahlen mit einem Rückgang um 10,7 Prozent gerechnet, von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen sogar mit minus 11,8 Prozent.

Experten glauben, dass die Türkei zumindest wirtschaftlich gesehen das Schlimmste hinter sich hat. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht bis Jahresende von einem BIP-Rückgang in Höhe von fünf Prozent für die Türkei aus. „Frühindikatoren bestätigen, dass die türkische Wirtschaft den Tiefpunkt hinter sich gelassen hat und sich in der Phase der Erholung befindet“, sagt Enver Erkan, Ökonom bei Tera Securities in Istanbul.

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    Dass die Regierung in Ankara den ganz großen Crash abwenden konnte, hat viele Gründe – einer davon ist eine äußerst schwache Währung. Der rund zehnprozentige Konjunktureinbruch setzt der Lira weiter zu: Im Gegenzug verteuern sich Dollar und Euro um jeweils 0,3 Prozent auf 7,3573 beziehungsweise 8,7585 Lira. Damit bleiben sie auf Tuchfühlung mit ihren jüngsten Rekordhochs. Wenn es im Herbst zu einer zweiten Infektionswelle kommen sollte, stünde die Administration um Staatschef Recep Tayyip Erdogan damit vor einer doppelten Herausforderung.

    Die Türkei hatte ab März strikter auf die Pandemiewelle reagiert als andere Nachbarn in Mitteleuropa, dem Nahen Osten oder Nordafrika. So verhängte das Innenministerium über einen Zeitraum von zwei Monaten komplette Ausgangssperren an Wochenenden und führte frühzeitig eine Maskenpflicht ein. Schüler werden bis heute digital unterrichtet.

    Lockdowns und Ausnahmen

    Gleichzeitig versuchte die Regierung, die Auswirkungen auf die Wirtschaft möglichst gering zu halten. Baustellen durften weiter betrieben werden. Es gibt eine Art Kurzarbeitergeld und eine Reihe von Hilfsprogrammen für strauchelnde Unternehmen. Insgesamt hat die Regierung dafür 240 Milliarden Türkische Lira ausgegeben, damals waren das rund 40 Milliarden US-Dollar.

    Die Maßnahmen zeigen Wirkung: In der Bauindustrie hat sich die Pandemie kaum bemerkbar gemacht, meint etwa Nükhet Demiren. „Wir haben selbst in der Hochphase der Kontaktbeschränkungen nur zehn Prozent Umsatzeinbußen verzeichnet“, erklärt die Geschäftsführerin der Türkeitochter des Gasbeton-Herstellers Ytong.

    Schon im Juni stieg die industrielle Produktion sogar wieder an. „Für das vierte Quartal gehen wir davon aus, wieder mit unserer vollen Kapazität zu produzieren“, sagt etwa die türkische Unternehmerin Perihan Inci, die den gleichnamigen Autozulieferer leitet, dem Handelsblatt.

    Am Wochenende erhöhte Staatspräsident Erdogan die Steuern auf importierte Neufahrzeuge, nicht jedoch auf den Verkauf von Autos, die in der Türkei produziert werden. Solche Aktionen dürften die Wirtschaft des Landes weiter stützen.

    Niedrige Zinsen helfen Exporten und schaden der Lira

    Die heftigste – und nachträglich wohl auch teuerste – Maßnahme gegen das Virus kam jedoch aus dem Finanzministerium, das von Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak geleitet wird.

    Als die Infektionszahlen im März und April noch in die Höhe schnellten, senkte die Türkische Zentralbank den Leitzins schrittweise um 1,5 Prozentpunkte auf 8,25 Prozent. Banken wurden angehalten, frisches Geld möglichst schnell an Firmen und Privatkunden weiterzuleiten, meist in Form von Krediten. Damit sollte der Konsum aufrechterhalten werden. Seit Jahresbeginn ließ die Zentralbank neue Scheine im Gesamtwert von 94 Milliarden Lira drucken.

    Die Folge: Die Türkische Lira verlor massiv an Wert. Rund 20 Prozent beträgt der Wertverlust zum US-Dollar, zum Euro ist der Verlust wegen der derzeitigen Stärke der Gemeinschaftswährung sogar noch etwas stärker.

    Die schwache Währung half zwar den Exporten. Ein weiteres Problem ist jedoch der ausbleibende Tourismus. Jedes Jahr kommen über 40 Millionen Ausländer in die Türkei, um dort Urlaub zu machen, und geben dafür reichlich Geld aus. Weil das dritte Quartal der Hauptreisezeit entspricht, dürfte sich der Rückgang im Fremdenverkehr wohl erst bei der nächsten Bekanntgabe bemerkbar machen.

    Gleichzeitig steigt die Inflation wieder an. Die Regierung rechnet mit einer einstelligen Teuerungsrate bis Jahresende. Analysten glauben jedoch eher, dass sie sich bei rund elf Prozent einpendeln wird. Bei einem durchschnittlichen Zins von 8,25 Prozent lohnt es sich daher nicht zu sparen, wenn gleichzeitig alles teurer wird. Die Leute sollen das Geld lieber ausgeben, so Ankaras Devise.

    Die Folge: kleine Blasen in der Binnenwirtschaft. Die Preise für Zweitwagen sind wegen der erhöhten Neuwagensteuer gestiegen. Und die erhöhte Nachfrage nach Immobilien hat auch hier die Preise getrieben.

    Den kompletten Abstieg der Wirtschaft konnte die Regierung offenbar aufhalten. Bezahlt haben dies jedoch die türkischen Konsumenten und Steuerzahler.

    Mehr: EU droht Türkei mit neuen Sanktionen.

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