US-Arbeitsmarkt: Lage am US-Jobmarkt verbessert sich im Mai deutlich – aber nicht so stark wie erwartet
Die Lage am US-Jobmarkt hat sich im Mai verbessert.
Foto: ReutersWashington. Die US-Wirtschaft hat im Mai doppelt so viele neue Jobs geschaffen wie im Vormonat und dennoch die Erwartungen verfehlt. Es entstanden 559.000 neue Jobs außerhalb der Landwirtschaft, wie die Regierung in Washington am Freitag mitteilte.
Von Reuters befragte Ökonomen hingegen hatten sogar mit 650.000 gerechnet – nach einem Jobaufbau von nur 278.000 im März. Die Arbeitslosenquote sank zugleich von 6,1 auf 5,8 Prozent und damit etwas stärker als erwartet.
„Der Anstieg der Beschäftigung blieb das zweite Mal hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück“, sagte Ökonom Dirk Chlench von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Die durch Impffortschritte und sinkende Corona-Neuinfektionen ermöglichte Öffnung der Wirtschaft sorgte vor allem bei den Dienstleistern für neue Jobs – etwa im Freizeit- und Gastgewerbe. Restaurants und Bars verbuchten die größten Zuwächse und stellten im vergangenen Monat 186.000 Mitarbeiter ein.
Deutliche Zuwächse gab es auch in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Bildung. Schulen überall in den USA haben entweder bereits geöffnet oder arbeiten an Plänen für eine Rückkehr zum geregelten Schulbetrieb. Dennoch fehlen immer noch 7,6 Millionen Arbeitsplätze, gemessen am Vor-Corona-Niveau. Egal ob bei Schnellrestaurants, in Supermärkten oder in hochbezahlten Jobs, überall ist es schwieriger geworden, neue Arbeitskräfte zu bekommen und die bestehenden zu halten.
Dabei läuft es in der weltgrößten Volkswirtschaft konjunkturell wieder vergleichsweise gut: Der Industriestaaten-Organisation OECD zufolge wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um kräftige 6,9 Prozent wachsen, 2022 um weitere 3,6 Prozent. „Steigende Löhne, in Kombination mit staatlichen Transfers und den angesammelten Ersparnissen der Haushalte werden den Konsum ankurbeln“, so die OECD.
US-Präsident Joe Biden zeigte sich sehr zufrieden mit den jüngsten Fortschritten. „Keine andere große Volkswirtschaft wächst so schnell wie unsere und schafft so viele Jobs“, stellte Biden klar. Seit dem Beginn seiner Amtszeit im Januar seien über zwei Millionen neue Stellen geschaffen worden, so viele wie unter keinem anderen Präsidenten.
Unternehmer sehen staatliche Stütze kritisch
Unternehmensverbände beklagen, dass die umfangreichen staatlichen Hilfen so manchen Arbeitslosen von der Jobsuche abhalten. Aktuell gibt es 8,1 Millionen offene Stellen – so viele wie nie zuvor. Auch die Kinderbetreuung ist nach wie vor ein Problem und hält gerade Frauen davon ab, ins Berufsleben zurückzukehren oder ihre Arbeitsstunden aufzustocken.
Die republikanischen Gouverneure in 25 Bundesstaaten – darunter Florida und Texas – wollen deshalb ab nächsten Samstag die von der Bundesregierung finanzierten Arbeitslosenprogramme auslaufen lassen. Zu den Leistungen, die nun vorzeitig beendet werden, gehört ein wöchentlicher Zuschuss von 300 Dollar.
Andere Staaten, wie Colorado, wandeln die Zahlungen in eine Art Rückkehrbonus um. Wer im Mai einen Job annahm, bekam über 1000 Dollar zusätzlich von dem Bundesstaat ausgezahlt.
Biden betonte jedoch, an dem derzeitigen Plan festzuhalten und die Hilfen Anfang September auslaufen zu lassen. Der Demokrat warnte jedoch auch vor zu rosigen Erwartungen. „Es wird in der Erholung Rückschläge geben“, gab er zu bedenken. Diese könnten sich auch durch die derzeitige Knappheit bei Rohstoffen und Computerchips weiter verschlechtern.
Banker und Anwälte können mit hohen Boni rechnen
Banken und Anwaltskanzleien zahlen dagegen großzügige Boni und Gehaltserhöhungen, um ihre Mitarbeiter zu halten. Schon seit Monaten klagen sie über die hohe Arbeitsbelastung. Ein Hilferuf von jungen Goldman-Sachs-Bankern hatte eine Welle an Initiativen angestoßen.
Sie hatten ihr wöchentliches Arbeitspensum auf über 100 Stunden pro Woche beziffert und auf die schweren körperlichen und seelischen Folgen dieser Belastung verwiesen. Und sie sind nicht allein. Kanzleien liefern sich gerade einen Wettbewerb um die höchsten Boni, um Leistungsträger nicht zu verlieren.
In diesem Jahr könnten Boni in Höhe von bis zu 164.000 Dollar ausgezahlt werden, wie aus Berechnungen des Finanzdienstleisters Bloomberg hervorgeht – ein neuer Rekord. Die Boutique-Investmentbank Centerview Partners zahlt ihren jungen Bankern 200.000 Dollar Haltebonus.
Für die US-Notenbank Federal Reserve dürften die jüngsten Arbeitsmarktdaten kein Grund sein, von ihrer Strategie vorschnell abzuweichen. Fed-Chef Jerome Powell hat betont, die lockere Geldpolitik fortzusetzen, bis spürbare weitere Fortschritte auf dem Weg zu Vollbeschäftigung und Preisstabilität erreicht sind. „Bis die Fed substanzielle Fortschritte bei ihrem Beschäftigungsziel feststellt, dürfte es noch dauern“, sagte Ökonom Bastian Hepperle vom Bankhaus Lampe.
Mit Agenturmaterial.
Mehr: „So etwas habe ich noch nie erlebt“: US-Firmen kämpfen erbittert um Arbeitskräfte