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Welthandel„Chinas Null-Covid-Politik wird Lieferkettenprobleme verschärfen” – Omikron bedroht die globale Logistik

Verwerfungen in der internationalen Logistik stoppen den Aufschwung. Jetzt kommt die neue Virusvariante – und die hat negative Folgen. Unabhängig von ihrer gesundheitlichen Gefahr.Julian Olk 30.11.2021 - 17:56 Uhr Artikel anhören

Die Chance auf eine Erholung der Situation der Lieferketten könne schnell zunichtegemacht werden.

Foto: dpa

Berlin. Den Welthandel trifft es derzeit doppelt hart. Während die Lieferketten unter den Folgen der bisherigen Pandemiewellen leiden, kommt nun die Omikron-Virusvariante hinzu. „Eine Wiedereinführung der Reisebeschränkungen wäre für den Groß- und Außenhandel eine Katastrophe“, sagt der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura.

Die Sorge vor neuen Einschränkungen gibt es nicht nur in Deutschland und Europa. Auch in den USA blickt man mit Sorge auf die Entwicklung. Das Virus drohe die „Unterbrechungen der Versorgungskette zu verstärken“, warnte jüngst der Chef der US-Notenbank, Jerome Powell.

Aktuell ist zwar nicht einmal klar, ob die Variante tatsächlich so gefährlich ist. Doch das ist für den internationalen Handel nicht entscheidend, erklärt Holger Görg, Direktor Handel am Institut für Weltwirtschaft. „Für den Welthandel reicht es, wenn die Staaten aus Vorsicht direkt umfassend reagieren“, sagt Görg.

Die USA wollen sich zwar erst einmal zurückhalten, aber andere wichtige Länder wie Australien haben bereits umfassende Einschränkungen angekündigt. „Und China mit seiner Null-Covid-Strategie wird wohl auch dafür sorgen, dass es erneut eine erhebliche Verschärfung bei den Lieferkettenproblemen geben wird“, befürchtet Görg. Die Chance auf eine Erholung der Situation der Lieferketten könne damit schnell zunichtegemacht werden.

Jetzt also auch noch die Belastung durch Omikron. Dabei sind nicht einmal die Nachwehen der vergangenen Pandemiewellen überstanden. Viele Unternehmen hatten ihre Produktion zurückgefahren, weniger Rohstoffe wurden abgebaut. Inzwischen ist die Nachfrage explodiert. Die Unternehmen kommen aber nicht hinterher, weil ihnen Materialien fehlen – über alle Branchen hinweg.

Institute rechnen mit Stagnation im vierten Quartal

Das alles stoppt den Aufschwung. Die Wirtschaftsinstitute rechnen im vierten Quartal fast alle mit einer Stagnation. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass sich die Lage weiter verschärft. Die erwartete Stagnation rührt auch daher, dass die Lieferengpässe inzwischen nahezu die gesamte Wirtschaft betreffen.

Stand zuerst vor allem die Industrie aufgrund fehlender Rohstoffe im Fokus, sind nun auch Einzelhandel und Bau von fehlenden Produkten betroffen.

Inmitten des umsatzstarken Weihnachtsgeschäfts haben sich die Lieferprobleme der deutschen Einzelhändler deutlich verschärft. 78 Prozent beklagten im November, dass nicht alle bestellten Waren geliefert werden können, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Ifo-Instituts hervorgeht. Im Oktober waren es lediglich 60 Prozent. Am stärksten betroffen ist der Spielzeughandel.

Ebenso merken Bauunternehmen die Probleme mittlerweile gewaltig. Dort ächzen 83 Prozent der Befragten unter der stark gestiegenen Nachfrage nach Rohstoffen und anderen Vorprodukten, die derzeit oft nur mit langen Lieferzeiten verfügbar sind, zeigt eine Umfrage der DZ Bank.

Auch in der Industrie bessert sich die Lage nicht. Im Maschinenbau sind laut dem Ifo-Institut 86 Prozent von Materialengpässen betroffen. In der Autoindustrie liegt der Anteil bei 88 Prozent.

Ein schnelles Abflauen der Probleme sehen die Unternehmen nicht. Das zeigt der Ifo-Geschäftsklimaindex. Dieser ist im November den fünften Monat in Folge gesunken, allen voran aufgrund der Lieferengpässe. Die Hoffnungen auf eine Verbesserung der Lage sei zerstört worden, berichtet Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.

Grund dafür ist, dass der Materialmangel sich noch verstärkt hat. 74 Prozent der Firmen klagen laut Ifo über Engpässe bei Vorprodukten und Rohstoffen. Das sind vier Prozentpunkte mehr als im Oktober. Wohlrabe sagt: „Ein Ende der Flaschenhals-Rezession in der Industrie ist nicht in Sicht.“

Die Knappheit an Materialien sorgt auch für höhere Kosten. Laut Statistischem Bundesamt sind die Erzeugerpreise für gewerbliche Produkte im Oktober im Vergleich zum Vormonat um vier Prozent und im Vorjahresvergleich um 18 Prozent höher ausgefallen – ein Anstieg, wie es ihn seit 1951 nicht mehr gegeben hat.

Das liegt nicht bloß an den rasant steigenden Energiepreisen. Auch Vorleistungen und Rohstoffe legten ordentlich zu. Die Preise für Metalle etwa stiegen um fast 40 Prozent, Nadelholz um mehr als 90 Prozent.

Der Seeweg könnte vom Problem zur Lösung werden

Gerechnet hatte mit dem Ausmaß der Lieferkettenprobleme kaum jemand. Dabei waren die Schwierigkeiten schon früh abzusehen. Oliver Guttmann, Chef der belgischen Importfirma Intertrading, berichtete zum Beispiel schon im Januar über Engpässe: „Wer dringend Containertransporte aus Asien benötigt, kommt sich inzwischen vor wie auf dem Ticket-Schwarzmarkt vorm WM-Endspiel.“

Es ist kein Zufall, dass mit den Problemen auf den Seewegen alles begann. An den Transportwegen per Schiffscontainer hängt der Großteil der internationalen Logistik. Teilschließungen von chinesischen Häfen aufgrund der Virusverbreitung und die Havarie der „Ever Given“ im Suezkanal lösten Kettenreaktionen aus.

Inzwischen gibt es aber erste Anzeichen der Erholung. Und so besteht Hoffnung, dass der Seeweg vom Problem zur Lösung wird. Das spiegelt sich im Containerumschlag-Index des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) wider, der 60 Prozent des weltweiten Aufkommens abbildet. Im Oktober ist der Index erneut leicht gestiegen.

Der Index des für die Seefahrt wichtigen nördlichen Euro-Raums und Deutschlands hat im November zwar leicht abgenommen, sich dafür im Vormonat aber deutlich stärker erholt. RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt sagt, dass die steigenden Coronazahlen dem ein jähes Ende bereiten könnten.

Aber: „Der Containerumschlag erholt sich weiter von der Schwäche während der Sommermonate.“ Das hängt damit zusammen, dass die globalen Kapazitäten trotz Krise nicht abgenommen haben. 2021 liegen die Kapazitäten von Containerschiffen im Weltseehandel laut einer Statistik der Vereinten Nationen bei 282 Millionen „Deadweight Tons“, die die Tragfähigkeit von Schiffen abbilden. Der Wert ist um drei Prozent höher als 2020 und sechs Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2019.

Dass es dennoch zu den Problemen gekommen ist, liegt auch an der hohen Nachfrage. Weil die Menschen in vielen Ländern ihr Geld während der Coronapandemie nicht für Urlaube oder im Restaurant ausgeben konnten, kauften sie stattdessen Waren.

Normalisierung oder neue Krise?

Doch die Transportwirtschaft reagiert. Derzeit produzieren Chinas Hersteller rund dreimal so viele Container wie in einem durchschnittlichen Monat, zeigen Zahlen der Datenplattform Macrobond.

Zwar würde sich an den überfüllten Häfen durch mehr Container nichts direkt ändern, ergänzt Gabriel Felbermayr, Präsident des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo). Aber mit zusätzlichen Containern falle den Firmen die Lagerhaltung leichter. „Das macht die Produktion viel besser planbar“, erklärt Felbermayr.

Die Besserungen auf dem Schiffsweg führen dazu, dass die Aussicht auf eine generelle Erholung der Lieferketten besteht. Auch passen die Unternehmen zunehmend ihre Logistik an.

Wifo-Präsident Felbermayr warnt allerdings: „Auch die Lieferkettenprobleme zeigen sich in Wellenbewegungen, sie werden also noch mal Auftrieb bekommen.“

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Felbermayr sieht zwei Szenarien, um den Problemen nachhaltig ein Ende zu bereiten: warten auf eine langfristige Normalisierung – oder kurzfristig eine sinkende Nachfrage durch eine neue Krise hinzunehmen. Omikron lässt nun beide Varianten wieder möglich erscheinen.

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