Ukraine-Krieg: Moskau verstärkt Angriffe: So hat Russland auf die ukrainische Gegenoffensive reagiert
Das ukrainische Militär hat im Osten des Landes eine Gegenoffensive gestartet.
Foto: ReutersBerlin. Aufnahmen von Rauchwolken und fliegenden Raketen – in der gesamten Ukraine heulten am Freitagabend vergangener Woche wieder die Sirenen. Nach einer operativen Pause hat Russland vor einigen Tagen seine Angriffe wieder verstärkt aufgenommen. Und konzentriert sich in der Ukraine nach eigenen Angaben vor allem auf die Zerstörung von Langstrecken- und Artilleriewaffen.
Das ließ auch der russische Verteidigungsminister bei seinem zweiten Besuch im Kampfgebiet wissen: Bereits Ende Juni war Sergej Schoigu erstmals an die Front gereist. Nun traf er am Samstag erneut zu einer Visite ein.
Aufnahmen eines russischen Nachrichtensenders zeigen ihn in einem Gebäude, wie er sich mal Notizen macht, auf eine Karte zeigt und schließlich Auszeichnungen verleiht: Generaloberst Alexander Lapin und Generalmajor Esedulla Abachev werden zu „Helden Russlands“ ernannt. Lapin soll für die Eroberung des Ballungsraums Sjewjerodonezk-Lyssytschansk im Donbass verantwortlich gewesen sein.
Ukraine-Krieg: Russland verstärkt Angriffe im Donbass
Aber Schoigu war nicht nur vor Ort, um Medaillen zu vergeben. Er gab persönlich den Befehl aus, ukrainische Raketen und Artillerie gezielt zu zerstören – „aus denen Wohngebiete in Orten im Donbass beschossen werden“, ließ seine Behörde später vermelden.
Die Operationspause der russischen Streitkräfte geht damit zu Ende, stellen die Expert:innen des Institute for the Study of War (ISW) fest. Bereits am Wochenende verstärkten die Invasionstruppen ihre Angriffe in der ostukrainischen Donbass-Region erneut. Wobei es ihnen nach den Einschätzungen des ISW nicht gelungen ist, neue Gebiete zu erobern.
Es ist allerdings in der Region Donezk zu kleineren Bodenattacken gekommen. Und der britische Geheimdienst geht davon aus, dass Moskau zuletzt durch die Gegenoffensiven der ukrainischen Verteidiger eine ernste Gefahr für seine Truppen ortet. Daher verstärken sie ihre defensiven Positionen im Süden. „Das beinhaltet die Bewegung von Personal, Material und defensiver Vorräte zwischen Mariupol und Saporischschja sowie in Cherson“, heißt es. In der besetzten südukrainischen Stadt Melitopol haben sie zudem ihre Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Ein Überblick, wo derzeit gekämpft wird.
Slowjansk
Die ostukrainische Stadt zählt zum Hauptquartier der ukrainischen Verteidiger und ist damit von besonderer strategischer Bedeutung, verläuft hier doch auch eine Nachschublinie. Zudem ist Slowjansk neben Kramatorsk die größte Stadt in der Region Donezk, die noch unter ukrainischer Kontrolle steht. Dort habe es massiven Artilleriebeschuss auf militärische und auf zivile Infrastruktur in verschiedenen Ortschaften gegeben, teilte der Generalstab am Sonntag in Kiew mit. Allerdings gelang es ihnen, laut eigenen Angaben, die Angriffe zurückzuschlagen.
Auch in Richtung der Orte Siwersk und Bachmut im Gebiet Donezk soll das russische Militär massiv mit Artillerie gefeuert haben. „Angesichts der großen Verluste in den eigenen Reihen ist die Mehrheit der Einheiten der Besatzungsstreitkräfte in einem sehr schlechten moralisch-psychologischen Zustand und sucht nach einer Möglichkeit, der Teilnahme an den weiteren Kampfhandlungen zu entgehen“, steht im Bericht des ukrainischen Generalstabs.
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Odessa
Rund um die Stadt am Schwarzen Meer, in dessen Hafen seit Monaten Stillstand herrscht und kein Getreide mehr ausgeliefert werden kann, will das russische Militär zahlreiche vom Westen gelieferte Waffen zerstört haben. Dabei soll es sich etwa um ein Depot mit Harpoon-Raketen handeln. Die vier Meter langen Marschflugkörper haben eine Reichweite von 300 Kilometer und können Frachtschiff sowie Zerstörer sinken lassen.
Charkiw
Der ukrainische Generalstab berichtet von russischen Luft- und Artillerieangriffen auf Charkiw-Stadt und Siedlungen nördlich, nordöstlich und östlich davon. Dabei soll das Forschungs- und Produktionsunternehmen Khartron Express angegriffen worden sein, wie der Telegram-Sender Rybar behauptete. Nach Angaben des Senders würden sich dort polnische und britische Militärausbilder befinden, die ukrainische Kräfte trainieren. Zudem wäre es eine Drehscheibe für Aufklärungs- und Planungsoperationen.
Glaubt man den Angaben des russischen Verteidigungsministeriums, hat sein Militär mit der Luftabwehr vom Boden aus den Ukrainern zugesetzt. Sie hätten einen Kampfjet vom Typ Suchoi Su-25 sowie in der Region Slowjansk im Gebiet Donezk mit einem Jagdflugzeug einen Kampfhubschrauber vom Typ Mi-17 abgeschossen. Bei den Angriffen seien etwa 200 ukrainische Soldaten getötet worden, sagte Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums.
Saporischschja, Cherson und Mykolajiw
Auch weiter südlich gehen die Artillerie-Angriffe weiter: In Saporischschja, wo das größte Kernkraftwerk Europas steht, würden russische Truppen das Gelände nutzen, um von dort aus Raketen auf das naheliegende Gebiete Dnipro abzufeuern. Der dortige Regionalgouverneur Valentin Resnitschenko sprach von einer wahren „Raketen-Flut“. Nach seinen Angaben wird das AKW derzeit von 500 russischen Soldaten Europas kontrolliert. Es liegt am südlichen Ufer des Flusses Dnepr und damit direkt am aktuellen Frontverlauf. Die Stadt selbst wird noch von der Ukraine gehalten.
In der von russischen Truppen besetzten Stadt Cherson gab es wiederum Raketen- und Luftangriffe von Seiten der Ukrainer. So sollen ihre Streitkräfte am 16. und 17. Juli ein russisches Munitionslager in Lasurne zerstört haben, angeblich sind dabei Munitionsdepots zerstört worden.
Die Stadt Mykolajiw sei in der Nacht zum Montag Ziel „massiv mit Raketen beschossen“ worden, teilte Gouverneur Vitali Kim mit. Am Samstag soll auch ein Universitätsgebäude getroffen worden sein. Wie Moskau berichtet, dient es als Herberge für ukrainische Soldaten.
Kreml baut Kampfkraft aus
Der Kreml würde sich zudem bemühen, seine Streitkräfte wiederaufzubauen. Der ukrainische Geheimdienst berichtet, dass die Nationale Bewegung der russischen jungen Armeekadetten (Yunarmia) 500 neue Kadettenklassen und 1000 Juniorarmeeklassen in Belgorod und der Grenzregion des Oblast Belgorod eröffnet hat.
Nach Ansicht britischer Geheimdienstexperten sollen auch Söldner der Wagner-Gruppe im Einsatz sein, um die Lücken zu füllen, die durch Personalnot und Verluste entstanden sind. Sie hätten auch schon in den jüngsten Kämpfen eine zentrale Rolle gespielt, einschließlich der Eroberung von Popasna und Lysyschansk, heißt es.
Zudem bestätigt der Geheimdienst was schon seit längerer Zeit bekannt ist: Die Wagner-Gruppe senkt die Rekrutierungsstandards und stellt unter anderem Sträflinge ein. Wer neu dazukommt, erlebte eine Ausbildung im Schnellverfahren. (Mit Agenturen)
Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.
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Erstpublikation: 19.07.22, 20:23 Uhr.