Quantum Systems: Dieses Drohnen-Start-up wird Deutschlands nächstes Einhorn
Berlin, München. Der Münchener Drohnenhersteller Quantum Systems sammelt einen dreistelligen Millionenbetrag bei Investoren ein. Das erfuhr das Handelsblatt von mehreren mit den Verhandlungen vertrauten Personen.
Die neue Finanzierungsrunde macht Quantum Systems zum Einhorn, also zu einem Unternehmen, das von Investoren mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird. Es wäre das erste Mal in diesem Jahr, dass ein deutsches Start-up diesen Wert erreicht. Im vergangenen Jahr war das nur dem Fitnessanbieter Egym gelungen.
Quantum Systems agiert in einem Wachstumssektor. Drohnen werden seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine verstärkt nachgefragt. Quantum Systems etwa liefert dem von Russland angegriffenen Land Aufklärungsdrohnen. Das Start-up bereitet sich jetzt auf weitere Aufträge vor. Und auch eine zweite Firma des Quantum-Gründers profitiert indirekt von der neuen Investitionsrunde.
Quantum Systems ist das zweitwertvollste Verteidigungs-Start-up Europas
Noch steht dabei nicht fest, wie hoch die Investitionssumme genau ausfällt und wie viel die Firma nach der Finanzierungsrunde konkret wert sein wird. Dass Gespräche über eine weitere Finanzierung laufen, bestätigte ein Sprecher von Quantum Systems. Details wollte er nicht nennen, die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen. Genauere Informationen könnte es demnach Ende dieses Monats geben.
Mit dieser Finanzierungsrunde behauptet Quantum Systems seine Position als zweitwertvollstes Verteidigungs-Start-up in Europa. Bisher hat die 2015 vom ehemaligen Bundeswehroffizier Florian Seibel gegründete Firma bei Investoren laut dem niederländischen Datenbankmanagement-Unternehmen Dealroom etwa 120 Millionen Dollar eingenommen.
Mehr Geld als Verteidigungs-Start-up hat bislang nur Helsing eingenommen. Die Jungfirma hat sich auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) spezialisiert und ist auch in die Drohnenproduktion eingestiegen. Helsing kommt auf etwa 840 Millionen Dollar und wird mit mehr als fünf Milliarden Dollar bewertet.
Quantum Systems liefert Drohnen an die Ukraine
Quantum Systems bietet mehrere Aufklärungsdrohnen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Reichweiten an. Sie sind für zivile und auch militärische Anwendungen („Dual Use“) geeignet. Die Drohnen werden seit Kriegsbeginn in der Ukraine verstärkt nachgefragt.
Die ursprünglich für die Landwirtschaft entwickelten Fluggeräte in Modellbaugröße sind vor allem für Militäreinheiten interessant, die das Geschehen entlang der Front überwachen. Aufträge hat Quantum Systems unter anderem von der Bundeswehr und der ukrainischen Regierung erhalten.
Mit dem neuen Geld sollen laut mit den Verhandlungen vertrauten Personen vor allem Produktionskapazitäten ausgebaut werden. Erst kürzlich hat Quantum Systems den Copterdrohnen-Anbieter Airrobot übernommen und damit dessen Aufträge. Airrobot produziert im sauerländischem Arnsberg.
Darüber hinaus hat Quantum Systems in den vergangenen Monaten seine Strukturen professionalisiert. Mit Sven Kruck gibt es inzwischen neben Seibel einen Co-Chef, und die ehemalige Chefin des Rüstungsunternehmens Renk und Branchenexpertin Susanne Wiegand zog in den Aufsichtsrat ein.
Auf Investorenseite war Quantum Systems bereits gut aufgestellt. Unter anderem sind die Risikokapitalgeber (VCs) HV Capital, Project A, Bayern Kapital sowie die Finanzbereiche von Porsche und Airbus an der Firma beteiligt. Allein Porsche SE hat bereits einen zweistelligen Millionenbetrag in die Firma investiert. Auch der deutschstämmige Investor Peter Thiel ist über Thiel Capital bei Quantum Systems dabei.
Ein Großteil der Bestandsinvestoren soll den mit den Verhandlungen vertrauten Personen zufolge auch bei der neuen Finanzierungsrunde involviert sein.
Quantum-Gründer Seibel startet eine zweite Drohnen-Firma
Im vergangenen Jahr hatte Quantum-Gründer Seibel zudem die Kampfdrohnenfirma Stark an den Markt gebracht. Sie agiert unabhängig von Quantum Systems. Ein Grund: Quantum war ursprünglich als Unternehmen für zivile Produkte gegründet worden. Ein Teil der ursprünglichen Investoren unterliegt selbst auferlegten Zivilklauseln, die eine Investition in Rüstungsgüter ausschließen.
Bei Stark ist das Ziel unter anderem die Entwicklung von „Loitering-Munition“, sogenannten Killerdrohnen. Diese Drohnen kreisen über einem Kampfgebiet und stürzen sich als fliegende Bomben auf ihre Ziele. Stark hat diese Waffen bereits in der Ukraine getestet.
Branchenkreisen zufolge soll nun die Produktion aufgenommen werden, zunächst für die Ukraine. Geplant seien hohe Stückzahlen, denn auch andere Staaten in Osteuropa melden angesichts der russischen Bedrohung ein hohes Interesse. Auch das Bundesverteidigungsministerium hat mitgeteilt, zur Erprobung „Loitering Munition“ zu beschaffen. Noch steht aber nicht fest, bei welchem Hersteller.
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In diesem Sektor wird viel Geld investiert. Ähnlich wie die traditionellen Rüstungsunternehmen stellen sich auch die Verteidigungs-Start-ups auf deutlich mehr Aufträge ein. Denn Deutschland hat seine Verteidigungsausgaben weitgehend von der Schuldenbremse ausgenommen. Die Europäische Union (EU) will einen Rüstungsfonds in Höhe von 150 Milliarden Euro auflegen. Und Familienunternehmen wie Freudenberg prüfen den Einstieg in Rüstungsgeschäfte.
Auch der viel diskutierte mögliche Aufbau eines Drohnenwalls im Baltikum könnte für gute Geschäfte bei Quantum Systems sorgen. Dieser Abwehrriegel aus unbemannten Fluggeräten könnte innerhalb weniger Monate aufgebaut werden, heißt es aus der Verteidigungsindustrie.
Martin Karkour, Vertriebschef von Quantum Systems, sagt, dass dies möglich sei, „wenn alle Seiten an einem Strang ziehen und es eine Koordinationsstelle in der EU gibt“. Quantum Systems könnte die Kapazitäten schnell bereitstellen. „Wenn wir den Auftrag haben, können wir sofort starten“, sagt der Manager. Quantum könnte die Aufklärungsdrohnen liefern, Stark die Kampfdrohnen.
Erstpublikation: 03.04.2025, 14:23 Uhr.