Französischer Start-up-Verband: „Wir dürfen Europa nicht aus dem Blick verlieren“
Berlin. Angesichts des eher zunehmenden Nationalismus in vielen europäischen Ländern fordert die Chefin des französischen Start-up-Verbandes France Digitale, die eigenen Ländergrenzen zu überwinden. „Wir neigen dazu, Unternehmen zu gründen, die zuerst deutsch, französisch oder spanisch sind“, sagte Maya Noël dem Handelsblatt. Das müsse sich ändern. „Wir benötigen europaweit agierende Unternehmen. Wir dürfen Europa nicht aus dem Blick verlieren.“
Denn nur gemeinsame, europäische Tech-Champions hätten überhaupt eine Chance, es mit der Konkurrenz aus den USA und Asien aufzunehmen. „Nur zusammen können wir überhaupt europäische Souveränität erlangen“, sagte Noël.
Die Chefin des deutschen Start-up-Verbandes, Verena Pausder, stimmt ihr zu: „Wir benötigen eine klare europäische Verpflichtung zu Tech-Innovationen – davon profitieren wir alle.“ Als positives Beispiel nennt Pausder den AI Act der Europäischen Union (EU): Eine EU-weite Regulierung sei wesentlich besser als 27 Einzelregulierungen in den Mitgliedstaaten.
Der europäische Binnenmarkt, der die Freizügigkeit von Waren und Dienstleistungen garantiert, gilt als großer Vorteil für europäische Start-ups. Die Jungunternehmen nutzen diese mögliche Stärke aber bislang noch nicht vollständig. Um das zu ändern, will die frühere Recruiterin Noël im Jahr der Europawahl vor allem Netzwerke stärken und europäische Verbindungen fördern.
Auch der französische Präsident Emmanuel Macron forderte kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mehr europäische Zusammenarbeit. Die Zukunft Europas liege in einem europazentrierten Ansatz in Fragen der Verteidigung, sauberer Energien und neuer Technologien. Um das zu erreichen, müsse mehr investiert werden: „Das ist unerlässlich, wenn wir eine große Krise vermeiden wollen“, betonte Macron in seiner Rede. Derzeit mangele es Europa an Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu den USA und China.
Bei seinem Auftritt bewarb Macron Frankreich als attraktivstes Land für Start-ups. Er wird auf Reisen inzwischen regelmäßig von jungen Gründern begleitet. Zur Delegation in Davos gehörten Vertreter des KI-Hoffnungsträgers Mistral, des Quanten-Computer-Start-ups Pascal sowie der staatlichen Investmentbank BPI France.
Verena Pausder lobte Macrons Auftritt: „Ich wünsche mir auch von der deutschen Politik größeren und vor allem optimistischen Fokus auf Zukunftsthemen.“ Bundeskanzler Olaf Scholz dagegen war gar nicht nach Davos gereist.
Eine Studie von Startupblink auf Basis von Crunchbase- und Statista-Daten zeigt, wie groß die Unterschiede in der Start-up-Welt sind: Start-ups aus Europa erhalten knapp ein Fünftel des insgesamt weltweit in Jungfirmen investierten Kapitals. Rund ein Viertel landet im asiatisch-pazifischen Raum – und jeder zweite für Start-ups ausgegebene Dollar fließt in nordamerikanische Start-ups. An der groben Verteilung änderte auch der jüngste Einbruch bei den Finanzierungen infolge der Zinswende und weltweiten Wirtschaftsschwäche nichts.
„Sie müssen jetzt groß herauskommen“
Das könnte sich auch auf die Chancen auswirken, die die französische Verbandschefin für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI) bei europäischen Start-ups sieht. „Wir haben in Europa die richtigen Talente. Aber wir benötigen eine Menge Geld, wenn wir in diesen Kampf gehen wollen“, sagte Noël mit Blick auf US-Konkurrenten wie ChatGPT-Entwickler und Microsoft-Partner OpenAI. KI-Experten sehen aktuell nur für zwei Start-ups aus der EU Chancen, bei der Entwicklung generativer KI eine Rolle zu spielen: Aleph Alpha aus Heidelberg und Mistral aus Paris.
Mistral wird inzwischen mit zwei Milliarden Euro bewertet. „Sie müssen jetzt groß herauskommen“, sagt Noël. Die Möglichkeiten dazu habe Mistral, da das Unternehmen früh genug in das Rennen eingestiegen sei.
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Vorbild Frankreich?
Laut der Startupblink-Studie steigt der Anteil neuer Tech-Start-ups in Frankreich stärker als in jedem anderen europäischen Land. Auch in anderen Bereichen legt Frankreich vor: Trotz deutlich geringerer Einwohnerzahl wurde 2023 in Frankreich mehr in Start-ups investiert als in Deutschland, wie der State of European Tech Report von Atomico zeigt.
Noël verweist zudem auf Erfolge auf dem französischen Arbeitsmarkt: Inzwischen entstehe jeder 25. Job in einem Start-up. Der französische Investor Julien-David Nitlech von Iris Capital, der sowohl in Frankreich als auch in Deutschland agiert, betont die Gründerförderung der französischen Arbeitsämter, die großen Steueranreize für Start-ups und finanzielle Unterstützung für neue Mitarbeiter. Das erleichtere die Gründung.
Für weiteren Schwung soll die Neuauflage der Tibi-Initiative sorgen, die in den nächsten Jahren insgesamt sieben Milliarden Euro privaten Kapitals in die französische Start-up-Szene spülen soll. Das Programm ähnelt dem deutschen Wachstumsfonds, der allerdings nur eine Milliarde Euro umfasst.
Noël fordert dabei ein höheres Tempo: „Wir brauchen das Geld eher heute als morgen. Es muss schnell in das Ökosystem.“ Denn trotz der direkten Unterstützung durch den Präsidenten kämpfen Frankreichs Start-ups mit ähnlichen Problemen wie die deutschen. Nach dem Coronaboom mangelt es an Börsengängen, und Investoren sind auch in Frankreich zurückhaltend.