Giga Gipfel 2022: Wie können neue Technologien helfen, die Krisen der Gegenwart zu entschärfen?
Technologien helfen gegen Krisen. Darüber diskutierten auf dem Giga-Gipfel 2022 Philippe Rogge (CEO Vodafone Deutschland), Sabine Scheunert (Vice President Digita l& IT Sales/Marketing, Mercedes-Benz Cars) und Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes (von links nach rechts).
Foto: HandelsblattMünchen. Gasmangel, Pandemie, Inflation, der Krieg in der Ukraine: Deutschland befindet sich inmitten einer Zeit multipler Krisen. In einer solchen Zeit ist es umso wichtiger, auch über die Zukunft zu sprechen. Das war das Ziel der Innovationskonferenz „Giga-Gipfel“ von Handelsblatt, „Wirtschaftswoche“, „Tagesspiegel“ und Vodafone, bei der sich Topmanager, Unternehmerinnen, Wissenschaftler und Visionärinnen in München trafen, um über die digitale Zukunft Deutschlands und Europas zu diskutieren.
Wie entstehen Technologien, die dabei helfen, die großen Krisen der Gegenwart zu lösen? Welche Bildungskonzepte schaffen ein besseres Technologieverständnis? Wie müssen sich Unternehmen wandeln, um in den aktuellen Krisen nicht zerrieben zu werden? Und wie sieht die Führungskultur von morgen aus?
Ein Höhepunkt der Veranstaltung war das Interview von Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes mit dem renommierten US-Organisationspsychologen Adam Grant über die Fähigkeit, dauerhaft neugierig zu bleiben, alte Gewissheiten abzulegen, um Transformation einzuleiten – und die wichtigste Qualifikation der Zukunft: Kommunikation. Tags darauf folgten Gespräche mit Vorständen und Gründern über smartes Management, nachhaltiges Wirtschaften und Anforderungen an ein modernes Bildungssystem.
Die wichtigsten Thesen des Giga-Gipfels:
1. Bei der Bewältigung der Krisen sollte die Debatte stärker auf Technologie gelenkt werden.
Politiker und Wissenschaftler ringen seit Monaten um Wege aus der Energiekrise, um Lösungen des Arbeitskräfteproblems und Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung. Dabei „fokussieren wir uns zu sehr auf die kurzfristige Bewältigung der Probleme“, findet Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. „Tatsächlich sollten wir den Blick stärker auf langfristige Strategien richten.“ In vielen Fällen könnten Technologien helfen, zum Beispiel Künstliche Intelligenz (KI), bei der Bewältigung von Arbeitskräfteproblemen oder dem effizienten Einsatz von Ressourcen.
Das gelte besonders für die Klima- und Energiekrise, meint die Betriebswirtin Yasmin Weiss von der Technischen Universität Nürnberg. Die würden wir „alleine mit Verzicht nicht lösen können“, sagt sie. „Wir fliegen weiterhin, obwohl wir wissen, dass wir unseren CO2-Fußabdruck reduzieren müssen, und wir wollen im Winter, wenn es richtig kalt wird, die Heizung dennoch auf angenehme Temperatur einstellen“, sagt sie. Technologie sei ein Weg, Lösungen zu finden. Dass Technologie große Krisen lösen könne, habe die Entwicklung des mRNA-Impfstoffs gezeigt.
Vodafone-Deutschlandchef, Philippe Rogge, ergänzt: „Technologie kann die Krise nicht besiegen. Aber sie kann ihre Schockwellen mindern. Wir haben alles, was wir brauchen. Wir wenden es nur noch nicht gut genug und konsequent an.“
2. Deutschland braucht ein besseres Technologieverständnis. Der Schlüssel ist Bildung.
Das Thema Bildung spielte in fast allen Diskussionen des Gipfels eine Rolle. Insbesondere beim Umgang mit neuen Technologien. „Unsere Gesellschaft ist im technologisierten, digital vernetzten 21. Jahrhundert angekommen, die Schulen aber noch nicht“, sagt Bildungsexpertin Weiss, die gerade das Buch „Weltbeste Bildung“ veröffentlicht hat. „Obwohl in Schulen, Weiterbildungseinrichtungen und Universitäten lauter „Digital Natives“ sitzen, bilden wir trotzdem keine umfassend digital kompetenten Menschen aus.“
Weiss macht klar: Das deutsche Schulsystem müsse sich wandeln. Schon in der Grundschule sollten Kinder „computational thinking“ neben Lesen, Schreiben und Rechnen als vierte Grundfähigkeit erlernen. Das bedeutet, Muster eines Problems zu erkennen und Regeln zu formulieren, um dieses Problem zu lösen.
Sie rät, Praktiker aus der freien Wirtschaft in Schulen zu beschäftigen, „die mit vielen Anwendungsbeispielen Kindern eine Offenheit und eine Begeisterung für Technologie vermitteln“, sagt sie. Die Gründerin des Start-ups Neue Fische, Daria Das, weist indes darauf hin, dass sich das Problem mangelnder IT-Kompetenz quer durch die Gesellschaft ziehe – es sei bei Menschen, die bereits einen Beruf ausüben, mindestens ein genauso großes Problem wie an den Schulen. Mit Neue Fische hat sie ein Unternehmen gegründet, das Menschen in wenigen Wochen fit machen will für Jobs in der digitalen Welt – als Data Analyst oder Webdesigner zum Beispiel.
Überhaupt komme Weiterbildung im Laufe des Berufslebens in Deutschland zu kurz. Die Gründerin fordert Unternehmen daher auf, in die Bildung ihrer Angestellten zu investieren und sich mehr für Weiterbildung einzusetzen: „In Deutschland ist Bildung sehr politisch organisiert“, sagt sie. „Statt eigene Weiterbildungskonzepte zu entwickeln, zieht sich die Wirtschaft zu stark zurück“, findet Das.
Daria Das, Gründerin des Start-ups Neue Fische, beklagt, dass sich ein Mangel von IT-Kompetenz durch die gesamte Gesellschaft zieht.
Foto: HandelsblattEin besonderes Bildungsdefizit zeigt sich im Bereich neuer Technologien, bestätigt Handelsblatt-Chefredakteur Matthes. „Lange bestand die Sorge, dass Roboter Jobs ersetzen. Nun zeigt sich, die Automatisierung kommt nicht schnell genug, um all die Jobs zu übernehmen, für die Firmen keine Mitarbeiter mehr finden“, sagt er. Das belegen Zahlen: Nie zuvor waren so viele Stellen unbesetzt wie im zweiten Quartal dieses Jahres: 1,9 Millionen. Es fehlen nicht nur Fachkräfte, sondern Mitarbeiter in allen Branchen.
3. In einer Welt der multiplen Krisen müssen Führungskräfte und Mitarbeiter lernen, schneller alte Gewissheiten in Frage zu stellen.
In unsicheren Zeiten fielen Menschen in alte Gewohnheiten zurück, sagt Bildungsexpertin Weiss. Die Coronapandemie aber habe sie gezwungen, alte Denkweisen, Arten der Zusammenarbeit und der Führung infrage zu stellen, etwa im Hinblick auf Homeoffice, hybrides Arbeiten oder die Wahl eines neuen Arbeitsplatzes. US-Psychologe Grant bewertet diese Folge der Pandemie zwar als positiv. Er fürchtet aber, „dass das Umdenken aufhört, sobald die Pandemie endemisch wird“. Und an diesem Punkt stehe die Welt bald.
„Wir vergessen oft, dass wir unsere Meinungen auf dieselbe Weise überdenken müssen, wie wir sie gebildet haben“, sagt Grant. Damit meint er, die eigenen Auffassungen und Handlungen zu hinterfragen.
Unternehmen seien „in Konkurs gegangen, weil die Führungskräfte nicht mehr umdenken konnten“. Häufig bezeichneten sie die „digitale Disruption als Ursache“, so Grant. Dabei liege die Ursache bei den Führungskräften selbst, „die sehr gut denken können, aber einfach zu langsam sind, wenn es um neues Denken geht“.
Adam Grant, bekannter Organisationspsychologe (rechts), im Gespräch mit Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes. Der Bestseller-Autor sieht auch positive Folgen der Pandemie.
Foto: HandelsblattWeiss bestätigt: „Gerade erfolgreiche Unternehmen sind schlecht darin, bewährte Muster abzulegen“, sagt sie. „Nach der Finanzkrise 2008/2009 haben wir vornehmlich Führungskräfte herangezogen, die ausschließlich wissen, wie man Unternehmen durch erfolgreiche Zeiten führt. Jetzt müssen sie Firmen durch den perfekten Sturm bringen“, sagt Weiss.
4. Um die Krisen zu bewältigen, müssen sich die Unternehmen radikal wandeln, vor allem bei der Führungskultur.
Sabine Scheunert, Digitalchefin bei Mercedes Benz Cars, hält Resilienz und die Fähigkeit zur Adaption für eine wichtige Qualifikation in Krisenzeiten. „Unternehmen mit einer hohen organisationalen Resilienz reagieren gelassener auf Krisen und gehen unbeschadeter aus ihnen hervor“, sagt sie.
Der Organisationspsychologe Grant fordert Führungskräfte auf, ihr eigenes Mindset zu hinterfragen. Chefs sollten wie Wissenschaftler arbeiten und vor wichtigen Entscheidungen viele Meinungen zulassen. Er beobachtet, dass sie dagegen oft in die Denkweise von drei verschiedenen Berufsgruppen verfallen: Prediger, Staatsanwälte und Politiker.
Führungskräfte schalten in den Predigermodus, wenn Überzeugungen in Gefahr geraten, die ihnen heilig sind, sagt er. Sie agieren als Staatsanwälte, wenn sie Fehler in der Argumentation ihrer Mitarbeiter suchen und Argumente vorbringen, um zu zeigen, dass ihre Meinung die richtige ist. In den Politikermodus wiederum verfallen sie, wenn sie um Zustimmung ihrer Angestellten ringen.
Alle drei Persönlichkeiten hinderten sie daran, „aufgeschlossen zu sein“ – „denn ob man nun predigt, anklagt oder Politik macht, man ist bereits zu dem Schluss gekommen, dass man selbst recht hat und die anderen im Unrecht sind“.
5. Die wichtigste Fähigkeit der Zukunft: Kommunikation.
Kommunikation ist der Schlüssel, den Krisen der Zukunft gerecht zu werden – darüber sind sich die Diskussionsteilnehmer des Giga-Gipfels einig. Grant findet sogar, dass Schreiben die wichtigste Qualifikation der Zukunft ist.
„Ich lege großen Wert auf Kommunikationsfähigkeiten, insbesondere auf Schreibfähigkeiten“, sagt er. „Denn wir kommunizieren viel intensiver als früher – und viele Menschen können besser reden als schreiben.“
Führungskräfte bräuchten ein gutes Kommunikationsgeschick, um mehrere, dringende Fragen zu beantworten, unter anderem: „Wie können Führungskräfte widersprüchliche Informationen und technologisch komplexe Zusammenhänge so kommunizieren, dass Menschen, die Orientierung suchen, sie verstehen?“
Das größte Hindernis sei es, zu vermeiden, Probleme anzusprechen, findet der Organisationspsychologe Grant. Führungskräfte neigten dazu, Lösungen zu fordern, statt Probleme zu thematisieren. „Wenn sich Menschen nur dann zu Wort melden können, wenn sie eine Lösung für das Problem haben, tun sie es nicht“, sagt er. „Denn häufig sind die großen Probleme zu komplex, um von einer einzelnen Person gelöst zu werden.“ Erfolgreiche Führungskräfte seien hingegen offen und bereit, sich zu irren, und ermutigten ihre Angestellten, Probleme offen auszusprechen, sagt Grant. „Eines ihrer Grundprinzipien ist, dass niemand das Recht hat, eine kritische Meinung zu vertreten, ohne sie zu äußern.“
Janina Mütze, die Mitgründerin des digitalen Marktforschungsinstituts Civey, befasst sich regelmäßig mit der Stimmung in der Gesellschaft. Nach einer aktuellen Untersuchung blickt nur noch jeder Vierte zuversichtlich in die Zukunft. Vor knapp eineinhalb Jahren waren es noch 46 Prozent. Die Gefühle von Unsicherheit und Machtlosigkeit haben dagegen zugenommen.
Janina Mütze, Mitgründerin des digitalen Marktforschungsinstitut Civey, beobachtet einen Stimmungswandel in der Gesellschaft. Das Gefühl von Unsicherheit und Machtlosigkeit wird größer.
Foto: Handelsblatt„Nach einem goldenen Jahrzehnt beginnt eine Zeit sich überlagernder Krisen“, sagt Handelsblatt-Chefredakteur Matthes. Viele Debatten seien „apokalyptische Überbietungswettbewerbe“, findet er, dabei „gäbe es neben Untergang so viel, über das wir sprechen könnten, Lösungen zum Beispiel, Technologien, die gegen viele Krisen dieser Welt helfen können“.
Die Skepsis gegenüber neuen Technologien zu überwinden sei Aufgabe von Politik und Unternehmen, findet Mütze, indem sie „den Nutzen von Technologie verbildlichen und spürbar machen“, sagt sie, denn Menschen verstünden Technologie besser, wenn sie Anwendungsfälle erlebten, etwa dem Bürgeramt eine E-Mail zu schreiben, statt per Post einen Termin zu vereinbaren.
Die Diskussion hat gezeigt: Deutschland hat gute Voraussetzungen, Krisen mithilfe neuer Technologien zu lösen. Die Umsetzung erfordert ein modernes Bildungssystem, ein neues Verständnis von Unternehmensführung und die Bereitschaft, alte Gewissheiten infrage zu stellen.
Erstpublikation: 13.11.22, 19:00 Uhr.