Halbleiter: 1300 Dollar pro Auto – so profitiert Infineon vom Chinageschäft
München. Xiaomi mag für deutsche Autobauer ein Herausforderer sein. Doch für Infineon ist der chinesische Konzern, der derzeit ins E-Auto-Geschäft einsteigt, vor allem ein hochattraktiver Kunde. „Wir haben eine sehr gute Partnerschaft mit Xiaomi“, sagt Peter Schiefer, Chef der Autosparte des Münchner Chipherstellers, dem Handelsblatt.
Der Dax-Konzern liefert eigenen Angaben zufolge mehr als 60 unterschiedliche Komponenten für Xiaomis Limousine SU7, darunter Stromsparchips aus dem innovativen Material Siliziumkarbid. Auch stecken in dem Elektrofahrzeug der Chinesen mehr als ein Dutzend sogenannte Mikrocontroller von Infineon. Das sind Minicomputer für spezielle Aufgaben, zum Beispiel für Klimaanlage oder Fensterheber.
Dahinter steht ein Trend, und der lautet: Peking statt Wolfsburg oder Stuttgart. Die Krise der westlichen Autohersteller lässt Deutschlands größten Halbleiterproduzenten vergleichsweise kalt.
Statt an Bosch oder Volkswagen verkauft Infineon seine Bauelemente jetzt verstärkt an Xiaomi. Infineon profitiert so unmittelbar vom Wandel des Elektronikkonzerns aus der chinesischen Hauptstadt vom Smartphonehersteller zur Automarke.
Die Frage ist nur: Wie lange noch?
Als Infineon im Frühjahr 2024 über den Auftrag aus Peking berichtete, zitierte das Unternehmen Zhenyu Huang, Vice President von Xiaomi EV und General Manager der Abteilung Supply Chain. Ausschlaggebend für Infineon seien demnach die „belastbaren Fertigungskapazitäten bei Leistungshalbleitern“ gewesen, sowie ein „hoch skalierbares Mikrocontroller-Produktportfolio“.
Die Zusammenarbeit helfe Xiaomi, „ein leistungsstarkes, sicheres und zuverlässiges Luxusfahrzeug mit hochmodernen Funktionen zu schaffen“. Der Vertrag zwischen Infineon und Xiaomi läuft bis 2027.
Für Infineon, den weltgrößten Anbieter von Autochips, sind aufstrebende Marken wie Xiaomi gleich aus mehreren Gründen wichtig. Divisionschef Schiefer: „Junge Autohersteller sind deutlicher offener dafür, ganze Chipsets zu übernehmen und sich von uns beraten zu lassen. Sie sehen das als Vorteil.“
Das heißt: Während etablierte Autohersteller meist nur einzelne Bauelemente kaufen, bestellen die jungen Firmen komplette Plattformen. Sie binden sich damit nicht nur enger an Infineon, sie sorgen auch für einen höheren Umsatz.
Elektroautos sind für Infineon attraktiv
Dafür gebe es einen Grund, meint Manager Schiefer: „Sie müssen Autos aus einem Guss entwickeln, um sich vom Wettbewerb abzuheben.“
Mit den Aufträgen für Elektroautos aus China gelingt es Infineon, die schwache Nachfrage der verbrennerlastigen Kunden aus dem Westen auszugleichen. Denn mit Strom angetriebene Fahrzeuge enthalten Schätzungen von Infineon zufolge im Schnitt Halbleiter für 1300 Dollar, Autos mit Verbrennungsmotor nur für 750 Dollar.
Neben Xiaomi beliefert der Konzern auch andere führende Autohersteller aus der Volksrepublik, darunter BYD, Changan, Chery, Leapmotor, Saic und Xpeng sowie Zulieferer wie Inovance.
Die Regierung in Peking drängt einheimische Firmen zwar seit Jahren, mehr Chips von lokalen Anbietern einzusetzen, und hat hierfür sogar eine Quote von 25 Prozent verordnet. Den Analysten der Investmentbank Jefferies zufolge ist es aber kein Zufall, dass chinesische Automarken wie Xiaomi trotzdem auf renommierte ausländische Lieferanten wie Infineon zurückgreifen.
Die Hersteller seien in erster Linie an ihrem eigenen Wachstum und Marktanteil innerhalb und außerhalb Chinas interessiert: „Um dies zu erreichen, müssen sie Autos produzieren, die besser sind als die von Tesla, VW, Mercedes, Toyota und ihren Mitbewerbern.“
Xiaomi investiert sieben Milliarden Dollar in die Chipentwicklung
Wenn ein lokaler Chiphersteller eine akzeptable Alternative anbiete, würden sie diese zwar einsetzen, so Jefferies. „Ist dies nicht der Fall, haben sie kein Problem damit, weiterhin ausländische Chiphersteller zu nutzen.“
Laut dem Marktforschungs- und Beratungshaus Yole Group steigt derzeit aber der Druck auf Infineon und dessen westliche Mitbewerber in China. Führende Automarken wie BYD und Nio würden längst ihre eigenen Halbleiter entwickeln. Das habe sich bislang nur der amerikanische Elektroauto-Pionier Tesla getraut.
Auch Xiaomi designt bereits Chips, allerdings für Computer. So hat die Firma dieses Jahr einen Prozessor namens Xring O1 vorgestellt, der für Geräte wie das Tablet 7 Ultra entwickelt wurde. Co-Gründer Lei Jun versprach, bis Ende des Jahrzehnts sieben Milliarden Dollar in die Chipentwicklung zu stecken.
„Für Infineon ist es entscheidend, die gute Marktposition bei Autochips in China zu halten“, sagt Markus Golinski, Portfoliomanager beim Fondshaus Union Investment. Infineon erzielt mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit der Autobranche. Aus China wiederum stammten in den ersten sechs Monaten des laufenden Geschäftsjahrs 28 Prozent der Erlöse. China ist damit die mit Abstand wichtigste Region des Unternehmens.
Bislang schlägt sich der Konzern wacker in China. Golinski zufolge steht für Infineon aber viel auf dem Spiel: „Das langfristig größte Risiko ist der zunehmende Wettbewerb in China durch einheimische Anbieter.“