Helsing: Deutschlands wertvollstes Start-up übernimmt das nächste Unternehmen
Berlin. Deutschlands wertvollstes Start-up Helsing kauft seinen bisherigen Partner Blue Ocean aus Australien. Das teilte das Verteidigungsunternehmen aus München am Mittwoch mit. Nur vier Monate nach dem Kauf des bayerischen Flugzeugherstellers Grob Aircraft stemmt Helsing damit die nächste Übernahme. Finanzielle Details zum Deal bleiben allerdings offen.
Blue Ocean entwickelt und steuert autonome Unterwasserfahrzeuge sowie die dazugehörige Software. „Wir können unseren Kunden jetzt ein Gesamtpaket anbieten“, sagte die bei Helsing für das maritime Geschäft verantwortliche Managerin, Amelia Gould, dem Handelsblatt. Das sei ein weiterer Schritt in Richtung Massenproduktion.
Helsing, das sich 2021 mit dem Schwerpunkt auf KI-gestützte Softwarelösungen für den Rüstungssektor gegründet hat, baut mit dem Zukauf von Blue Ocean seine Hardwareexpertise aus – wie bereits durch den Grob-Deal. Darin liegt für das Start-up ein strategischer Vorteil: Beschaffungsprozesse einzig für Softwarelösungen sind im Verteidigungssektor weiterhin selten.
Partner seit einem Jahr
Blue Ocean sitzt in Perth und existiert seit elf Jahren. Laut eigenen Angaben mache das Unternehmen „solide Umsätze“. Details zu konkreten Zahlen gibt es keine – genauso wenig ist bekannt, wie viel Helsing für Blue Ocean bezahlt. Gould wollte sich auf Nachfrage dazu nicht äußern und begründete das damit, dass die australischen Behörden dem Kauf noch zustimmen müssten.
Die Managerin sagte aber, dass Blue Ocean viel kleiner sei als Grob. Wie viel Geld Helsing für Grob bezahlt hat, ist allerdings auch unklar. Genügend Geld für Übernahmen steht Helsing wohl zur Verfügung, denn seit der Gründung hat das Unternehmen bei Investoren etwa 1,5 Milliarden Euro eingesammelt.
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Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im Juni steigerte die Firma aus München ihre Bewertung von etwa fünf Milliarden Euro auf nunmehr zwölf Milliarden Euro und stieg zum wertvollsten deutschen Start-up vor dem Softwarespezialisten Celonis auf.
Blue Ocean und Helsing arbeiten seit etwa einem Jahr zusammen. In dieser Zeit entstand Helsings autonomes Unterwasserfahrzeug, der Gleiter SG-1 Fathom, der wiederum den Geräten von Blue Ocean ähnelt.
Den Gleiter und die dazugehörige KI-Plattform Lura hatte Helsing erstmals im Mai vorgestellt. Inzwischen hat das Start-up die Produktionsstätte für den SG-1 Fathom im britischen Küstenort Plymouth in Betrieb genommen. Dort hat auch Blue Ocean einen Standort.
Welche Pläne Helsing verfolgt, wenn die australischen Behörden den Deal bewilligen, bleibt offen. Gould sprach von „einigen Ideen“. Aber darüber könne sie bisher nicht reden. Nach der Übernahme von Grob überraschte Helsing indes den Markt: In Tussenhausen, dem Hauptsitz des Flugzeugbauers, stellte die Firma einen eigenen unbemannten Kampfjet vor. Dessen Erstflug ist für 2027 geplant.
Markt mit unbemannten Gleitern wächst
Helsing scheint sich nun strategisch vermehrt der Unterwassersicherheit zuzuwenden. So hält Gould einen Drohnenwall unter Wasser für den Schutz Europas für entscheidend – ähnlich einem Drohnenwall in der Luft an der Nato-Ostflanke. Dessen Aufbau hatten sowohl Nato-Chef Mark Rutte als auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erst kürzlich gefordert. Über den Unterwasserschutz werde bisher zu selten gesprochen, sagte Gould: „Die Gefahr kommt nicht nur aus dem Osten.“
Gleiter wie jene von Helsing seien eine Möglichkeit, um eine flächendeckende Überwachung großer Gebiete zu gewährleisten. Welche Kunden sich aktuell für den Gleiter interessieren oder ihn möglicherweise sogar schon bestellt haben, wollte Gould auf Nachfrage nicht verraten. Sie sagte lediglich: „Es gibt Gespräche mit verschiedenen Interessenten.“
Dass der Bedarf da ist, bestätigte eine Sprecherin der Deutschen Marine bereits im Sommer: „Der Umfang an unbemannten Systemen wird in Zukunft auch bei der Marine zunehmen.“
Während der Luftkampf spätestens seit dem Ukrainekrieg immer stärker von unbemannten Systemen dominiert wird, spielen auf und unter Wasser weiterhin Fregatten und U-Boote die größte Rolle. Das ändert sich allerdings. Mittlerweile sorgen bessere Batterien, Sensoren und KI dafür, dass unbemannte Unterwasserfahrzeuge an Bedeutung gewinnen.
Nicht nur Helsing investiert in diesen Bereich. Auch die Konkurrenz, darunter die deutschen Rüstungs-Start-ups Quantum Systems und Stark Technologies, ist inzwischen auf den Sektor aufmerksam geworden. So präsentierte Stark seine unbemannten Boote Ende September erstmals im Rahmen eines Nato-Manövers in Portugal.
Diese Entwicklung dürfte sich noch beschleunigen. Darauf setzen auch Konzerne wie Boeing und BAE Systems, die neue Modelle im Portfolio haben oder solche planen. Die Marinesparte von Thyssen-Krupp, TKMS, arbeitet schon seit Jahren an einem unbemannten Trägerschiff, unter anderem zusammen mit der Berliner Firma Evologics.
Erstpublikation: 08.10.2025, 07:00 Uhr.