Konzern: SAP will Milliarden in digitale Unabhängigkeit investieren
Düsseldorf. Eine Cloud für die eigenen vier Wände: SAP bringt zwei neue Angebote für Unternehmen heraus, die ihre Daten stärker unter Kontrolle halten wollen. Der Softwarekonzern bietet beispielsweise ab dem kommenden Jahr Server mit eigenen Cloud-Diensten an, die Geschäftskunden im eigenen Rechenzentrum betreiben können.
SAP-Vorstandsmitglied Thomas Saueressig begründete die Initiative am Dienstag mit geopolitischen Veränderungen und gesetzlichen Anforderungen. In einer „sich verändernden Welt“ sei digitale Souveränität „absolut essenziell für unsere Kunden“. Besonders gelten dürfte das für Behörden und Unternehmen in streng regulierten Branchen.
Für den Ausbau des Geschäfts mit digitaler Souveränität plant SAP laut Saueressig „über das nächste Jahrzehnt“ weltweit „mehr als 20 Milliarden“ Euro ein.
Darin enthalten sind neben den Investitionen in Rechenzentren und Server die laufenden Kosten etwa für die Anpassung der Software sowie den Betrieb der Standorte in den verschiedenen Ländern – also Produktentwicklung und regionale Expansion.
SAP ist damit Teil eines weltweiten Trends. „Alle anderen Cloud-Anbieter vermarkten Produkte mit digitaler Souveränität“, sagte Dario Maisto vom Analysehaus Forrester dem Handelsblatt. Auch die Marktführer aus den USA, Amazon, Google und Microsoft – im Fachjargon Hyperscaler –, versprechen Kunden etwa eine stärkere Kontrolle über ihre Daten.
Wie zuverlässig sind die USA?
Die Cloud gilt als zentrale Technologie für die IT-Modernisierung: Organisationen erhalten Speicherplatz und Rechenleistung, Software und Algorithmen auf Knopfdruck, ohne eigene Infrastruktur aufbauen zu müssen. Doch der Komfort hat seinen Preis: Wer Daten auslagert, gibt Kontrolle ab – was zunehmend für Diskussionen sorgt, wenn Anbieter amerikanischem Recht unterliegen.
„In vielen Unternehmen und Behörden wird gerade die Verlässlichkeit der USA hinterfragt“, sagt Tobias Regenfuß, der bei Accenture im deutschsprachigen Raum Geschäftsführer für den Bereich Technologie ist. Es gebe vermehrt Diskussionen über das Risiko, dass die Regierung unter Präsident Donald Trump die technologische Vormacht des Landes für ihre geopolitischen Interessen nutzt.
Ein warnendes Beispiel: Im Februar erließ der US-Präsident Sanktionen gegen den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan. Microsoft sperrte Khan aufgrund der Anordnung sein Nutzerkonto. Der Fall habe Aufsehen erregt, sagt Accenture-Berater Regenfuß. „Viele Unternehmen wollen sich jetzt Handlungsoptionen verschaffen.“
Als Unternehmen mit Sitz in Walldorf ist SAP nicht direkt von der Politik in Washington betroffen. Allerdings arbeitet der deutsche Softwarehersteller eng mit den amerikanischen Cloud-Spezialisten zusammen – so können Kunden die Geschäftsanwendungen auf den Infrastrukturen der Hyperscaler laufen lassen.
Um Alternativen zu entwickeln, hat der Konzern im vergangenen Jahr den Bereich „Sovereign Services & Delivery“ unter Leitung von Martin Merz gegründet. Dieser entwickelt verschiedene Modelle, die mehr Sicherheit und Eigenständigkeit versprechen.
Alternativen zu Microsoft, Amazon und Google
- Eigenbetrieb: Kunden können ab 2026 Server mit Cloud-Diensten von SAP im eigenen Haus installieren – und behalten so zumindest die Kontrolle über die Infrastruktur. „Selbst Cloud-Anbieter erkennen, dass viele Kunden die Anwendungen so nah wie möglich bei sich haben wollen“, sagt Forrester-Analyst Maisto.
- SAP-Rechenzentren: Bereits jetzt ist es möglich, dass Kunden Cloud-Anwendungen in den Rechenzentren von SAP laufen lassen. Die technische Basis beruht auf OpenStack, einer quelloffenen Software, die kein anderer Konzern kontrolliert. Damit handelt es sich um eine Alternative zu den Hyperscalern. Der Konzern erwartet im Laufe des Jahres eine Akkreditierung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).
- Partnerangebote: Bereits bekannt ist, dass T-Systems und Schwarz Digits zentrale Produkte von SAP über ihre Cloud-Plattformen vermarkten wollen, auch an Behörden. Als deutsche Unternehmen unterliegen sie nicht amerikanischen Gesetzen wie dem Cloud Act, die den Sicherheitsbehörden in den USA teils weitreichende Befugnisse einräumen.
- Verwaltungs-Cloud: Speziell für die öffentliche Verwaltung in Deutschland lässt SAP mit Delos Cloud eine Plattform entwickeln, die ein besonders hohes Schutzniveau bieten soll. Erste Dienste sollen ab Anfang 2026 zur Verfügung stehen.
Bei der Ankündigung betonte der Softwarehersteller, dass Europas Widerstandsfähigkeit von der digitalen Souveränität abhänge. Das „Sovereign Cloud“-Portfolio wird allerdings weltweit vermarktet – es soll unter anderem in den USA, Australien und Großbritannien verfügbar sein. In einem Blogpost verweist das Unternehmen zudem auf Gespräche mit „mit vier asiatischen Ländern“.
Viele Details bleiben zunächst offen, etwa die Preisgestaltung. In der Vergangenheit waren Initiativen für souveräne Cloud-Dienste gescheitert, weil die Anbieter die hohen Kosten auf die Kunden abwälzen wollten – was die Vermarktung erschwerte. Eine Cloud für die eigenen vier Wände ist angesichts des Kostendrucks in vielen Firmen eben auch eine Frage der Preises.
Erstpublikation: 02.09.2025, 16:49 Uhr.