Onsemi: US-Konzern schnappt Infineon Großauftrag für VW weg
München. Zwei Milliarden Dollar steckt Hassane El-Khoury in ein neues Chipwerk in Tschechien. Das hat der Chef des amerikanischen Halbleiterherstellers Onsemi vor vier Wochen angekündigt. Jetzt wird klar, warum der Manager so viel Geld in Europa investiert: Onsemi ergatterte einen Großauftrag von Volkswagen (VW). Das teilte Onsemi an diesem Montag mit.
Der Konzern aus Arizona soll VW mit Leistungshalbleitern für die nächste Generation der Elektroautos versorgen. Konkret: Onsemi sei „primärer Lieferant“ von Chips für sogenannte Traktionsumrichter. Diese Geräte sind für die Steuerung der elektrischen Energie zwischen der Batterie und dem Elektromotor verantwortlich.
Onsemi hat sich dabei gegen den Dax-Konzern Infineon durchgesetzt, Deutschlands größten Chiphersteller und Weltmarktführer bei Autochips. Es geht um hohe Stückzahlen: Onsemi beliefert VW mit Halbleitern für die neue Einheitsplattform namens „Scalable Systems Platform“. Sie soll in allen Fahrzeugsegmenten des Konzerns zum Einsatz kommen.
Das System soll Ladezeiten von um die zwölf Minuten ermöglichen und das automatisierte Fahren auf Level vier beherrschen, die Vorstufe zum komplett autonomen Fahren, bei der ein Fahrzeug überwiegend selbstständig navigiert. VW-Markenchef Thomas Schäfer sagte im Juni: „Das ist unsere neue Architektur, mit der wir ab voraussichtlich 2028 planen.“ Bis dahin wird auch das neue Werk von Onsemi in Tschechien fertig sein.
Dass Onsemi die Ausschreibung gewann, liegt laut El-Khoury an der flexibel einsetzbaren Technologie des Konzerns. „Wir decken das komplette Spektrum ab, von den niedrigsten Leistungsklassen bis ganz oben“, sagte der Manager dem Handelsblatt. VW könne dieselbe Lösung vom Kleinwagen bis zur Luxuslimousine einbauen.
Bei Stromsparchips liegt Onsemi vor Infineon
Onsemi ist wenig bekannt in Europa. Bei Leistungshalbleitern für die Stromversorgung ist das Unternehmen mit seinen rund 30.000 Beschäftigten aber einer der wichtigsten Konkurrenten von Infineon. Im Geschäft mit Stromsparchips aus dem innovativen Material Siliziumkarbid (SiC) liegt Onsemi vor den Münchenern. Auch bei dem VW-Auftrag geht es um SiC-Chips.
Pionier bei diesen Halbleitern war der Elektroautohersteller Tesla. Als dessen Lieferant ist Onsemi stark gewachsen. Die Analysten von Jefferies beurteilen das SiC-Geschäft so: „Die beiden größten Anbieter von SiC-Chips, Onsemi und STMicroelectronics, sind hauptsächlich bei Tesla engagiert, während der drittgrößte, Infineon, vor allem an Hyundai/Kia liefert.” SiC-Chips ermöglichen längere Reichweiten von Elektroautos, sind aber teurer als die herkömmlichen Bauelemente aus Silizium.
Bei einem zügigen Start der Bauarbeiten in Tschechien würde Onsemi dem US-Rivalen Wolfspeed zuvorkommen. Die Firma hatte bereits im Frühjahr 2023 den Bau eines SiC-Werks im Saarland verkündet. Partner bei dem mehr als zwei Milliarden Euro schweren Vorhaben ist der Autozulieferer ZF. Nach wie vor feilscht der Konzern aber mit der Bundesregierung um Fördergelder. Konzernchef Gregg Lowe hat einen schnellen Baubeginn jüngst ausgeschlossen.
Der Kunde kämpft mit Verzögerungen bei E-Autos
Im Gegensatz zu den meisten Konkurrenten will Onsemi in Tschechien die gesamte Wertschöpfungskette abdecken, von der Produktion der SiC-Scheiben, auf denen die Chips entstehen, bis hin zum Verpacken und Testen. Üblicherweise findet die Weiterverarbeitung in Asien statt.
Der Konzern rechnet dabei mit staatlicher Unterstützung in bislang nicht genannter Höhe. Üblich sind in der EU zwischen 20 und 50 Prozent der Investitionssumme, bei Onsemi wäre das also bis zu einer Milliarde Dollar.
Im ersten Quartal hat Onsemi einen Umsatz von knapp 1,9 Milliarden Dollar erzielt, rund fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Der Gewinn ist um etwa ein Fünftel auf 453 Millionen Dollar (415 Millionen Euro) gesunken. Zum Vergleich: Konkurrent Infineon erzielte im selben Zeitraum fast doppelt so viel Umsatz. Unterm Strich blieben bei den Bayern aber lediglich 394 Millionen Euro übrig. Infineon ist also nicht annähernd so profitabel wie Onsemi.
Bis sich der neue VW-Auftrag in den Ergebnissen niederschlägt, werden allerdings noch einige Jahre vergehen. Zuletzt wurde bekannt, dass VW wegen Softwareproblemen bei seiner neuen Plattform den Start mehrerer Modelle verschieben muss. So soll etwa der Nachfolger des ID.4 nun 15 Monate später und damit frühestens 2029 auf den Markt kommen, der Elektro-SUV T-Sport nicht vor 2031.
Erstpublikation: 22.07.2024, 12:21 Uhr.