Quartalszahlen: Amazon-Aktie gibt nach – Konzern warnt vor langsamerem Wachstum der Cloud
Amazon kann dank des guten Cloud-Geschäfts überzeugen.
Foto: ReutersNew York, San Francisco. Der weltgrößte Onlinehändler und Cloud-Dienst Amazon ist trotz hoher Inflation und Konjunktursorgen mit einem Umsatzplus ins neue Geschäftsjahr gestartet und hat die Erwartungen der Investoren übertroffen: Nicht nur der Umsatz wächst wieder. Auch unterm Strich steht statt eines Milliardenverlustes im Vorjahr wieder ein Plus.
Das erste Quartal des Jahres hat Amazon unter der Führung von Andy Jassy mit einem Nettogewinn von 3,1 Milliarden Dollar abgeschlossen. Noch vor einem Jahr stand unter dem Strich ein Minus von 3,8 Milliarden Dollar. Der Umsatz ist auch dank eines starken Werbegeschäfts gegenüber dem Vorjahreszeitraum um neun Prozent auf 127,4 Milliarden Dollar gestiegen. Der operative Gewinn legte sogar um 30 Prozent auf 4,8 Milliarden Dollar zu.
An der Börse wurden die Daten zunächst positiv aufgenommen. Als Finanzchef Brian Olsavsky vor einem deutlichen Rückgang der Wachstumsraten im Cloud-Geschäft warnte, drehten die Aktien jedoch schnell wieder ins Minus.
Die Cloudspare AWS ist seit Jahren der wichtigste Gewinntreiber des Unternehmens. Rivale Google hatte am Dienstag erstmals einen Profit seiner Cloud-Sparte ausgewiesen. Amazon-CFO Olsavsky dämpfte jedoch die Erwartungen. „Unternehmen optimieren weiterhin ihre Ausgaben – genau wie Amazon, um ehrlich zu sein“, sagte Olsavsky, als er nach der Wachstumsrate von AWS gefragt wurde.
Amazon geht von einem Konzernumsatz zwischen 127 Milliarden und 133 Milliarden Dollar aus. Der operative Gewinn soll zwischen 2,0 Milliarden und 5,5 Milliarden Dollar liegen.
Amazon-CEO Andy Jassy äußert sich zu Strategie
Konzernchef Andy Jassy, der im Gegensatz zu den CEOs anderer Tech-Unternehmen meist die Telefonkonferenz mit Analysten schwänzt, nahm sich am Donnerstag Zeit, seine Strategie zu erklären.
„Im vergangenen Jahr haben wir eine ganze Reihe von Kosteneinsparungen vorgenommen“, sagte Jassy. „In einigen Fällen führte dies dazu, dass wir bestimmte Geschäftsbereiche wie unsere physischen Buchläden, Forestar Stores, Amazon Fabric, Amazon Care und bestimmte Geräte, bei denen wir keinen Weg zu sinnvollen Erträgen sahen, schließen mussten.“
Der Amazon-Chef gab kürzlich Entlassungen bekannt.
Foto: BloombergAm Vortag hatte Amazon das Ende für das erst im Jahr 2020 gestartete Fitnessband Halo bekannt gegeben. Zudem gingen die Massenentlassungen weiter. „Wir haben die sehr schwierige Entscheidung getroffen, etwa 27.000 Stellen im Unternehmen abzubauen“, sagte Jassy.
Anleger hatten die Zahlen mit Spannung erwartet. Schließlich hatte Amazon zuletzt vor allem mit einem langsameren Wachstum und Sparrunden von sich reden gemacht. Auch den Ausbau des zweiten Hauptsitzes in der Nähe der Hauptstadt Washington hat Amazon auf Eis gelegt.
Amazon machte zuvor Verlust im weltweiten Onlinehandel
Im klassischen Onlinehandel ist Amazon in Nordamerika wieder in die Gewinnzone zurückgekehrt: Statt einem operativen Verlust von 1,6 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum steht im ersten Quartal dieses Jahres ein Plus von knapp 900 Millionen Dollar unterm Strich. Im internationalen Geschäft dagegen schreibt Amazon mit 1,247 Milliarden Dollar operativ weiterhin Verluste. Damit war die Sparte Handel insgesamt ein Verlustbringer.
Im Onlinehandel hatte Amazon während der Pandemie massiv Kapazitäten ausgebaut, mit mehr Logistikzentren und eigenen Lkw-Flotten und Flugzeugen. Als die Menschen dann nach der Pandemie wieder in die physischen Läden zurückgekehrt waren, hat sich diese Expansion als zu aggressiv erwiesen. Die Führung unter Jassy hat deshalb zuletzt bei der Expansion auf die Bremse getreten.
>> Lesen Sie dazu: Amazon streicht 9000 Stellen – Cloud-Sparte AWS und Twitch betroffen
Amazon-Cloud-Sparte AWS schwächelt
In den vergangenen Jahren hatte die Cloud-Tochter AWS die schwachen Ergebnisse im Handel stets herausreißen können. Doch auch AWS schwächelt. Erstmals musste Amazon für den Geschäftsbereich einen sinkenden Umsatz im Vergleich zum Vorquartal – also dem vierten Quartal 2022 – ausweisen.
Im Jahresvergleich konnte AWS dagegen einen Zuwachs der Erlöse von 16 Prozent ausweisen – im Vergleich zu den Vorjahren ein sehr geringer Wert. Im Quartal zuvor hatte der Zuwachs noch bei 20 Prozent gelegen – im Jahr 2021 sogar bei 40 Prozent.
Im abgelaufenen Quartal erreichte Amazon einen Umsatz von 21,4 Milliarden Dollar mit seinem Cloud-Angebot. Analysten hatten mit noch schwächeren Zahlen gerechnet. Die Gewinne im Cloud-Geschäft brachen um 21 Prozent auf 5,1 Milliarden Dollar ein.
„Endlich wieder Rückenwind“
Angesicht der noch schlimmeren Markterwartungen konnte Analyst Andrew Lipsman von Insider Intelligence den Quartalszahlen Positives abgewinnen: „Zum ersten Mal seit mehreren Quartalen könnte Amazon endlich wieder etwas Rückenwind haben.“
„AWS hat ebenso überrascht wie das Werbegeschäft“, resümiert auch Aaron Kessler, Analyst von Raymond James. Er weist darauf hin, dass das Werbegeschäft um 23 Prozent gewachsen ist.
„Dies ist ein Jahr der Wende“, kommentierte Natasha Lamb von Arjuna Capital. Die Aktionäre seien besorgt. Der Aktienkurs sei zwar niedrig. Aber angesichts der niedrigen Gewinnmargen sei die Bewertung immer noch relativ hoch.
Der Handelsexperte Julian Skelly vom Beratungshaus Publicis Sapient lobt, dass Jassy in die Nutzung von generativer KI investieren will. „In einer Zeit wirtschaftlicher Schwierigkeiten ist es gut, zu sehen, dass Amazon an seinen Kernwerten festhält: Erfinden und Vereinfachen“, kommentiert er.