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Softwarekonzern Ferngesteuert in die Zukunft: Teamviewer profitiert von der Coronakrise

Teamviewer gehört zu den wenigen Gewinnern der Pandemie: Die Software zur Wartung und Steuerung von Computern aus der Ferne ist gefragter denn je.
12.05.2020 - 17:52 Uhr Kommentieren
Teamviewer ist eine Fernwartungssoftware für Screen-Sharing, Videokonferenzen, Dateitransfer und VPN. Quelle: imago images / Arnulf Hettrich
Firmensitz von Teamviewer

Teamviewer ist eine Fernwartungssoftware für Screen-Sharing, Videokonferenzen, Dateitransfer und VPN.

(Foto: imago images / Arnulf Hettrich)

Düsseldorf In der Coronakrise haben zahlreiche Unternehmen die Prognosen für das Geschäftsjahr kassiert. Auch Teamviewer hat am Dienstag eine Korrektur vorgenommen – allerdings nicht nach unten, sondern nach oben: Durch die Ausgangsbeschränkungen in aller Welt ist die Nachfrage nach Lösungen, die die Arbeit im Homeoffice oder die Steuerung von Anlagen aus der Ferne ermöglichen, massiv gestiegen.

Im ersten Quartal wuchs das Geschäft des Softwareherstellers, der seit September an der Börse notiert ist, auf ein Rekordniveau. Die sogenannten Billings, die den Auftragseingang beschreiben, stiegen um 75 Prozent, die Basis der zahlenden Abonnenten wuchs um elf Prozent auf 514.000.

Da die gute Entwicklung im April angehalten hat, ist das Unternehmen optimistisch, die bisherigen Erwartungen für den Umsatz zu übertreffen – auch wenn „die gesamtwirtschaftliche Unsicherheit die Vorhersehbarkeit für den Rest des Jahres einschränkt“.

Dabei betont Konzernchef Oliver Steil, dass es sich nicht bloß um einen Kriseneffekt handelt, sondern vielmehr um die Beschleunigung eines Prozesses, der schon vorher angefangen hatte. „Corona ist ein Katalysator, der dafür sorgt, dass sich viel mehr Unternehmen Gedanken über die Digitalisierung machen müssen, und das sehr schnell. Dadurch haben wir zusätzliche Nachfrage bekommen“, sagt der Chef des Göppinger Unternehmens im Gespräch mit dem Handelsblatt.

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    Davon profitiert Teamviewer, das Lösungen anbietet, die die Zusammenarbeit aus der Ferne ermöglichen oder erleichtern, etwa durch die Fernwartung von PCs. „Einige Unternehmen nehmen Corona zum Anlass, um stetig die Digitalisierung voranzutreiben. Andere Unternehmen mussten Notfallpläne aufsetzen, weil sie überhaupt nicht vorbereitet waren“, sagt Steil.

    So oder so: Die Bereitschaft, sich mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen, sei durch die Coronakrise deutlich gestiegen. „Viele Entscheidungen, die vielleicht sonst in ein oder zwei Jahren anstehen würden, fallen jetzt, und sie sind umfangreicher“, sagt Steil.

    Die wichtigste Kennziffer für die Entwicklung des Geschäfts sind die sogenannten Billings: Sie beschreibt, in welcher Höhe das Unternehmen im jeweiligen Zeitraum für seine Abolösungen Rechnungen stellen kann. Dieses Auftragsvolumen wuchs im ersten Quartal um 75 Prozent auf ein Rekordniveau von 119,7 Millionen Euro und entwickelte sich damit deutlich besser als prognostiziert. Im Umsatz schlägt sich das noch nicht direkt nieder, weil die Billings über die Vertragslaufzeit gebucht werden. Im ersten Quartal belief sich der Erlös auf knapp 103 Millionen Euro, ein Plus von 18 Prozent.

    Grafik

    Dabei profitiert der Softwarehersteller von seiner Internationalisierung: Die Kunden investieren nicht nur in Europa, sondern zunehmend auch in Asien und Amerika, wo Teamviewer den Vertrieb in den letzten Monaten deutlich ausgebaut hat. Umso deutlicher spiegeln sich die Kriseneffekte bereits im Ergebnis für den Zeitraum von Januar bis März, als die Corona-Epidemie China und Italien deutlich stärker betraf als andere Länder.

    Der bereinigte operative Gewinn (Ebitda), den Teamviewer ebenfalls als wichtigen Indikator sieht, stieg sogar um 96 Prozent auf fast 74 Millionen Euro. Hier profitiert der Softwarehersteller von Skaleneffekten: Die Kosten für neue Kunden sind relativ gering. Wegen Sondereffekten wie anteilsbasierten Vergütungen und höheren Kosten für den Vertrieb sank das Konzernergebnis allerdings um mehr als 50 Prozent auf 12,1 Millionen Euro.

    Nachdem auch das zweite Quartal für Teamviewer gut gestartet ist, hat das Unternehmen seine Prognose für das Gesamtjahr angehoben, die Billings sollen statt 430 bis 440 Millionen Euro nun 450 Millionen Euro betragen, der Umsatz mindestens ebenso viel. „Die ersten vier Monate waren sehr stark. Wir gehen nicht davon aus, dass das auf dem Niveau bleiben wird, können aber dennoch unsere ursprüngliche Prognose für das Gesamtjahr erhöhen“, sagt Finanzchef Stefan Gaiser.

    Die kritische Frage für das Unternehmen ist, ob die Kunden dessen Leistungen nach Ablauf der Jahresabos im ersten und zweiten Quartal 2021 weiter beziehen wollen. Das Management ist optimistisch: „Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass die Abwanderungsquote bei unseren Kunden sehr gering ist.“ Soll heißen: Wer die Lösung bei der Digitalisierung eingeführt hat, nutzt sie meist auch weiter.

    Von der PC-Hilfe zur ferngesteuerten Fabrik

    Bekannt geworden ist Teamviewer mit seinem gleichnamigen Produkt zur Fernwartung. Es handelt sich um eine Software-Lösung, mit der sich Servicetechniker aus der Ferne auf einen anderen Computer aufschalten können. Auf diese Art und Weise werden heute bereits viele technische Probleme von Mitarbeitern in Unternehmen gelöst. Für Privatkunden ist das Produkt kostenlos erhältlich. So kommt der IT-Konzern auf die Zahl von mittlerweile 2,25 Milliarden Geräten, auf denen seine Software installiert ist.

    Auf Basis dieser Grundfunktionen bietet Teamviewer passgenaue Lösungen für Unternehmen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen – jeweils im Jahresabo. „Sie können zwei Rechner mit Teamviewer so verbinden, dass der eine von dem anderen gesteuert werden kann“, sagt CEO Oliver Steil und stellt klar: Gemeint sind nicht nur Computer mit Tastatur und Maus, sondern auch Industrieroboter und alle denkbaren IT-Geräte.

    Der CEO von Teamviewer verfolgte den Börsenstart seines Unternehmens Ende September 2019 an der Frankfurter Börse. Quelle: Reuters
    Oliver Steil

    Der CEO von Teamviewer verfolgte den Börsenstart seines Unternehmens Ende September 2019 an der Frankfurter Börse.

    (Foto: Reuters)

    Egal, ob ein Servicetechniker, der aus der Ferne einen Aufzug wartet, ein Experte, der eine Maschine programmiert, oder ein Banker, der auf dem Server eine Überweisung auslösen möchte – „Sie können auf den entfernten Endgeräten genauso arbeiten, als säßen Sie davor“, sagt Steil.

    Teamviewer bemüht sich etwa mit der Lösung Tensor, Großkunden zu gewinnen: Diese erleichtert Kunden die Verwaltung, Integration und Absicherung der Software. Mehr als 300 Lizenzen verkaufte der Konzern im ersten Quartal. Es gibt aber auch Software zur Steuerung vernetzter Geräte in der Industrie 4.0 und eine Augmented-Reality-Lösung für Smartphones und smarte Brillen – sie soll Mechanikern ermöglichen, bei Reparaturarbeiten Hilfe aus der Ferne hinzuzuschalten.

    Mit Blizz hat der IT-Konzern zudem eine Lösung für Videokonferenzen im Angebot, die ähnlich wie Zoom, Webex oder Skype funktioniert. Sie war immer schon Bestandteil der Teamviewer-Software und wird seit einigen Jahren als eigenes Produkt angeboten. „Durch Corona haben wir viele Anfragen bekommen – es hilft, dass wir ein deutsches Unternehmen sind und das datenschutzkonform anbieten“, sagt Steil. In den Wettbewerb einsteigen will er aber nicht: „Der Videomarkt ist sehr umkämpft, und für uns ist das nur eine Aktivität am Rande.“

    Die Krise als Chance für Übernahmen

    Teamviewer profitiert in der Krise aber nicht nur von der Nachfrage nach seinen eigenen Produkten, sondern auch von den Schwierigkeiten anderer Unternehmen. Schon vor der Krise hatte Teamviewer bekundet, sich nach möglichen Zukäufen umsehen zu wollen, um strategisch in Zukunftsfeldern zu wachsen.

    Nun befindet sich die Firma in einer überraschend komfortablen Lage: „Durch die Krise könnte das ein oder andere Unternehmen verfügbar werden, das vorher nicht verfügbar war“, sagt Steil. „Vielleicht werden sich auch die Bewertungen bei dem ein oder anderen Unternehmen auf einem günstigeren Niveau einpendeln.“

    Konkrete Pläne für Übernahmen habe Teamviewer derzeit nicht, sagt Steil, aber man beobachte den Markt. Eine Kaufsumme im ein- oder zweistelligen Millionenbereich könne man aus den Barmitteln aufbringen. Damit ließe sich etwa ein strauchelndes Start-up in der Frühphase akquirieren. Aber auch größere Zukäufe sind nicht ausgeschlossen: „Bei größeren Transaktionen müssten wir dann schauen, wie wir diese finanzieren.“ Er habe das gute Gefühl, „viel Handlungsspielraum“ zu haben.

    Die Liquidität kann das Göppinger Unternehmen auch so gut gebrauchen: Es will den Schuldenabbau vorantreiben und angesichts der schwierige Wirtschaftslage auch ein paar Reserven anlegen. Außerdem will es angesichts der großen Nachfrage weiter in die Belegschaft investieren. „Wir brauchen mehr Kapazität im Service, daher haben wir den geplanten Personalaufbau beschleunigt“, nennt Steil ein Beispiel. Die Kontaktbeschränkungen sind für den Softwarehersteller kein Problem: Neue Mitarbeiter werden mithilfe der eigenen Programme ins Unternehmen eingeführt. Bis Jahresende sollen es 400 sein.

    Nach einem eher schwierigen Start an der Börse im September 2019 hat sich Teamviewer gut entwickelt, die Aktie liegt mit einem Kurs von rund 44 Euro auf einem Allzeithoch. Bereits Ende Dezember stieg das Unternehmen in den MDax und den Tech-Dax auf. Weil andere Großkonzerne in der Coronakrise straucheln, scheint schneller als gedacht der Aufstieg in den Dax möglich. Immerhin ist der Softwarehersteller mit einer Marktkapitalisierung von rund 8,8 Milliarden Euro inzwischen an der Börse mehr wert als einige Dax-Konzerne, etwa die altehrwürdige Lufthansa oder der Chemiehersteller Covestro.

    Gegen einen raschen Aufstieg in den Dax spricht allerdings, dass die Private-Equity-Gesellschaft Permira nach wie vor 51,5 Prozent der Aktien hält. Denn: Für die Aufnahme in den Dax zählt nicht der gesamte Börsenwert, sondern der im Streubesitz – und daran gemessen sind andere Unternehmen wertvoller als Teamviewer, vor allem der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen.

    Mehr: Mehr als 40 Millionen Euro – Teamviewer-Chef Steil erhält Rekordvergütung

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