US-Boykott: Smartphone-Produktion von Huawei droht empfindlicher Rückschlag
Nur in China läuft das Geschäft des Smartphone-Herstellers noch rund.
Foto: AFPPeking, Düsseldorf. Es ist nur wenige Tage her, dass Huawei einen historischen Erfolg vermelden konnte. Im zweiten Quartal war das chinesische Unternehmen erstmals der größte Smartphone-Hersteller der Welt, vor den Weltmarken Samsung und Apple – trotz der Sanktionen der US-Regierung unter Präsident Donald Trump. Das Management feierte nach den Zahlen des Marktforschers Canalys die „außerordentliche Widerstandsfähigkeit in diesen schwierigen Zeiten“.
Es dürfte ein kurzer Triumph sein. Huawei steht bei der Produktion von Smartphones vor großen Schwierigkeiten. Aufgrund der Handelsbeschränkungen, die die USA gegen China erlassen haben, dürfen amerikanische Chiphersteller wie Qualcomm bereits keine Prozessoren mehr zuliefern.
Nun stellen auch Auftragsfertiger, die wichtige Komponenten nach Vorlagen des chinesischen Konzerns herstellen, die Zusammenarbeit ein. Der Boykott hat das Potenzial, die Machtverhältnisse auf dem Smartphone-Markt umzuwälzen.
Betroffen ist beispielsweise die leistungsstarke Prozessorenserie Kirin: Die Produktion werde am 15. September enden, sagte Richard Yu, der die Sparte für Verbraucherprodukte leitet, in der vergangenen Woche auf einer Industriekonferenz. „Das ist ein großer Verlust für uns“, erklärte der Topmanager laut dem chinesischen Wirtschaftsmagazin „Caixin“. Das Unternehmen habe für die Smartphone-Produktion insgesamt „keine Chips und keinen Vorrat mehr“.
Das Problem: Die Auftragsfertiger benötigen für ihre Fabriken Anlagen aus den USA oder befreundeten Ländern. Damit sind auch sie in der Regel von den Sanktionen betroffen. „Unglücklicherweise haben unsere Chiphersteller in der zweiten Runde der Sanktionen nur Bestellungen bis zum 15. Mai akzeptiert“, sagte Yu. Die Produktion werde daher in einigen Wochen enden. Huawei selbst, so der Manager, habe nicht die Fähigkeit, Chips zu produzieren.
Im Mai 2019 hatte die US-Regierung den Verkauf oder Transfer amerikanischer Technologie an Huawei massiv eingeschränkt. Mitte Mai erließ Handelsminister Wilbur Ross zusätzliche Beschränkungen, die auf die Fertigung von Chips im Ausland zielten.
Trotz verstärkter Förderung durch die Regierung in Peking kann die chinesische Chipindustrie mit internationalen Wettbewerbern nicht mithalten. Beim Design der Halbleiter hat China zwar aufgeholt. So zählt die Huawei-Tochter HiSilicon zu den zehn besten Unternehmen auf diesem Gebiet. Doch bei der Produktion der Mikroprozessoren sei die Ausgangsbasis „extrem klein und unentwickelt“, urteilt IC Insights.
Huawei steht nun vor einem massiven Problem. Im ersten Halbjahr hat der Hersteller seinen Marktanteil nach Einschätzung von Beobachtern zwar halten oder sogar ausbauen können, weil der Absatz in der Coronakrise nicht so stark sank wie etwa bei Samsung oder Xiaomi. Das verdanke das Unternehmen jedoch ausschließlich dem Geschäft in China, erläutert Annette Zimmermann, Analystin bei Gartner: Nach der Corona-Epidemie habe sich der Markt dort schnell erholt – „das war aber der einzige positive Faktor“.
Findet Huawei Alternativen?
Für das zweite Halbjahr erwartet Zimmermann deutlich größere Schwierigkeiten. So werde es außerhalb von China immer schwieriger, Huawei-Produkte zu verkaufen, selbst rabattiert. Die Smartphones mit Diensten von Google, die das Unternehmen noch verkaufen darf, sind inzwischen mehr als ein Jahr alt. Neuere Modelle müssen aufgrund der Sanktionen ohne den App Store und viele andere Helfer auskommen.
Daraus ergeben sich Chancen für die Konkurrenz. „Samsung wird im Geschäftskundenbereich der große Gewinner sein, weil es die einzige größere Alternative ist“, sagte Zimmermann dem Handelsblatt. Im Privatkundengeschäft verzeichnen andere chinesische Hersteller derzeit große Zuwächse, gerade in Europa. „Oppo, Vivo und Xiaomi sind die großen Gewinner.“
Nach Einschätzung von Gartner könnte Huawei kurzfristig andere Zulieferer suchen, beispielsweise Mediatek aus Taiwan oder Unisoc aus China. Langfristig sei der Aufbau eigener Kapazitäten denkbar. Das Analysehaus sieht Anzeichen, dass es dafür ernsthafte Überlegungen gibt und das Management bereits Teams aufstelle. Das Unternehmen war am Montag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.