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Zwischenbilanz Neuer Stil bei SAP: Das Führungsduo muss den Software-Konzern umbauen

Die neuen Co-Chefs Christian Klein und Jennifer Morgan setzen bei SAP erste Akzente. Die großen Herausforderungen wie ein Neuaufbau der Unternehmensstruktur stehen aber noch an.
27.12.2019 - 13:45 Uhr Kommentieren
Vor den neuen SAP-Chefs liegt eine Menge Arbeit. Quelle: Reuters (M)
Jennifer Morgan und Christian Klein

Vor den neuen SAP-Chefs liegt eine Menge Arbeit.

(Foto: Reuters (M))

Düsseldorf Ein guter Witz enthält zumindest ein Stück Wahrheit. Und so sagt Christian Klein: „Um es Ihnen ganz ehrlich zu sagen: Diese vier Wochen fühlen sich manchmal an wie zehn Jahre.“ Er grinst dabei schief, Jennifer Morgan kichert.

Die beiden neuen Co-Chefs von SAP stehen an diesem Novembermorgen in einem nüchternen Konferenzraum. Vor ihnen sind die Reihen dicht besetzt, rechts von ihnen ist durch die Fensterfront Manhattan zu sehen. Eigentlich sollte Bill McDermott hier stehen: Der Manager, lange das Gesicht von SAP, hatte diesen außerordentlichen Kapitalmarkttag selbst angesetzt, ist kurz zuvor aber zurückgetreten. Und so begrüßen die beiden die Investoren.

„Es war ein recht ereignisreicher Monat“, sagt Morgan. In der Tat: Als Aufsichtsratschef Hasso Plattner die beiden Manager im Oktober nach Kalifornien lud, um „über die Zukunft von SAP“ zu reden, überraschte er sie mit seinen Plänen. Es folgten Pressekonferenzen und Interviews, „All Hands Meetings“ mit den Kollegen und Gespräche mit den Kunden. Viel Zeit, sich auf die neuen Rollen einzustellen, hat es bislang nicht gegeben. Zumal gerade der Jahresabschluss läuft.

Offiziell lautet die Botschaft daher: Kontinuität. Doch bei genauerem Hinsehen setzen Klein und Morgan bereits Akzente. Sie schlagen einen sachlicheren Ton an als ihr Vorgänger, der in der Öffentlichkeit die Begeisterung eines Sportkommentators ausstrahlt.

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    Und sie reden mehr und konkreter über die Probleme der Kunden, die zuletzt offenkundig geworden sind. Der Start, so sehen es die meisten innerhalb und außerhalb von SAP, ist gelungen. Die großen Herausforderungen kommen aber noch, zum Beispiel eine Neuordnung der Organisation.

    Doppelspitze ist ungewöhnlich für SAP

    Dass zwei Chefs an der Spitze stehen, ist für SAP nicht ungewöhnlich. In Übergangsphasen hat der Softwarehersteller immer wieder auf dieses Konstrukt gesetzt. Auch jetzt stehen große Veränderungen an, trotz der hervorragenden Finanzen. Die Umstellung des Geschäftsmodells aufs Cloud Computing beschäftigt die Organisation immer noch. Gleichzeitig wird die Integration der vielen Produkte, die seit jeher ein zentrales Versprechen ist, immer wichtiger. Die Kunden murren, die Konkurrenten hoffen auf ihre Chance.

    Erfolgreich verkaufen, systematisch entwickeln: Die Doppelspitze soll beides schaffen. Klein und Morgan hätten gezeigt, dass sie sich „perfekt ergänzen“, erklärte Aufsichtsratschef Hasso Plattner bei der Ernennung. Der Deutsche ist verantwortlich für interne Veränderungen, einschließlich der Zusammenführung der verschiedenen Produkte, die Unternehmen mit immer mehr Nachdruck fordern – die Geschäftsprozesse, um die es geht, versteht er selbst bis ins Detail.

    Die Amerikanerin wiederum hat sich als Vertriebschefin und Leiterin des Amerikageschäfts bewährt, sie wird weiter viele Kundenbesuche absolvieren. Zudem leitet sie die Cloud Business Group, in der etliche Zukäufe wie Qualtrics und Concur zusammengefasst sind. In der Zentrale in Walldorf, wo Klein sein Büro hat, wird Morgan nur alle paar Wochen erscheinen – die beiden teilen sich die wichtigsten Standorte auf.

    Trotz dieser Aufgabenteilung ist das Organigramm noch nicht vollständig gezeichnet. Es gilt, die Aufgaben von Bill McDermott zu verteilen, der beispielsweise fürs Marketing und die „Go-to-market“-Strategie verantwortlich war, und für das neue Vorstandsmitglied Thomas Saueressig, der seit November dabei ist, eine Organisation aufzubauen.

    Grafik

    Zudem ist die Produktentwicklung weiter auf drei Ressorts aufgeteilt. Die Tochterfirmen arbeiten weitgehend unabhängig von dem Team, das das Programmpaket S/4 Hana entwickelt. Gerade das ist ein Problem: Die Kunden verlangen eine Kombination der Einzelteile zu einem großen Ganzen, und sie benötigen konkrete und verlässliche Pläne.

    Insbesondere beim Marktforschungsspezialisten Qualtrics, den SAP für acht Milliarden Dollar übernahm, steht viel Arbeit an. Ein beträchtlicher Teil der Kunden kennt die Lösungen noch nicht, obwohl das SAP-Management keine Gelegenheit auslässt, darüber zu reden. Und von denen, die damit etwas anfangen können, bezweifeln viele noch, dass die Software ihnen etwas bringt.

    „SAP muss bei der Produktentwicklung schneller und effizienter werden“, sagt daher Holger Müller, Analyst bei Constellation Research und intimer Kenner des Unternehmens. „Dafür braucht es eine schnelle und effiziente Organisation.“ Das neue Führungsduo müsse zeigen, wie es „SAP beschleunigen will“.

    Das Bewusstsein für das Problem ist vorhanden: Eine Hauptaufgabe bestehe darin, „die Firma so zusammenzubringen und die Bereiche so zu integrieren“, dass die Vereinfachung im großen Maßstab gelinge, sagte Morgan dem „Spiegel“.

    Dafür müssen die beiden Co-Chefs aber gut zusammenarbeiten. „Bei uns stimmt die persönliche Chemie“, betont die Amerikanerin. „Wir machen einen harten Job. Das geht nur, wenn man Spaß hat und Vertrauen zueinander.“ Insider trauen Klein und Morgan eine gute Zusammenarbeit zu: Beide gelten als verträglich, bei ihren gemeinsamen Auftritten wirken sie harmonisch – und sie betonen, in der Vergangenheit schon erfolgreich zusammengearbeitet zu haben. Spannend dürfte es werden, wenn die erste Krise entsteht.

    Mehr Nüchternheit

    Jennifer Morgan veröffentlicht Selfies mit SAP-Mitarbeitern in Buenos Aires und Paris, Christian Klein lässt sich auf einer Asienreise mit Landestracht fotografieren: Die beiden neuen Co-Chefs dokumentieren ihre Auftritte regelmäßig auf LinkedIn und Twitter, sie melden sich mit Podcasts und Blogposts zu Wort. Auch Bill McDermott nutzt die sozialen Medien, aber deutlich weniger – eine neue Generation bedeutet eine andere Kommunikation.

    Trotz des allgegenwärtigen Lächelns zieht bei SAP eine neue Nüchternheit ein. Der langjährige SAP-Chef war dafür bekannt, dass er in der Öffentlichkeit mit grenzenlosem Optimismus auftrat, der keinen Platz für Probleme ließ, und bei der Problemlösung Empathie versprach, aber zumeist im Ungefähren blieb.

    Die Neuen gestehen die Schwierigkeiten mit ungewohnt deutlichen Worten ein. Mit den Kunden „beginnt und endet alles“, gelobt die Amerikanerin. Die Cloud-Produkte sollen bis 2020 vollständig integriert sein, verspricht der Deutsche. Einige Richtungsentscheidungen sind bereits getroffen, teils noch unter dem vorherigen Chef – so soll eine Reorganisation gewährleisten, dass sich die Entwickler beim Programmpaket S/4 Hana an den Problemen der Kunden orientieren. Zudem arbeitet SAP an einem einheitlichen Datenmodell, dass die Vernetzung der verschiedenen Programme erleichtert.

    Wie sich das Versprechen konkret bemerkbar machen wird, ist indes noch nicht klar. Die Kunden benötigten jedoch Planungssicherheit, sagt Analyst Holger Müller. Spätestens im Januar, wenn die Vertriebler bei den „Field Kickoff Meetings“ aufs neue Jahr eingeschworen werden, müsse es mehr Details geben – dann wird eine Vorentscheidung getroffen, wie der Softwarehersteller das Jahr über öffentlich auftritt. Parallel zu ihren vielen Antrittsbesuchen und Kundengesprächen müssen Morgen und Klein bereits das neue Jahr planen.

    Feiern mit Wehmut

    Ende November steht Christian Klein auf einer Bühne in Walldorf, mit ihm mehrere Vertreter des Managements, darunter Deutschland-Chef Daniel Holz. „DANKE!“, steht auf den Schildern, die sie hochhalten. Zum Jahreswechsel verabschieden sich rund 4400 Mitarbeiter vom Unternehmen, die das großzügige Abfindungs- und Vorruhestandsprogramm nutzen, davon mehr als 1000 in Deutschland. Große Konflikte mit den Arbeitnehmervertretern hat der Vorstand vermieden – nun wird in der Kantine gemeinsam gefeiert.

    Es ist in diesen Wochen nicht die einzige Party in Walldorf. Zahlreiche SAPler, die nach Jahren und Jahrzehnten den Softwarehersteller verlassen, treffen sich in Konferenzräumen und Kaffee-Ecken mit ihren Kollegen. Es herrscht eine Mischung aus Wehmut und Aufbruch, so ist in der Belegschaft zu hören. Im neuen Jahr wird SAP – zumindest in der Zentrale – ein anderes Unternehmen sein.

    Der Softwarehersteller betont, dass er nicht allein die Kosten senken, sondern Wachstum mit Technologien wie Cloud Computing und Künstlicher Intelligenz finanzieren will. Die Altersstruktur spielt dabei eine Rolle: Auf der Kundenkonferenz Sapphire betonte Aufsichtsratschef Hasso Plattner, selbst 75, dass es für die nächsten großen Entwicklungsschritte junge Leute mit frischer Denke brauche.

    Mit den langjährigen Mitarbeitern verlässt jedoch viel Wissen über Geschäftsprozesse SAP – das gilt als Alleinstellungsmerkmal des Softwareherstellers und wird auch künftig benötigt, zum Beispiel bei der Weiterentwicklung von Produkten. Arbeitnehmervertreter fürchten, dass die Arbeit dadurch im kommenden Jahr deutlich erschwert wird.

    „Es gibt keine zentral organisierten Übergaben“, sagt Betriebsrat Andreas Hahn. Der Wissenstransfer sei „sehr kurzfristig ausgerichtet“. Auch das könnte dem neuen Führungsduo Arbeit bereiten. Der Verdi-Vertreter befürchtet, dass dadurch die Weiterentwicklung von Produkten leiden könnte: Das Wissen über Geschäftsprozesse aus der klassischen IT-Welt ist in der Cloud genauso wichtig.

    Mehr: Der SAP-Konzern beweist ein weiteres Mal seine Innovationskraft. Doch die neue Doppelspitze könnte für Traditionalisten eine Provokation sein. Ein Gastbeitrag von Karl-Theodor zu Guttenberg.

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