Holzki wie Holz mit KI: Ist Arbeit weniger wert, weil die KI sie macht?
Mir ist egal, wie viele Stunden Sie Ihren Kunden in Rechnung stellen. Wenn Sie mit ChatGPT in fünf Minuten tun, wofür Sie bisher fünf Stunden brauchten – schön für Sie. Und wenn Sie weiter Arbeit in gleichem Umfang abrechnen können – noch besser. Kaufen Sie sich in der restlichen Zeit doch ein Erdbeereis, und erfreuen Sie sich Ihrer Finesse.
Die Klarstellung ist mir wichtig, bevor es wieder zu Missverständnissen kommt. Denn das hatten wir Anfang der Woche schon mal.
Da hatte ich in meinem Newsletter berichtet, dass eine Künstliche Intelligenz Mitarbeitern der Otto Group durchschnittlich 30 Minuten Zeitersparnis pro Woche bringt. Bei Intensivnutzern sind es sogar drei Stunden, so das Ergebnis einer Umfrage. Und je nach Aufgabenfeld und KI-Affinität ist sicher noch mehr drin.
30 Minuten, drei Stunden – einerlei. Bei mir haben die Berichte über Produktionsgewinne durch KI Fragen aufgeworfen: Werden Dienstleistungen bereits günstiger, weil Anbieter Arbeitszeit durch KI einsparen? Entsteht in einigen Sektoren nun ein Kostendruck? Oder tun die KI-Pioniere und „Early Adopter“ vielmehr so, als wäre nichts passiert?
Ganz direkt hatte ich Leserinnen und Leser gefragt: Wie gehen Sie damit um, wenn Sie dank KI weniger Zeit benötigen, um einen Auftrag zu erfüllen? Rechnen Sie trotzdem die gleiche Stundenzahl wie bisher ab?
„Dass mir das Handelsblatt jetzt als Dienstleister erklären will, dass ich meine mit KI-Unterstützung erbrachte Leistung billiger verkaufen soll, empfinde ich als gewissen Treppenwitz“, schrieb mir ein angefasster Nutzer des Karrierenetzwerks LinkedIn daraufhin. (Lediglich die Orthografie habe ich hier zugunsten besserer Lesbarkeit korrigiert. Wer schert sich schon um Rechtschreibung, wenn ihm Unrecht widerfährt.)
Er spare mit dem Einsatz von neuen Sprachmodellen circa einen Arbeitstag pro Woche und könne Dinge fertigbringen, die ihm vorher nicht möglich waren.
Aber deswegen auch weniger berechnen? Für das gleiche Ergebnis? „Sollte es nicht auf Output und Qualität ankommen und nicht darauf, mit welchem Werkzeug man arbeitet?“, fragte der aufgebrachte Unternehmer.
Von mir aus: ja, bitte!
Ich denke, der gute Mann und ich hätten uns prima verstanden, wenn er meine Fragen nicht mit Vollkaracho in den falschen Hals bekommen hätte. Die angestoßene Debatte jedenfalls entwickelte sich aus meiner Sicht super. Meine LinkedIn-Blase einigte sich für mich völlig überraschend darauf, dass das Konzept des Stundenlohns so oder so völlig überholt sei
Wer Arbeit nur über Zeit definiere, verharre in einer alten Welt, die Menschen auf „Abarbeitungsmaschinen“ reduziere, schrieb ein anderer Nutzer. Bei Auftraggeber wie bei Auftragnehmer sei doch etwas „gehörig schiefgelaufen“, wenn ein Preisnachlass wegen Zeitersparnis gefordert und dann auch noch gewährt würde.
Und ein Dritter erinnerte an die Geschichte des Kunden, der sich über eine hohe Rechnung beschwerte, nachdem sein Auftrag in nur 20 Minuten erledigt worden war. Die Antwort des weisen Dienstleisters: „Ich habe Jahrzehnte gelernt, um 20 Minuten zu brauchen.“
Beitrag um Beitrag entstand bei mir der Eindruck, ich sei die Einzige, die das Prinzip Zeit gegen Geld bis dato für allgemein akzeptiert hielt. Und das ist doch erfrischend, wo uns die Pflicht zur Zeiterfassung gerade erst ernsthaft Diskussionen darüber eingebracht hat, ob Tee, Tratsch und Toilette eigentlich Arbeitszeit sind. So ein Gefeilsche ums Ein- und Ausstempeln bleibt uns mit Bot-Dienstleistern jedenfalls erspart.
Und dennoch stellt sich für mich die Frage, wie wir den Wert von Arbeit bemessen, wenn KI übernimmt und Stundenlöhne überholt sein könnten? Vielleicht, so schoss es mir schließlich durch den Kopf, ist es ganz recht, die Leistung von Bots in Menschenarbeitsstunden zu berechnen.
Damit können unsere Enkelkinder dann zwar nichts mehr anfangen. Aber so geht es mir ja auch, wenn irgendein Porsche seine PS auf die Straße bringt. Ich kann mir unter der Leistung von 650 Pferdestärken wirklich nichts vorstellen. Aber sie geben eine Vergleichbarkeit – und erinnern irgendwie auch an eine gute alte Zeit.